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Tschechien: Lockerungen trotz vieler Toter?

Die Krematorien in Tschechien sind überlastet. Ein Minister denkt aber schon an ein Ende der harten Corona-Regeln.

Noch gelten strenge Regeln in Tschechien: Polizisten kontrollieren auf der ansonsten menschenleeren Karlsbrücke in Prag einen Radfahrer.
Noch gelten strenge Regeln in Tschechien: Polizisten kontrollieren auf der ansonsten menschenleeren Karlsbrücke in Prag einen Radfahrer. © Petr David Josek/AP/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

Seit mehr als einer Woche geht in Tschechien die Zahl der Corona-Infizierten stetig zurück. Das ist die gute Nachricht aus dem Nachbarland. Die schlechte ist, dass sich das bislang noch kaum auf die Zahl derer auswirkt hat, die in den Krankenhäusern behandelt werden müssen. 

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Immer häufiger müssen Patienten aus überfüllten Spitälern der Provinz mit Polizeieskorte über die Autobahnen nach Prag gebracht werden, wo noch ausreichend Platz ist. Und auch die Zahl der Toten im Zusammenhang mit Corona ist immer noch erschreckend hoch. Sie geht auf die 6.000 zu.

Das Krematorium in Ostrava (Mährisch-Ostrau) hat seine Kapazität zum Kühlen der Leichen verdoppelt, hieß es dieser Tage. Dies ist eine der ganz wenigen Nachrichten in den tschechischen Medien, die seit Beginn der Pandemie zum Thema Sterben erschienen ist. Doch plötzlich ist dieses Thema auf die ersten Seiten der Zeitungen gelangt. Die Begleiterscheinungen für die Hinterbliebenen sind nämlich alles andere als würdig.

Nach einer vermeintlichen Vorschrift aus dem Frühjahr werden Corona-Tote weder gewaschen noch neu angezogen. Sie werden in einem Sack aus dickem Plastikmaterial gelagert, der dann mit einem Reißverschluss zugezogen wird. Mit dem kommen sie in den Sarg. Noch einmal sehen dürfen die Angehörigen den Toten nicht. Mehr noch: die Friedhofsvorschriften verbieten Erdbestattungen der Corona-Toten, weil sich die Plastiksäcke ewig nicht auflösen. Da bleibt dann nur die Feuerbestattung, auch wenn der Tote eigentlich im Sarg im Familiengrab liegen sollte. Nun stellte sich heraus, dass die vermeintliche Vorschrift in vielen Teilen nur eine Empfehlung gewesen ist. Selbstverständlich könnten die Toten gewaschen werden, heißt es. Covid-19 gehöre nicht in eine Reihe mit wirklich hoch ansteckenden Krankheiten wie beispielsweise Ebola.

Viele tschechische Krankenhäuser sind am Limit.
Viele tschechische Krankenhäuser sind am Limit. © Dalibor Glück/CTK/dpa

Zu all dem Unglück kommt noch hinzu, dass die Corona-Regeln nur maximal zehn Anwesende bei einer Trauerfeier erlauben. „Die Leute verzichten dann lieber ganz auf die Trauerfeier, holen die Urne ab und verabschieden sich von dem Toten im privaten Kreis“, sagt ein Bestatter aus einem Ort in Mittelböhmen. Und einer aus Südböhmen ergänzt: „Es ist auch uns sehr unangenehm, den Hinterbliebenen sagen zu müssen, dass dieses und jenes nicht geht.“ Andere ignorieren die Regeln einfach. „Wer bin ich, dass ich Angehörigen den Abschied von ihrem Nächsten verbiete“, fragt eine Bestatterin aus Südmähren. „Ich zähle die Trauergäste nicht. Soll die Polizei zählen oder ein Minister.“

In der Regierung bricht sich dagegen angesichts der sinkenden Infektionszahlen sofort wieder Optimismus Bahn. Der R-Wert ist ebenfalls gefallen, von 1,5 vor einem Monat auf jetzt 0,8. Ab kommenden Mittwoch dürfen die Schüler der ersten und zweiten Klasse wieder in die Schulen zurück.

Obwohl das Kabinett im Parlament um eine neue Verlängerung des Ausnahmezustands bitten will, wagte Vizepremier Karel Havliček am Freitag in einem Zeitungs-Interview eine kühne Voraussage: „Wenn sich die Lage weiter so verbessert wie jetzt, können wir im Dezember alle Geschäfte, Restaurants, Hotels oder auch Skiareale öffnen. Auch wenn wir noch nicht genau versprechen können, ob das ab dem 28. November oder ab dem 5. Dezember gilt. Unsere Ambition ist, alles zu öffnen.“ Weihnachten werde zwar sicher nicht so sein wie in jedem anderen Jahr. Aber es gebe die Chance, alle Weihnachtseinkäufe pünktlich erledigen zu können.

Kommentatoren sehen solche und ähnliche Ankündigungen mit sehr gemischten Gefühlen. Seznam Zprávy beispielsweise sorgt sich, dass die Bevölkerung rasch wieder leichtsinnig werden könnte. Es sei unmöglich gewesen, alle Leute davon zu überzeugen, die von der Regierung festgelegten aktuellen Maßnahmen einzuhalten. Soziologische Forschungen hätten ergeben, dass sie von nur etwa 70 Prozent befolgt würden. Der Rest spiele mit seiner Gesundheit, unterschätze die Maßnahmen oder sabotiere sie. Und weiter hieß es: „Hoffen wir, dass wir aus dem Sommer gelernt haben und der Premier nicht wieder behauptet: die Regierung hat alles gerichtet, wir haben Covid besiegt, wir sind die Besten, kommen Sie und genießen Sie Weihnachten! Die Rechnung dafür könnte sehr hoch sein.“

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Und die Zeitung Deník mahnte: „Es ist notwendig, die Zähne für einige Wochen zusammenzubeißen. Die Zahl der Menschen, die jeden Tag an Covid sterben, ist erschreckend. Trotz der Fehler der Regierung am Ende des Sommers scheint das Land dennoch sehr viel Glück gehabt zu haben. Es wurde gesagt, wir könnten uns keine zweite Welle leisten. Eine dritte Welle dürfen wir aber wirklich nicht zulassen.“

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