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Überleben im Lachdown

Es ist Fasching, aber keiner darf hin. Auch Pretzschendorfs Spaßmacher müssen das aushalten. Nur wie?

"Wir lachen weiter." Uwe Henkel, Falk Müller, Ringo Grund und Heiko Horn (v.l.) vom Faschingsclub Pretzschendorf haben das Spaß machen trotz Lockdown nicht verlernt.
"Wir lachen weiter." Uwe Henkel, Falk Müller, Ringo Grund und Heiko Horn (v.l.) vom Faschingsclub Pretzschendorf haben das Spaß machen trotz Lockdown nicht verlernt. © Egbert Kamprath

Was haben Fasching und Lenins Haare gemeinsam? "Beides ist ausgefallen!" Uwe Henkel, genannt Lenin, weil er immer mal den Lenin spielt, reißt diesen Witz, als er die Narrenkappe vom kahlen Kopf zieht und die blaue Uniform, die er fürs Foto trug, wieder in den Kleidersack hängt. Manchmal, wenn er so daheim sitzt, kriegt er Entzugserscheinungen, sagt er. Sein Präsident Falk Müller stellt die Diagnose: chronisch unterspaßt. Er kennt auch die Medizin: "Wir hören nicht auf zu lachen."

Der Rosenmontag naht. Doch diesmal bleiben die Säle leer. Mit Corona ist kein Faschingsstaat zu machen. Auch der Faschingsclub von Pretzschendorf befindet sich im Lachdown. Die Saison ist abgesagt, zum ersten Mal seit Gründung des Vereins 1977. Über fünfzig Mitglieder sind zum Nichtstun verdammt, und die Gäste, zwischen zwei- und dreihundert wären am Samstag sicher angerückt, müssen daheim bleiben.

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Kontaktsport geht nicht auf Distanz

Schade ist das erst recht, sagt Vizepräsident Heiko Horn, weil die Faschingslust der Leute gerade zu wachsen schien. Die Besucherzahlen stiegen an. "Aber jetzt hat Mutti was dagegen, dass wir feiern", stichelt er in Richtung Berlin. Zugleich weiß er, dass Fasching machen in der Pandemie nicht angebracht ist. "Wir dürfen kein Risiko eingehen."

Die Pretzschendorfer Faschingsmacher freuen sich auf ihren renovierten Saal. Ohne Corona wären die Arbeiten kaum so weit fortgeschritten.
Die Pretzschendorfer Faschingsmacher freuen sich auf ihren renovierten Saal. Ohne Corona wären die Arbeiten kaum so weit fortgeschritten. © Egbert Kamprath

Es gab Gedankenspiele, wie es trotz Maske und Abstand lustig werden könnte. Doch den Strohhalm der Hoffnung habe man beizeiten losgelassen, sagt Vize Horn. Präsident Müller nickt. Fasching ist Kontaktsport. Masken trägt man vor den Augen, nicht vor dem Mund. Wo bliebe das Lachen, das Singen, die Kussfreiheit? Die Schutzmaßnahmen kämen einem Spaßverbot gleich. Keiner würde so feiern gehen, "selbst wenn es erlaubt wäre".

Kulissenbau bis früh um vier

Gefeiert hätte man hier, im Kulturhaus Pretzschendorf. Ein legendärer Bau, wo Puhdys, Schöbel und Helene Fischer Konzerte gaben und die Jugend zahllose Diskonächte durchmachte. Ab Mitte Januar hätten die Narren den Saal ausstaffiert, unter Leitung von Deko-Minister Uwe "Lenin" Henkel, und vielleicht hätte wieder bis früh um vier das Licht gebrannt, weil man, trotz dreimaligen Verabschiedens vor der Türe, doch wieder hinein gegangen war, um eine spontane Idee zu verwirklichen.

Diese Tage der halben Nachtschichten waren für die Familien mancher Macher nicht leicht zu ertragen. Jetzt geht es anders herum. Alle Faschingsminister hocken daheim. "Damit kommen unsere Frauen aber auch nicht klar", ulkt der Präsident. Jeder musste erst mal seine Dreckecken aufräumen. "Es war noch nie so sauber und ordentlich bei uns."

Bild aus besseren Tagen: Beim Fasching 2019 kam Baba Jaga samt ihrer Hühnerbeinhütte nach Pretzschendorf.
Bild aus besseren Tagen: Beim Fasching 2019 kam Baba Jaga samt ihrer Hühnerbeinhütte nach Pretzschendorf. © Foto: Faschingsclub

Aber was nun? Präsident Müllers Junior baut gerade ein Haus. Also ist er auf der Baustelle. Vize Horn richtet in der Scheune einen Partyraum ein. Hat er zwar schon, aber Platz für Partys kann man immer gebrauchen. Und Lenin Henkel besitzt zurzeit weder Wanne noch Dusche, weil er sein Bad rausgerissen hat. Außerdem wird im Kinderzimmer - die Kinder sind längst "ausgewildert" - ein Heimkino installiert.

Kompressor bringt das Virus zum Platzen

An Beschäftigung mangelt es nicht. Den Faschingsentzug mildert das nur bedingt. Wobei es womöglich gar nicht so sehr um die Veranstaltungen geht, die nach wenigen Stunden sowieso Geschichte sind. "Wir sind die Künstler des Vorspiels", erklärt Falk Müller. Was er meint, ist das Zusammenhocken, das Rumalbern und Spinnen. Je mehr Leute spinnen, sagt Vize Horn, desto lustiger wird es. "Das ist wie eine Welle, die keiner mehr aufhält."

Aber nun heißt es still ruht der See. Allerdings nicht ganz. Im Saal steht eine große Mülltonne, in der ein zerfetzter Gymnastikball mit roten Schaumstoffnoppen steckt. Das war mal ein Virus. Es spielt im Videogruß des FCP für den Onlinefasching eines Freitaler DJ-Projekts mit. Stundenlanges Zerbröseln einer alten Matratze und das Schleppen eines 80-Kilo-Kompressors bis unters Dach gingen der Aktion voraus. Künstler des Vorspiels eben. Hat sich aber gelohnt, findet Präsident Müller. "Corona ist erledigt."

Die Leute neu begeistern: Faschingspräsident Falk Müller sieht seinen Elferrat nach der Pandemie vor großen Aufgaben stehen.
Die Leute neu begeistern: Faschingspräsident Falk Müller sieht seinen Elferrat nach der Pandemie vor großen Aufgaben stehen. © Egbert Kamprath

Wie lange das wirklich noch dauert, weiß keiner. Und wie hält man Faschingsfreunde und Verein bis dahin bei der Stange? Was, wenn der eine oder andere merkt, dass es auch ohne Fasching geht? "Mancher wird auf der Strecke bleiben", fürchtet Heiko Horn. Präsident Müller sagt, dass es "ein Akt" werden wird, wie wenn man eine stillgelegte Lok wieder in Gang setzt: ordentlich schmieren und geduldig heizen. "Am Elferrat wird es liegen, alle neu zu begeistern."

Frischer Glanz in der Faschingshütte

Ausgerechnet das arg verschlissene Kulturhaus, dessen Fenster man nicht mehr öffnen musste um zu lüften, wie mancher witzelt, könnte in der Krise zum Pfund werden. Endlich hat die Gemeinde Geld, gut eine viertel Million Euro, um die ersten Sanierungsschritte zu gehen. Es gibt neue Fenster, neue Toiletten, eine frische Fassade. Die Leute, da ist Präsident Müller sicher, werden neugierig sein und sich das angucken wollen.

Die Wandlung im Saal wird besonders sehenswert sein. Auch hier wurde gemalert, der Putz ausgebessert, die Decke gestrichen, kiloweise Dreck von den Akustikwaben gesaugt, darunter noch Kronkorken vom VEB Felsenkeller. Alle Lampen werden aufgehübscht, neue Bühnenvorhänge genäht, das Parkett geschliffen. Falk Müller klingt fast euphorisch, wenn er vom neuen Glanz in der Faschingshütte spricht: "Wahnsinn!"

Sicher ist sicher, sagt Vizepräsident Heiko Horn: Damit der Rathausschlüssel nicht wegkommt, heben ihn die Narren selber auf.
Sicher ist sicher, sagt Vizepräsident Heiko Horn: Damit der Rathausschlüssel nicht wegkommt, heben ihn die Narren selber auf. © Egbert Kamprath

Viele Arbeitsstunden wurden ehrenamtlich geleistet, nicht nur vom Faschingsclub. Und es sollen noch mehr werden. Die große Endreinigung wollen die Vereinsleute komplett selbst übernehmen. Das Schrubben schafft Verbundenheit mit dem Haus, hofft Müller, "sodass man es noch mehr zu schätzen weiß."

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Das Motto der ersten Nach-Corona-Saison ist offen. "Mal sehen, was wir für eine Sau durchs Dorf treiben", sagt Falk Müller. Es wird sich eine finden, so viel ist klar. Die Narren haben sogar schon - in einer Holzkiste im Keller - den Schlüssel zum Rathaus liegen. "Bevor die ihn verschlampen, bewahren wir ihn lieber selbst auf", sagt Heiko Horn. Für die jüngste Rathaus-Eroberung, die coronabedingt platzte, hatte man einen schönen Plan gefasst. Er ist nicht vergessen. "Wir werden ihn noch brauchen."

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