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Ausrasten verboten: Der Pop-Sommer in Dresden

In Corona-Zeiten setzen die hiesigen Konzertveranstalter auf straffe Regeln, Stars und so viel Programm wie möglich.

Campino reist mit seinem Gitarren-Kollegen Kuddel nach Dresden, um in der Flutrinne aus seinem Buch "Hope Street" zu lesen.
Campino reist mit seinem Gitarren-Kollegen Kuddel nach Dresden, um in der Flutrinne aus seinem Buch "Hope Street" zu lesen. © ronaldbonss.com

Obwohl das Wetter derzeit kaum Vorfreude auf Open-Air-Veranstaltungen zu schüren vermag, machen anstehende Corona-Lockerungen dennoch genau das: Lust auf Live-Musik im Freien. Noch sind die genauen Bedingungen, unter denen Pop-Konzerte im Sommer möglich sein werden, unbekannt. Die gültige Schutzverordnung läuft am 30. Mai aus, erst danach haben Veranstalter aufgrund zu erwartender neuer Richtlinien Klarheit. Doch bereits jetzt legen sie los und planen emsig.

Kein Ausrasten, wildes Tanzen oder gar Stagediving ist drin, vielmehr sind Besucher allerorts angehalten, auf ihren Plätzen zu bleiben und Beifallsbekundungen nicht zu übertreiben. Klar ist: So sittsam laufen Rockkonzerte sonst höchstens in Nordkorea ab. Es wird zudem strenge Regeln für Einlass, Getränkeerwerb und Toilettengang geben. Viele Verbote überall, um so viel Programm, wie unter Pandemiebedingungen möglich ist, bieten zu können.

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Türöffner für den Herbst

Veranstalter Rodney Aust hat sogar die leichte Hoffnung, dass der Konzertsommer als Türöffner für den Herbst und damit für Hallenshows taugt. „Wirklich daran glauben werde ich aber erst, wenn es tatsächlich passiert.“ Unabhängig davon seien alle in der Szene froh, zumindest die Aussicht auf Arbeit zu haben. Aust: „Ein generelles Problem ist für mich, dass Branchenverbände und Politiker eher darauf setzen, weitere Hilfszahlungen locker zu machen, statt auf klare Öffnungsszenarien zu drängen.“ Das trübe weiter die Stimmung. „Es ist, als würde man lossprinten, aber von einem Gummiseil letztlich nach ein paar Metern immer wieder ausgebremst.“

Die "Junge Garde" in Corona-Zeiten: Nur 2.000 Menschen dürfen zu Konzerten wie hier im Vorjahr bei Helge Schneider rein.
Die "Junge Garde" in Corona-Zeiten: Nur 2.000 Menschen dürfen zu Konzerten wie hier im Vorjahr bei Helge Schneider rein. © Matthias Rietschel

Fürs Sommerprogramm in der Freilichtbühne im Dresdner Großen Garten geht Rodney Aust auf Nummer sicher. „Wir rechnen damit, dass spätestens im Juli alles etwas gelockert sein wird, deshalb beginnen wir auch erst im Juli mit Konzerten.“ Er plant, dann bis zu 2.000 Besucher pro Show zu empfangen. „Aerosolforscher gehen von einem Infektionsrisiko im Freien von 0,1 Prozent aus, deshalb brauchen unsere Gäste bei entsprechenden Abständen eigentlich keinen negativen Test.“ Sollte die Corona-Schutzverordnung dennoch dergleichen fordern, sei das jedoch kein Problem. „Selbst im Großen Garten gibt es bereits jetzt mehrere Testzentren.“

Rea Garvey wird im September in der "Jungen Garde" auftreten.
Rea Garvey wird im September in der "Jungen Garde" auftreten. © Andreas Weihs

Aust setzt auf engen Austausch mit der Stadt und darauf, dass die Hygienekonzepte aus dem Vorjahr auch in diesem Sommer funktionieren. Der Vorverkauf laufe bereits vielversprechend. „Das Interesse beim potenziellen Publikum ist aller Skepsis zum Trotz sehr groß.“ Neu sei, dass die übliche freie Platzwahl aufgehoben wurde. „Sämtliche Tickets sind nun durchnummeriert; jeder hat also seinen festen Platz.“ Verärgert habe das bislang niemanden. „Im Gegenteil, das gibt den Leuten ja auch ein Gefühl von Sicherheit.“

Mit dem Live-Musik-Programm geht es in der „Garde“ los am 9. Juli, dann tritt dort Max Giesinger auf. Es folgen unter anderem Milow (10.7.), Adel Tawil (23.7.), Alligatoah (28.7.), Saltatio Mortis (6.8.), Revolverheld, (7.8.) und Rea Garvey (17.9.). Weitere Highlights sollen unbedingt dazukommen, kündigt Rodney Aust an. „Noch ein, zwei Live-Shows pro Monat sind mindestens drin.“ Analog zum vergangenen Jahr fällt die Saison in der „Jungen Garde“ länger als üblich aus. Schon jetzt steht fest, dass Matthias Reim dort am 1. und 2. Oktober auftreten wird.

Zündende Idee für Pandemie-Zeiten

Bereits im vergangenen Sommer hatte Martin Vejmelka, Chef von Landstreicher Konzerte, mit seinem Team in der Dresdner Flutrinne die Picknick-Konzerte für jeweils 999 Besucher eingeführt. „In diesem Jahr gehen wir hoch auf 2.000 Gäste und rund doppelt so viele Shows“, kündigte er an. Das Konzept, auf mitgebrachten Decken, mit eigener Snack- sowie Getränkeversorgung und bei vorschriftsmäßigem Abstand zu den Nachbarn entspannt Live-Musik zu genießen, habe regelrecht eingeschlagen.

Bringt Trance in die Dresdner Flutrinne: Paul van Dyk
Bringt Trance in die Dresdner Flutrinne: Paul van Dyk © trancehistory.com

Bundesweit gebe es in diesem Jahr 14 Standorte für Picknick-Konzerte, was die Programmplanung enorm erleichtere. „So werden für etliche Musiker richtige Tourneen möglich.“ Aufgrund der Begeisterung von Publikum wie Künstlern will er die Picknick-Konzerte sogar nach der Pandemie am Laufen halten. „Dann halt mit ein paar Besuchern mehr.“ Schließlich entspreche die Produktion in Sachen Aufwand, Bühnengröße, Soundanlage schon jetzt einem kleineren Festival.

Ab 9. Juni wird aufgebaut, am 11. Juni eröffnet die Hamburger Techno-Blaskapelle Meute den Konzertreigen. Tote-Hosen-Sänger Campino wird zum Live-Gitarrespiel von Kuddel aus seinem autobiografischen Buch „Hope Street“ lesen (14.6.), Paul van Dyk serviert seine Trance-Sounds (19.6.) und Deine Freunde laden zum Familienkonzert (2.7.). Alle Termine sowie die Eintrittskarten gibt es im Netz.

Sophie Hunger kommt Ende August auf den Konzertplatz Weißer Hirsch.
Sophie Hunger kommt Ende August auf den Konzertplatz Weißer Hirsch. © Andreas Weihs

Auf dem Dresdner Konzertplatz Weißer Hirsch soll es am 18. Juni vor 499 Besuchern mit Dota losgehen, die samt Band ihr neues Album „Wir rufen dich, Galaktika“ vorstellen wird. Yellow Umbrella wollen am 19. Juni mit „Reggae im Sitzen“ nachlegen, das zunächst für vergangenen September geplant gewesene Konzert der Mighty Oaks ist nun für 10. September dieses Jahres neu terminiert. Ein ganz frisches Schmankerl kann Anika Jankowski von der Agentur Oh, my music! auch noch rüberreichen: „Am 27. August wird Sophie Hunger auf dem Weißen Hirsch spielen, der Vorverkauf dafür beginnt am Freitag.“

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