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Corona-Ausbruch in Dresdner Flüchtlingsheim

Das Gesundheitsamt verteidigt die Entscheidung, fast 200 Bewohner bis Ende Oktober zu isolieren. Jetzt wird klar, wie viele Menschen sich infiziert haben.

In der Erstaufnahmeeinrichtung an der Bremer Straße in Dresden gibt es zwei bestätigte Covid-19-Infektionen. Die gesamte Einrichtung wurde daraufhin geschlossen.
In der Erstaufnahmeeinrichtung an der Bremer Straße in Dresden gibt es zwei bestätigte Covid-19-Infektionen. Die gesamte Einrichtung wurde daraufhin geschlossen. © Sven Ellger

Dresden. Die Corona-Infektionszahlen in Dresden steigen. Betroffen ist seit vergangener Woche zum zweiten Mal die Asylunterkunft an der Bremer Straße. Zunächst wurden dort zwei Fälle bestätigt. Seit Donnerstag ist klar: Das Ausmaß ist deutlich größer.

"Aktuell sind in den Dresdner Aufnahmeeinrichtungen 26 Personen positiv auf das Virus getestet worden. Diese Zahl beinhaltet bereits das Ergebnis einer gestern Nachmittag durchgeführten Reihentestung der Bewohner der Aufnahmeeinrichtung Bremer Straße 25", sagt Ingolf Ulrich, Sprecher der Landesdirektion Sachsen.

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Die Positivfälle und ihre etwaigen Kontaktpersonen - bei letzteren handelt es sich um momentan neun Menschen - werden in einem abgetrennten Teil der Einrichtung am Hammerweg isoliert. Da die Kontaktpersonenermittlung für diese Personen noch nicht abgeschlossen ist, kann diese Zahl noch steigen.

„26 infizierte Personen - die 'Durchseuchung' der Bewohner der Bremer Straße ist die Konsequenz der grob fahrlässigen behördlichen Entscheidung, das Lager unter Komplettquarantäne zu stellen", kritisiert der Flüchtlingsrat. Die Ketteninfektion hätte durch die Umverteilung der Personen an dezentrale Orte wie Hotels oder Wohnungen auf einfache Weise vermieden werden können.

Frau hatte sich mit Fieber gemeldet

Zuerst hatte sich eine Frau mit Fieber und weiteren Symptomen beim MedPoint der Einrichtung gemeldet, so die Landesdirektion Sachsen. Ein Test fiel am 16. Oktober positiv aus. Am 17. Oktober teilte das Gesundheitsamt mit, dass eine der Kontaktpersonen ebenfalls positiv getestet wurde. 

Da die Kontaktnachverfolgung noch nicht abgeschlossen sei, habe das Gesundheitsamt als Vorsorgemaßnahme die gesamte Einrichtung vorläufig geschlossen und die Absonderung angeordnet. Das bedeutet, dass die Bewohner die Einrichtung vorläufig nicht verlassen und keinen Besuch empfangen durften.

An der Quarantäne gibt es Kritik vom Flüchtlingsrat. Dieser hatte Kontakt mit der betroffenen Frau. "Was Frau F. uns am Telefon berichtete, hat uns sprachlos zurückgelassen", so Sprecher Mark Gärtner. Nach ihren Angaben spreche kein medizinisches Personal mit ihr. Sie habe auch das Testergebnis nicht Schwarz auf Weiß zu Gesicht bekommen.

"Jede Quarantäne ist belastend. Die Belastung durch ein solches Vorgehen zu steigern, ist vollkommen unnötig", so der Flüchtlingsrat. Dieser kritisiert, dass die Isolierten kein WLAN hätten für den Kontakt mit der Familie. Gärtner fordert eine sofortige Verbesserung der Quarantäne der zwei Personen und dass nach den diese Woche erfolgenden Tests eine Aufhebung der Komplettquarantäne der Bremer Straße erwogen wird.

Darauf sagt die Landesdirektion. "Das den Asylsuchenden wöchentlich ausgezahlte Taschengeld enthält einen Anteil für Telefon- und Internetkosten. Damit sind die Asylsuchenden in die Lage versetzt, diese Kosten zu bestreiten", so Ulrich. Unabhängig davon prüfe die Landesdirektion gegenwärtig die Möglichkeiten der Bereitstellung eines zusätzlichen WLAN-Angebotes in der Unterkunft am Hammerweg.

Das Gesundheitsamt verteidigte am Montag auf SZ-Anfrage, dass die komplette Einrichtung, in der aktuell knapp 200 Menschen untergebracht sind, abgeschottet wird. Wer zu welchem Zeitpunkt zu wem Kontakt hatte, sei nicht zweifelsfrei zuordenbar, so die Behörde. Darüber hinaus ließen es die Bauweise der Asylunterkunft und die Tagesabläufe darin nur erschwert zu, lediglich einzelne Personen zu isolieren. "Die Zusammenschau aller Informationen machte die Anordnung für die gesamte Einrichtung erforderlich."

Landtagsabgeordnete: "Massenunterbringung aussetzen"

Das Gesundheitsamt wollte im Laufe dieser Woche weitere Tests anbieten, was nun offenbar passierte und zu den weiteren positiven Testergebnissen führte. Dass dies nicht schon am Wochenende getestet wurde, habe einen Grund. "Die Zeit zwischen dem Bekanntwerden des ersten Ergebnisses und der Durchführung der Testungen ist erforderlich, da der Test mit fortschreitender Inkubationszeit eine zunehmende Aussagekraft besitzt", heißt es. So solle den Bewohnerinnen und Bewohnern, aber auch den Beschäftigten die nötige Sicherheit über den Gesundheitszustand gegeben werden. Die Quarantäne-Anordnung gilt laut Gesundheitsamt bis zum 30. Oktober.

Die Bewohner der Aufnahmeeinrichtung seien laut Landesdirektion über die Maßnahmen unterrichtet und aufgefordert worden, ihr Verhalten der Situation anzupassen. Sie seien belehrt worden, die für die Einrichtung festgelegten Hygienemaßnahmen einzuhalten. Mund-Nasen-Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Seife stünden zur Verfügung.

In der Asylunterkunft auf der Bremer Straße gilt bis Ende Oktober Quarantäne für alle Bewohner.
In der Asylunterkunft auf der Bremer Straße gilt bis Ende Oktober Quarantäne für alle Bewohner. © Sven Ellger

"Bewohner von Sammelunterkünften sind besonders infektionsgefährdet – das hatte das Robert-Koch-Institut schon im August 2020 herausgefunden", erklärte die Linke-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel angesichts der ersten bestätigten Fälle in dem Heim.

Auch das Kompetenznetz Public Health Covid-19 rate davon ab, große Unterkünfte unter Kollektivquarantäne zu stellen. Das Infektionsrisiko werde so nicht verringert. Stattdessen gebe es psychosoziale Folgen und Grundrechtseingriffe, so Nagel.

Bereits Mitte September ein Coronafall auf der Hamburger Straße

Es werde eine dezentrale Unterbringung, also in Wohnungen, empfohlen. "Doch der Freistaat und das Dresdner Gesundheitsamt sehen das offensichtlich anders und verschärfen sogar das falsche Vorgehen", kritisiert Nagel. "Nach erfolgter Testung muss die Quarantäne enden."

Sie fordert, dass die Erstaufnahmeeinrichtungen jetzt leergezogen und die Menschen in kommunale Unterkünfte und Wohnungen verteilt werden, zuerst Familien mit Kindern sowie Schutzbedürftige wie erkrankte und ältere Menschen. "Angesichts der klaren Befunde und Empfehlungen von fachlichen Stellen dürfen wir nicht sehenden Auges riskieren, dass Massenunterkünfte zu Infektionsherden werden." 

Im April und Mai haben laut Nagel sächsische Verwaltungsgerichte in vier Fällen entschieden, dass Geflüchtete aufgrund der Corona-Risiken aus den Erstaufnahmeeinrichtungen verlegt werden müssen. "Bevor erneut die Gerichte konsultiert werden müssen, sollte die Regierung proaktiv handeln und während der Corona-Pandemie komplett auf die Massenunterbringung von Menschen verzichten." Ähnliche Forderungen stellt auch der Sächsische Flüchtlingsrat.

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Die Einhaltung der Hygienevorschriften überwacht das Gesundheitsamt in Abstimmung mit dem Betreiber. Die 500 Personen fassende Unterkunft ist gegenwärtig mit 196 Personen belegt, darunter 14 Kinder.

Mitte September gab es einen Fall in der Erstaufnahmeeinrichtung auf der Hamburger Straße. Das bestätigte die Landesdirektion auf Anfrage der SZ. Der Betroffene war in Quarantäne in der Einrichtung am Hammerweg. Drei weitere Kontaktpersonen waren dort mit isoliert.

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