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Dresden: Jede zweite Infektion ist ein Delta-Fall

Dresden muss die Virusvariante sehr ernst nehmen, sagt die Gesundheitsbürgermeisterin im SZ-Interview. Was sie Sommerurlaubern rät.

Im Hochhaus an der Hildebrandstraße hatte die Delta-Variante den ersten größeren Ausbruch in Dresden verursacht. Inzwischen sind fast 70 Fälle mit der Mutante bekannt.
Im Hochhaus an der Hildebrandstraße hatte die Delta-Variante den ersten größeren Ausbruch in Dresden verursacht. Inzwischen sind fast 70 Fälle mit der Mutante bekannt. © xcitepress (Archiv)

Dresden. Die Sommerferien rücken näher. Viele Dresdner planen Ferien im Ausland. Mit Portugal befindet sich jedoch das erste beliebte Urlaubsland auf der Liste der Virusvarianten-Gebiete. Gleichzeitig verbreitet sich die Delta-Variante auch innerhalb Dresdens. Kann eine vierte Corona-Welle trotzdem verhindert werden? Die SZ hat mit Dresdens Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) zur aktuellen Corona-Lage gesprochen.

Frau Kaufmann, am Montag hat das Gesundheitsamt den 85. Nachweis einer Corona-Virusvariante in Dresden gemeldet. Handelt es sich in allen Fällen um die Delta-Variante?

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Seit dem 14. April sind uns 69 Fälle der Delta-Variante bekannt. Die Delta-Variante ist eindeutig auf dem Vormarsch. Jede zweite festgestellte Infektion ist ein Delta-Fall. Wenn eine besorgniserregende Virusvariante festgestellt wird, handelt es sich fast immer um diese Variante. Glücklicherweise haben wir aktuell keine Hotspots. Die Fälle treten einzeln auf. Die Kontakte können dadurch schnell und konsequent nachverfolgt werden. Das Gesundheitsamt begleitet die Betroffenen engmaschig. Wir wollen Infektionsketten so früh wie möglich unterbrechen.

Was wissen Sie darüber, wo sich die Menschen angesteckt haben? Spielen Reisen ins Ausland bei den aktuellen Fällen eine Rolle?

Nur vier der 66 Fälle haben einen klaren Auslandsbezug. Es handelt sich um Einreisen aus Russland und Indien. Deswegen rät das Amt für Gesundheit und Prävention nachdrücklich dazu, sich regelmäßig zu testen und die Kontakte zu reduzieren, sofern Menschen aus einem Virusvariantengebiet einreisen. Die zwei großen Delta-Ausbrüche im Juni sind auf Ansteckungen in Dresden zurückzuführen.

Bereitet Ihnen die Ausbreitung der Delta-Variante Sorge? Zumindest wurde bei den beiden Ausbrüchen doch deutlich, wie schnell nur ein Infizierter sehr viele andere Menschen anstecken kann, oder?

Wir müssen die Delta-Variante sehr ernst nehmen. Aus Erfahrung wissen wir, dass niedrige Inzidenzen sehr schnell wieder steigen können. Wissenschaftler mahnen, dass sich das Virus im Herbst wieder schneller ausbreiten könnte. Wir alle können etwas dafür tun, dass uns neue Einschränkungen durch die Corona-Schutzverordnung erspart bleiben. Das Gesundheitsamt appelliert, die AHA+L-Regeln nicht außer Acht zu lassen. Besonders bei Verdacht auf eine Covid-Infektion muss schnellstmöglich getestet werden. Dafür haben wir in Dresden viele Angebote. Außerdem ist das Impfen wichtig. AHA+L, Tests und Impfungen können die Ausbreitung verlangsamen.

Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann schließt sich Forderungen nach härteren Einreisebeschränkungen nicht an. Sie setzt auf die Eigenverantwortung jedes Reiserückkehrers.
Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann schließt sich Forderungen nach härteren Einreisebeschränkungen nicht an. Sie setzt auf die Eigenverantwortung jedes Reiserückkehrers. © Sven Ellger

Würden Sie sich mehr Einreisebeschränkungen und Tests bei der Rückkehr nach Deutschland wünschen, vor allem in und nach den Sommerferien?

Das Reisen trägt zu einer schnelleren Verbreitung des Virus bei. Bevor wir über Verbote nachdenken, ist zuallererst die Eigenverantwortung der Reisenden gefragt. Es gibt die Möglichkeit, sich testen zu lassen. Das sollten alle Reisenden nutzen. Für die Einreise aus Varianten-, Hochinzidenz- und Risikogebieten gibt es bereits Vorgaben. Diese würde ich nicht weiter verschärfen.

Es gab zuletzt zwei Massentests in Wohnhäusern, was ist dort gut gelaufen? Was weniger gut?

Gut gelaufen ist die Zusammenarbeit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern vor Ort sowie den Hausverwaltungen, mit den Behörden und den verschiedenen Akteuren, wie beispielsweise der Universität, dem Studierendenrat der TU Dresden oder den Maltesern. Das spontane Balkonkonzert von Banda Comunale war eine tolle Sache.

Nicht optimal gelaufen ist, dass das Gesundheitsamt aufgrund von lückenhaften Auskünften für einige Kontaktpersonen erst spät Quarantäne anordnen konnte. Die Umgebungsuntersuchungen waren teilweise sehr komplex. Hier kann ich nur betonen, dass wir die Informationen nicht aus Eigennutz erheben, sondern zur schnellen Ermittlung und Bearbeitung. Für eine wirksame Eindämmung des Virus benötigt das Gesundheitsamt vollständige Kontaktlisten. Sie sind entscheidend für den Erfolg einer Umgebungsuntersuchung.

Mit welchen Konsequenzen müssen die Menschen rechnen, die sich den Tests im Hochhaus entziehen wollten beziehungsweise sich nicht an die Quarantäne gehalten haben?

Angeordnete Tests müssen wahrgenommen werden. Im äußersten Fall wird dies mithilfe der Polizei zwangsweise durchgesetzt. Anders verhält es sich mit freiwilligen Tests. Allerdings appelliert das Gesundheitsamt dringend, diese Möglichkeit zum Eigenschutz und zum Schutz des Umfeldes wahrzunehmen. Wer sich nicht an die Quarantäne hält, riskiert eine Ordnungswidrigkeit. Das kann mit einem Bußgeld von bis zu 25.000 Euro belegt werden.

Ist dem Gesundheitsamt bekannt, ob die beiden Ausbrüche miteinander in Verbindung stehen?

Dem Gesundheitsamt sind die Indexpersonen bekannt. Es handelt sich um verschiedene Infektionsstränge. Mit Rücksicht auf die Privatsphäre kann ich dazu jedoch nichts weiter sagen.

Die Impfkampagne ist in Sachsen ins Stocken geraten. Wie hoch ist die Impfbereitschaft im Rathaus?

Ich befürchte, die niedrige Inzidenz lässt viele Menschen das Virus unterschätzen. Sie wähnen sich in Sicherheit und nutzen das kostenlose Impfangebot nicht oder lassen vereinbarte Impftermine sogar sausen. Das finde ich verantwortungslos und unanständig. Die Infektionen werden wieder zunehmen. Damit steigt das Risiko, an Covid zu erkranken. Die Dresdnerinnen und Dresdner sollten das Impfangebot nutzen. Ich werbe sehr dafür. Die Stadt hat für ihre Beschäftigten eine eigene Kampagne gestartet. Über 1.600 Kolleginnen und Kollegen haben ihre Erst- oder Zweitimpfung im Rathaus bereits erhalten. Die Impfung erfolgte durch die Betriebsarztambulanz des Städtischen Klinikums.

Wird die Stadtverwaltung noch etwas unternehmen, um die Impfbereitschaft zu erhöhen?

Ja, wir wollen das Thema Impfen mehr in den Fokus nehmen. Wir sind im engen Austausch mit dem Roten Kreuz, der Kassenärztlichen Vereinigung und den Ämtern der Stadt. Ich kann nur immer wieder unterstreichen, dass die Impfung der wichtigste Baustein zur Pandemiebewältigung sein dürfte. Wenn wir Szenarien wie im letzten Herbst und die lange Durststrecke, die sich daraus für alle ergeben hat, vermeiden wollen, ist die Impfung das Gebot der Stunde. Wir versuchen verschiedenen Zielgruppen ein Angebot zukommen zu lassen, darunter auch Wohnungslosen und Asylsuchenden.

Bis heute gibt es kein Gesamtbild darüber, wie viele Dresdner erstmalig und vollständig geimpft sind.

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Bislang liegen uns nur die Zahlen für ganz Sachsen vor. Schon diese Zahlen unterstreichen, dass die Impfbereitschaft größer sein sollte und vor allem eine abgeschlossene Impfserie wichtig ist. Anhand kleinräumiger Daten wäre auf jeden Fall eine bessere Lagebeurteilung möglich. Allgemeine Appelle ermüden nicht nur mich. Ideal wäre es, gezielt vor Ort in die Stadtteile zu gehen, konkret sowie persönlich zu informieren und aufzuklären. Vielleicht könnten wir mit mobilen Teams vor Ort mehr Menschen erreichen. Dafür wäre der Sommer eigentlich ideal.

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