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Sichere Konzerte sind auch in Corona-Zeiten möglich

Wie hoch die ist die Infektionsgefahr bei Konzerten? Das Bendzko-Experiment in Leipzig zeigt: Ein pauschales Verbot ist möglicherweise nicht sinnvoll.

Tim Bendzko gab im August in der Arena Leipzig ein Konzert, das gleichzeitig auch ein Experiment war.
Tim Bendzko gab im August in der Arena Leipzig ein Konzert, das gleichzeitig auch ein Experiment war. © dpa/Hendrik Schmidt

Halle. Die Dramaturgie könnte nicht besser sein. Sagt Professor Michael Gekle, und der Dekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Halle meint das gar nicht mal zynisch. Der Verdacht liegt natürlich nahe. Denn während Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstagvormittag in einer Regierungserklärung den nächsten Corona-Lockdown verteidigt, präsentieren Gekle und seine Kollegen zeitgleich die Ergebnisse der sogenannten Restart-19-Studie. Und die stehen den neuesten Corona-Beschlüssen konträr entgegen. 

Oder um es etwas zugespitzt auf den Punkt zu bringen: Ein Lockdown für Freizeit- und Sportveranstaltungen ist die falsche Entscheidung.

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Das extra für die Restart-19-Studie veranstaltete Konzert-Experiment mit Popstar Tim Bendzko im August in der Arena Leipzig hat nämlich ergeben: Große Kultur- und Sportveranstaltungen in Hallen mit vielen Zuschauern sind auch während einer Pandemie möglich. Allerdings, das ist wenig verwunderlich, nur unter bestimmten Bedingungen. Für komplexe Lagen, meint Mediziner Gekle, gebe es sowieso keine einfachen Lösungen. Vielmehr gehe es um die Frage, wann aus Wagnis Wahnsinn werde und aus Vorsicht Schaden.

Ermutigende Zeichen für die Veranstaltungsbranche

Darauf, und der Stolz ist ihm anzusehen, haben die Wissenschaftler jetzt Antworten gefunden. Dazu gehören moderne Belüftungssysteme mit Frischluftzufuhr, strenge Hygiene- und Abstandsregeln, weniger Zuschauer als sonst üblich, permanente Maskenpflicht und Sitzplatzpflicht. Kurz zusammengefasst sind das die Empfehlungen der Experten an die politischen Entscheider. Für einen von ihnen, Sachsen-Anhalts Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Armin Willingmann, sind damit nun neue Standards gesetzt, „die wieder größere Veranstaltungen möglich machen“.

Inmitten des allgemeinen Unmuts über die neuen Corona-Festlegungen, die insbesondere wieder die Veranstaltungsbranche treffen, dürften das ermutigende Signale sein – passend zu Bendzkos größtem Hit „Nur noch kurz die Welt retten.“ Wenngleich die Wissenschaftler derzeit ausverkaufte Häuser kategorisch ausschließen, gibt es nun doch belastbare Fakten und zudem erste konkrete Handreichungen für Großveranstaltungen.

Bei einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von 35 könnte demnach trotzdem die halbe Hallenkapazität ausgeschöpft werden, beim aktuell gültigen Wert von 50+ ist es immer noch ein Viertel. Grundvoraussetzung sei allerdings eine Belüftungstechnik, die einen regelmäßigen Austausch der Raumluft mit frischer Luft ermöglicht. 

Dies sei für das Ansteckungsrisiko eine entscheidende Schlüsselkomponente, erklärt Studienleiter Stefan Moritz von der Universitätsmedizin Halle. "Das ist das A und O." Die Forscher errechneten unter anderem, dass bei schlechter Belüftung das Infektionsrisiko bis zu 70 Mal höher ist. 

Riesige Datenmengen von 1.400 Konzertbesuchern

Unabdingbar für Großveranstaltungen sei zudem die Einhaltung strenger Hygienekonzepte mit Abstandsregeln und Maskenpflicht während der gesamten Veranstaltung. Zuschauer dürften auch nur auf Sitzplätzen das Geschehen verfolgen. Im Stehen bestehe die Gefahr unkontrollierter Kontakte und damit der Verbreitung des Corona-Virus - "wenn vier Menschen neben jemandem stehen und dann wieder andere", sagt der Infektiologe Moritz.

Die Wissenschaftler hatten in ihrer Studie verschiedene Szenarien simuliert - mit 8.000, 4.000 und 1.700 Zuschauern. Per Computer wurde zudem der Luftstrom, der Ausstoß der Aerosole in der Luft dargestellt und berechnet. Grundlage für die Studie war ein Konzert-Experiment am 22. August in der Arena Leipzig mit Popstar Tim Bendzko. Dabei erhoben die Wissenschaftler von den rund 1.400 freiwilligen Teilnehmern riesige Datenmengen.

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Das Forschungsprojekt "Restart-19" wurde mit rund 900.000 Euro von den Ländern Sachsen-Anhalt und Sachsen und der Universitätsmedizin Halle finanziert. Für Gekle steht jedenfalls jetzt fest: „Ein hygienisch gut kontrolliertes Konzert oder Handballspiel ist sicherer als eine Großhochzeit.“ (mit dpa)

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