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Wegen Corona: Tschechien macht die Kneipen zu

Seit Montag gelten schärfere Corona-Maßnahmen, doch nicht wenige Tschechen pfeifen darauf. Die Regierung hat nun weitere Regeln beschlossen.

Ein Mann geht bei Regen über die leere Karlsbrücke in Prag. Auch am Wochenende stiegen die Infiziertenzahlen in Tschechien.
Ein Mann geht bei Regen über die leere Karlsbrücke in Prag. Auch am Wochenende stiegen die Infiziertenzahlen in Tschechien. © dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Angesichts von mehr als 15.000 Menschen, die am vergangenen Freitag und am Wochenende zusammengenommen in Tschechien positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, hat die Regierung in Prag die Daumenschrauben noch stärker angezogen. Auch, weil am Montag die Zahl der Toten im Zusammenhang mit Covid die Marke von 1.000 überschritten wurde. Wie dringlich das Vorgehen der politischen Führung offenkundig war, wird daran deutlich, dass erst am Montag schon eine ganze Reihe von neuen Regeln in Kraft trat. So wurde unter anderem das komplette Kultur- und Sportleben eingefroren.

Das Problem für die Regierenden: Ihre Bitten, die Maßnahmen gegen Corona unbedingt einzuhalten, verhallen häufig ungehört. Eine Prager Zeitung schrieb am Montag über so manche Partyszene, die sich vor Kneipen bilde, wenn die um 20 Uhr schließen, aber über ein Fensterchen weiter Alkohol verkaufen dürften. „Wie eine Prozession von Narren, getreu dem Motto: Nach uns die Sintflut“, hieß es in dem Blatt. Eine andere Zeitung forderte auf ihrer Titelseite: „Schluss mit lustig - oder ein neuer Lockdown“.

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Große Kopfschmerzen bereiten der Führung des Landes nicht nur die EU-weit höchsten Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner, sondern vor allem auch die zunehmenden personellen Probleme im Gesundheitswesen. Zwar halten die Kliniken jetzt 2.500 zusätzliche Betten mit Beatmungsgeräten für schwere Krankheitsverläufe in Reserve. Es mangelt aber an Pflegepersonal. Derzeit sind knapp 4.500 Mitarbeiter im Gesundheitswesen selbst krank, darunter fast 1.000 Ärzte und 1.800 Schwestern.

Debatte zur Schulschließung

Diese Tatsache steht auch einer Ausweitung anderer Maßnahmen gegen die Pandemie im Weg. So wurde beispielsweise den ganzen Tag über erwogen, die untersten Klassen in den Schulen zu schließen. Doch diese Kinder müssten dann zu Hause betreut werden - von Eltern, die unter anderem auch im Gesundheitswesen tätig sind, namentlich von Krankenschwestern, die dann ihrerseits zusätzlich in den Kliniken fehlen würden.

Martin Balík, Chefarzt am Allgemeinen Universitätsklinikum Prag, rechnete im Fernsehen vor, dass sein Krankenhaus bis zu 30 Prozent seiner Mitarbeiter verlieren würde, wenn die mit ihren Kindern zu Hause bleiben müssten. „Wenn dies wirklich von der Regierung angeordnet wird, dann wird sie für zahlreiche Todesfälle verantwortlich sein, weil die Patienten nicht qualifiziert betreut werden könnten.“

Auch Schulleiter zeigten sich alles andere als begeistert über die Debatte zur Schulschließung speziell in den untersten Klassen: „Man kann Erstklässler, die gerade erst das Alphabet erlernen, nicht ernsthaft über das Internet anleiten wollen“, sagte eine der Direktorinnen.

Restaurants müssen schließen

Die längste Debatte führten die Minister in der Tat über das Schulproblem. Am Ende beschlossen sie die Schließung der Schulen für die unterste Stufe für 14 Tage, wie Regierungschef Andrej Babiš am Abend vor der Presse sagte. Gleichzeitig soll aber der Unterricht für Kinder von Mitarbeitern des Gesundheitswesens gewährleistet werden.

Von Mittwoch an müssen Restaurants, Klubs und Bars bis zum 3. November gänzlich geschlossen werden. Der Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit wird untersagt. Unter freiem Himmel sind nur noch Versammlungen von bis zu sechs Personen gestattet. Die Maskenpflicht wurde auf Haltestellen von Bus und Straßenbahn ausgeweitet. Insgesamt gelte es, die Kontakte der Menschen so weit es geht einzuschränken. Wenn der Reproduktionswert von jetzt 1,4 auf 0,8 gesenkt sei, könnte man die aktuellen Maßnahmen wieder aufheben. Wie der Regierungschef sagte, hat das Land „nur diesen einen Versuch“. Der müsse erfolgreich sein.

Von einem Lockdown war auf der Regierungspressekonferenz nicht die Rede. Der soll offenkundig unbedingt verhindert werden. In dieser Frage waren sich am Wochenende Regierungschef Babiš und Präsident Miloš Zeman einig. Zeman sprach zwar davon, dass das Land in einem „Krieg“ gegen Corona stehe, der „drakonische - oder wenn man so will - militärische Maßnahmen“ erfordere. Einen Lockdown aber lehnte er ab. „Den kann sich das Land nicht leisten.“

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Zeman forderte stattdessen Geldstrafen für Leute, die sich nicht an die Vorschriften hielten. Davon war aber am Montag von Seiten der Regierung noch nicht die Rede. Die beließ es erneut bei Ermahnungen, die Regeln unbedingt einzuhalten. Aber diese Ermahnungen klangen eindringlicher denn je.

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