merken
PLUS Dresden

Ab in die Biergärten - aber rücksichtsvoll!

Die Sehnsucht nach einem ganz normalen Restaurantbesuch ist riesig. Aber wenn wir jetzt zu nachlässig werden, erlauben wir Corona ein Comeback. Ein Leitartikel.

Jeder Sonnenstrahl wird genutzt: Nicht nur in Dresden kosten Menschen die neuen Gastro-Freiheiten voll aus.
Jeder Sonnenstrahl wird genutzt: Nicht nur in Dresden kosten Menschen die neuen Gastro-Freiheiten voll aus. © Christian Juppe

Auf einmal sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz so schnell, dass wir es kaum glauben können. In einer Woche fällt der Schwellenwert von 100, in der nächsten winkt schon die 50. Gerade erst haben viele Wirte ihre Außenbereiche und Biergärten auf Vordermann gebracht, die nötigen Hygieneregeln umgesetzt, da sind schon die Gasträume an der Reihe: Ab Montag erlaubt die erweiterte sächsische Corona-Schutz-Verordnung eine Bewirtung im Innenbereich dort, wo die Inzidenz unter 50 sinkt. Am Freitag lagen nur noch drei sächsische Landkreise darüber.

Nicht nur die Wirte, die mit dem Außer-Haus-Geschäft gerade mal einen Bruchteil der üblichen Einnahmen hatten, die Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt ungenutzt verstreichen lassen mussten, haben diesen Moment herbeigesehnt. Auch die Gäste können es offenbar kaum mehr erwarten, wie schon das wechselhafte Pfingstwochenende gezeigt hat: In Dresden saßen die Menschen lieber mit Regenschirm über der Schulter an den Tischen, hielten Weingläser und Speisekarten gegen den Wind fest, als auf dieses Stückchen Normalität verzichten zu müssen.

Anzeige
Vielfältige Hauskonzepte von Elbe-Haus
Vielfältige Hauskonzepte von Elbe-Haus

Verwirklichen Sie Ihren Traum vom Haus mit Elbe-Haus. Mit mehr als 20 Jahren Erfahrung ist Elbe-Haus Ihr zuverlässiger Partner im Massivhausbau.

Das Ausgehviertel Neustadt wirkte an den Abenden gar, als sei die Pandemie längst vorbei. Die Straßenbahnlinie 13 musste zum ersten Mal seit Monaten wieder umgeleitet werden, weil zu viele Menschen auf der Kreuzung von Rothenburger, Görlitzer und Louisenstraße waren. Alle mit ausreichend Abstand zueinander und Maske? Was glauben Sie?

Am Pfingstsonntag wurden Gäste eines Cafés an der Frauenkirche von plötzlichem Regen überrascht. Was früher für einen schnellen Aufbruch gesorgt hätte, sitzt man heute aus - solange man nur wieder etwas Normalität erleben darf.
Am Pfingstsonntag wurden Gäste eines Cafés an der Frauenkirche von plötzlichem Regen überrascht. Was früher für einen schnellen Aufbruch gesorgt hätte, sitzt man heute aus - solange man nur wieder etwas Normalität erleben darf. © Christian Juppe

Zunehmend fällt es uns schwerer, uns ins Bewusstsein zu rufen, warum wir weiter mit so vielen Einschränkungen unserer Freiheit, unserer Grundrechte leben müssen. Warum zum Beispiel die Gaststätten nicht endlich ganz öffnen, ohne Schnelltests und den ganzen – übrigens auch teuren – Hygiene-Aufwand für die Wirte? Nach diesen harten Monaten wünschen sich viele nichts mehr als einen fröhlichen Abend mit Freunden. Verständlich!

Einfach behaupten, man sei ein gemeinsamer Hausstand

Aber diese Ungeduld macht uns leichtsinnig. Bei schönem Wetter geht es in manchem Biergarten mittlerweile wieder so zu wie vor der Pandemie. Solange alle im Freien an ihren Tischen sitzen, verschiedene Haushalte sich weiterhin vorher testen lassen, mag das noch vertretbar sein. Mancher Wirt soll Gästen ohne aktuelles Schnelltestergebnis aber auch schon zugeraunt haben, einfach zu behaupten, man sei ein gemeinsamer Hausstand. Kontrolliert ja niemand. Da fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass es mancherorts auch hinter den Kulissen mit den Hygiene-Konzepten nicht ganz so genau genommen wird.

Wenn dann die Gäste in dieser lockeren Atmosphäre ohne Mundschutz zur Toilette zu gehen, in der Bratwurstschlange keinen Abstand mehr halten, ach, und das bisschen Husten ist wahrscheinlich eh nur eine Erkältung – dann ermöglichen wir dem Virus das große Comeback. In Innenräumen wird es noch kritischer.

Dabei ist Corona noch nicht verschwunden und wird es wohl auch nie sein. Noch immer sterben in Sachsen Menschen an Covid-19, noch immer sind die Kliniken wesentlich mehr ausgelastet, als es ohne Pandemie der Fall wäre, weil schwer Erkrankte teilweise Wochen auf der Intensivstation verbringen müssen. Über Spätfolgen der Krankheit wissen wir noch viel zu wenig. Und dann gibt es noch die latente Gefahr möglicherweise aggressiverer Virusvarianten, die es sogar schaffen könnten, die Schutzwirkung der Impfungen zu umgehen.

Wie sehr schränkt uns ein Schnelltest wirklich ein?

Doch in unserer Lockerungseuphorie an eine mögliche vierte Welle zu denken, ist fast unerträglich, weil wir endlich, endlich wieder zurückkehren wollen zur Normalität, zur Zeit vor der Krise. Am liebsten so schnell wie möglich. Was aber heißt „normal“? Kein Mundschutz mehr, keine Schnelltests, keine Desinfektionsmittelspender, so viele Menschen treffen, wie wir wollen, und tatsächlich mal wieder richtig entspannt im Restaurant sitzen? Sind wir erst dann zufrieden?

Wenn wir das, was wir uns über viele Monate mühsam durch starke Einschränkungen erkämpft haben, nicht so kurz vor dem Ziel noch einmal aufs Spiel setzen wollen, können wir uns das noch eine ganze Weile nicht erlauben. Solange noch nicht genügend Menschen geimpft wurden, kann die Maske nicht fallen, muss auch beim Essen im Restaurant weiter auf Abstand geachtet werden, sollten Wirte die Hygieneregeln penibel einhalten, gerade in Innenräumen. Und wie sehr schränkt es uns wirklich ein, wenn wir vor dem Besuch eines Lokals 20 Minuten lang in einem Schnelltestzentrum sitzen müssen, das uns – fast schon wie nebenbei – bestenfalls die Gewissheit gibt, nicht selbst infiziert zu sein oder das Virus weiterzuverbreiten?

Vielleicht tröstet Sie ja dieser Gedanke: Statt weiter ungeduldig der Rückkehr der alten Normalität entgegenzufiebern, halten wir gemeinsam noch ein paar letzte Einschränkungen durch, um uns dann mit dem Besonderen zu belohnen. Beim Einkaufsbummel kurz in einem Café Halt machen, den Geburtstag im Lieblingslokal nachfeiern, so viele Menschen treffen, wie wir wollen – das alles wird nicht mehr einfach normal sein für uns, es wird wieder etwas ganz Besonderes sein. Weil wir wissen, wie das Leben sich ohne all das angefühlt hat, welches Privileg es wirklich ist. Und das kehrt bereits jetzt Stück für Stück zu uns zurück.

Weiterführende Artikel

Corona: Schulen sollen nach den Ferien offen bleiben

Corona: Schulen sollen nach den Ferien offen bleiben

Regulärer Unterricht hat für Regierung "hohe Priorität", Einkaufsstraßen wieder gut gefüllt, Sachsen: 10 neue Infektionen und 5 weitere Tote - der Newsblog.

Dresden warnt vor Keimen in Zapfanlagen

Dresden warnt vor Keimen in Zapfanlagen

Monatelang ist in den Dresdner Restaurants kein Bier durch die Zapfhähne geflossen. Die Stadt warnt: Dabei konnten sich gefährliche Erreger bilden.

Corona: Diese Lockerungen gelten in Dresden

Corona: Diese Lockerungen gelten in Dresden

Meistgelesen: Am Mittwoch wurden die Corona-Regeln zum zweiten Mal in dieser Woche gelockert. Was sich jetzt ändert - das Wichtigste im Überblick.

Diese Corona-Regeln gelten jetzt in Sachsen

Diese Corona-Regeln gelten jetzt in Sachsen

Seit Montag dürfen die Schüler im Erzgebirge wieder in den Unterricht - im Wechselmodell. In anderen Regionen sind sogar umfangreiche Lockerungen möglich.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden