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Bautzen: Einsames Sterben auf der Corona-Station

Ein 80-Jähriger kommt mit Covid-19 ins Krankenhaus. Seine Frau darf erst zu ihm, als er tot ist. Die Söhne nicht mal das. Sind die Regeln wirklich so streng?

Familie Hentzschel trauert um ihren an Covid-19 gestorbenen Vater und Mann. Über den Umgang mit dem Sterben und Abschiednehmen in Corona-Zeiten sind Ehefrau Julia und die Söhne Andreas und Peter sehr erschüttert.
Familie Hentzschel trauert um ihren an Covid-19 gestorbenen Vater und Mann. Über den Umgang mit dem Sterben und Abschiednehmen in Corona-Zeiten sind Ehefrau Julia und die Söhne Andreas und Peter sehr erschüttert. © Matthias Schumann

Panschwitz-Kuckau/Bautzen. Der 2. November war kein guter Tag für Familie Hentzschel aus Panschwitz-Kuckau. Die Brüder Andreas und Peter können sich genau an ihre Hilflosigkeit erinnern. An diesem Tag starb ihr Vater. Elf Tage nach seinem 80. Geburtstag. Einsam und ohne Zuspruch seiner Lieben auf der Covid-19-Station des Bautzener Krankenhauses.

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Dass das Virus umgeht, wusste die Familie freilich. Doch die Realität traf sie dann wie ein Schlag, als es dem Vater schlechter ging. Ganze sieben Tage verbrachte er in der Klinik, ehe er starb. Seine Frau Julia und die Söhne Peter und Andreas sahen ihn am 26. Oktober zum letzten Mal, als er eingeliefert wurde. "Wir haben ihn wegen der Infektion in die Obhut des Gesundheitssystems gegeben. In der Hoffnung, dass alles Mögliche für ihn getan wird", sagt Andreas Hentzschel. Doch alle Hilfe kam zu spät.

Aus medizinischer Sicht nichts auszusetzen

"Aus professioneller medizinischer Sicht mag das Sterben unseres Vaters regelkonform und hochprofessionell durch das Krankenhaus verwaltet worden sein. Deshalb sehen wir von Vorwürfen gegenüber dem Pflegepersonal ab", sagt der Panschwitz-Kuckauer. Doch da ist die Frage nach der Ethik. Nach Würde und Empathie. Gibt es die überhaupt in der Krise?

Nach dem Tod des Vaters ist deshalb nicht nur Trauer da, sondern auch Unverständnis für die strengen Regeln. Für Familie Hentzschel brach eine Welt zusammen, denn der Abschied am Sterbebett wurde ihnen verwehrt. "Lediglich unserer Mutter wurde gestattet, kurz Abschied zu nehmen - nach seinem Ableben! Wir Söhne durften nicht einmal das", berichtet Peter Hentzschel.

Dazu kommt: Alle Familienmitglieder waren selbst positiv auf Corona getestet worden. In den Augen der Angehörigen gab es daher keinen Grund, sich vor den anderen erkrankten Corona-Patienten zu schützen. "Wir hätten alle Auflagen beachtet. Hätten alles getan, um noch einen Moment mit ihm zu haben", sagen die Söhne.

Schuldgefühl, dass niemand dem Vater beistehen konnte

So hat sich nun unter die Trauer neben Unverständnis auch Wut gemischt. Es sei, als ob man ihnen etwas weggenommen habe. Dazu komme ein Gefühl von Schuld. "Wir kämpfen damit, dass in der schwersten Stunde unseres Vater niemandem von seinen nächsten Angehörigen gestattet wurde, seinen letzten Schritt tröstend zu begleiten. Geschweige denn, Abschied zu nehmen", sagen Peter und Andreas.

Zudem quält die Familie die Ungewissheit, ob der Vater darunter litt, dass keiner für ihn da sein durfte. Was mag er empfunden haben? "Uns wurde überhaupt kein Mitspracherecht eingeräumt", sagt Peter Hentzschel. "Wir wissen nicht, und wir werden es auch nie erfahren, ob unser Vater seinen Frieden mit seinem Schöpfer schließen konnte oder ob er verzweifelt und tief deprimiert über das Fernbleiben seiner Liebsten gegangen ist", so der 52-Jährige. Dies ist für die Hinterbliebenen der schlimmste Gedanke.

Hier war die Welt noch in Ordnung: Julia und Harald Hentzschel aus Panschwitz-Kuckau vereint. Der 80-Jährige starb am 2. November an einer Covid-19-Infektion im Bautzener Krankenhaus.
Hier war die Welt noch in Ordnung: Julia und Harald Hentzschel aus Panschwitz-Kuckau vereint. Der 80-Jährige starb am 2. November an einer Covid-19-Infektion im Bautzener Krankenhaus. © privat

Gibt es wirklich keine Schlupflöcher?

Doch sind die Maßnahmen in den Krankenhäusern wirklich so radikal? Gibt es keinerlei Schlupflöcher? Reiner Rogowksi, Geschäftsführer der Oberlausitz Kliniken, äußert sich erstaunt darüber: "Wir haben in beiden Häusern der Oberlausitz Kliniken die Besuche natürlich eingeschränkt. Das dient zum Schutz aller - der Patienten, Besucher und Mitarbeiter", sagt er. "Allerdings haben wir ausdrücklich Ausnahmen formuliert. Insbesondere die Besuche bei schwersterkrankten Patienten, die keine Aussicht auf Besserung haben, gehören dazu", erklärt Rogowski.

Angehörige sollen die Möglichkeit haben, ihre Verwandten zu besuchen. Es handele sich dabei freilich immer um eine einzelne Entscheidung, die letztlich der für die Station zuständige Arzt treffe. "Besucher, in der Regel nicht mehr als ein bis zwei Personen, werden am Eingang abgeholt und auf die Station begleitet", erklärt der Geschäftsführer.

Und doch scheint im Fall von Familie Hentzschel genau dieses Prozedere nicht gegriffen zu haben. Lag es an der Entscheidung eines Einzelnen? Für Familie Hentzschel ist dies nicht nachvollziehbar.

Politik sollte mehr Mitgefühl zeigen

Aus ihrem Bekanntenkreis weiß die Familie, dass ältere Menschen Angst davor haben, sich mit Symptomen an ihren Arzt zu wenden, weil sie befürchten, dass ihnen - wenn sie sich in die Hände des Gesundheitssystems begeben - ein ähnliches Schicksal droht.

"Vergessen die Entscheidungsträger der Politik bei aller Professionalität nicht eine wesentliche Komponente, die uns Menschen ausmacht - nämlich Menschlichkeit, Mitgefühl, Liebe?", fragt Andreas Hentzschel. "In diesem Land ist es Mainstream geworden, effizient, flexibel, unkritisch zu sein und sich klaglos in das Schicksal zu fügen", sagt der 49-Jährige verbittert.

Reiner Rogowski betont, dass es in den Oberlausitz Kliniken seelsorgerliche Angebote der beiden christlichen Konfessionen gibt. In Bautzen arbeitet ein Krankenhausseelsorger. Andere Pfarrer können, wenn der Besuchswunsch des Patienten besteht, eingeladen werden. Ebenso werde psychologische Betreuung angeboten.

Noch lange wird sich Familie Hentzschel mit dem Erlebten herumschlagen. "Zu befürchten bleibt, dass der Bedarf an professionell unterstützter Trauerbewältigung vermutlich sehr ansteigen wird", schätzt Peter Hentzschel ein. "Regularien, die einerseits schützen sollen, andererseits Menschen in Not bringen, müssen überarbeitet werden, sodass Nischen für menschenwürdiges Dasein entstehen", fordert die Familie eindringlich.

Bald wird der Vater in der Heimaterde beerdigt. Vielleicht kommt die Familie dann etwas zur Ruhe und kann mit der Trauerarbeit beginnen. Sie wird dauern.

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