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"Geschlossene Schulen sollten uns ein Warnschuss sein"

Warum die Corona-Zahlen im Kreis Görlitz steigen und was sie von kostenpflichtigen Tests hält, sagt die Leiterin des Medizinischen Labors Ostsachsen.

Dr. Claudia Friedrichs ist Infektionsepidemiologin und leitet das Medizinische Labor Ostsachsen in Görlitz.
Dr. Claudia Friedrichs ist Infektionsepidemiologin und leitet das Medizinische Labor Ostsachsen in Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Frau Dr. Friedrichs, laut RKI ist der Landkreis über die Inzidenz von 100 gesprungen. Merken Sie das auch im Labor?

Seit Anfang voriger Woche hatten wir deutlich mehr Einsendungen. Wir bearbeiten die Proben vorwiegend aus den Landkreisen Görlitz und Bautzen. Wir hatten letzte Woche 2.660 PCR-Untersuchungen. Darunter waren 537 positive Fälle, das sind 20 Prozent. Damit liegt die Positivrate leider deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

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Wer ist größtenteils betroffen?

Statistisch finden sich die meisten positiven Fälle in der Altersgruppe der unter 20-Jährigen. Von den 537 positiven Fällen sind in rund 42 Prozent Menschen dieser Altersgruppe betroffen. Wenn man es dann noch mal aufschlüsselt, betreffen 37 Prozent der Fälle die Zehn- bis 19-Jährigen.

Anstieg der Fälle hat nichts mit der Wahl zu tun

In den sozialen Netzwerken findet man immer wieder die Aussage, es sei ja klar gewesen, dass die Zahlen nach der Bundeswahl wieder steigen würden. Welche Gründe sehen Sie für die steigenden Fallzahlen?

Das hat nichts mit vor oder nach der Wahl zu tun. Wir haben den zeitlichen Zusammenhang mit dem Ende der Sommerferien, dem Beginn des Herbstes. Das war auch voriges Jahr so, und ist auch bei vielen anderen Infektionskrankheiten so, dass im Oktober die "Saison" beginnt.

Voriges Jahr stiegen die Corona-Fallzahlen im Herbst erst später wieder an.

Ja, das ist auffällig. Viele werden sich vielleicht noch erinnern, dass manche Bundesländer zu den Herbstferien im vorigen Jahr strenge Reisebeschränkungen aufgelegt hatten für Gäste aus Bundesländern, in denen die Inzidenz über 50 lag. Im Labor hatten wir 2020 in der ersten Oktoberwoche ähnliche viele Proben-Einsendungen wie aktuell. Allerdings lag die Positivrate viel geringer, unter fünf Prozent. Der deutliche Anstieg kam Ende Oktober.

Können Sie sich vorstellen, warum es dieses Jahr früher losgegangen ist?

Als einen Grund könnte ich mir vorstellen, dass voriges Jahr strengere Corona-Regeln galten. Jetzt ist die Maskenpflicht an vielen Stellen aufgehoben, mitunter auch im Innenbereich. Mal mit Maske, mal nicht - das ist aus meiner Sicht eine unklare Gemengelage. Viele wissen nicht mehr, was wann und wo gilt, wie man es richtig machen soll, damit kommt es auch sicher zu mehr ungeschützten Kontakten.

Kostenpflichtige Tests sind Vorteil für Geimpfte

Ab diesem Montag gilt, dass man für eine Testung - von Ausnahmen abgesehen - selbst bezahlen muss. Richtig oder falsch?

Schwierig. Es gibt Situationen, in denen der Test weiterhin kostenlos sein sollte. Zum Beispiel in den Schulen und für Personen, für die es keine Impfindikation gibt. Aber das grundsätzliche zweimalige Testen pro Woche auf Kosten des Staates - ich denke, es ist Zeit das einzustellen. Denn alle, die eine kostenlose Impfmöglichkeit hatten, hätten diese bis jetzt auch nutzen können. Wie gesagt, wer aufgrund einer bestimmten Erkrankung nicht für eine Impfung zugelassen ist, sollte davon ausgenommen sein.

Haben Sie keine Angst, dass es dann wieder eine große Zahl unentdeckter Fälle geben könnte, die die Kontaktketten länger machen?

Eine gewisse Angst ist da. Weil ich denke, dass die, die sich bis jetzt nicht geimpft haben und damit in Zukunft in bestimmten Alltagssituationen eigentlich einen Test brauchen, auch relativ verfestigte Meinungen dazu haben und versuchen, möglichst ungetestet durch die Wochen zu kommen. Daraus könnte eine Dunkelziffer entstehen. Man kann nur appellieren, dass jeder Bürger verantwortungsbewusst damit umgeht.

Viele sehen die kostenpflichtigen Tests aber als Benachteiligung. Auch, als am Augustum-Annen-Gymnasium, um die Schließung vorige Woche zu verhindern, zunächst rund 100 ungeimpfte Jugendliche nach Hause geschickt wurden, sahen das einige Eltern als Benachteiligung, forderten Solidarität von den Geimpften.

Als Benachteiligung sehe ich dies nicht. Geimpfte haben jetzt gewisse Vorteile gegenüber Ungeimpften, das ist in anderen Ländern ganz genauso und der Sinn der Impfung: Genügend Menschen wirksam zu schützen, damit wir alle zur Normalität zurückkehren können, das sollte unser gemeinsames Ziel sein. Die Pandemie macht auch nicht Halt vor den Ungeimpften und am Ende gibt es aus meiner Sicht nur zwei Optionen: Impfung und damit Schutz für mich und mein Umfeld, oder man wird sich irgendwann infizieren. Auch bei den Schulen: Egal, wie manche Eltern jetzt demonstrieren und schimpfen, oder auf welche Seite man steht, wir alle haben doch im Grunde dieselbe Angst: Dass die Kinder einen Wissensverlust haben, der nicht mehr aufzuholen ist. Jeder mag seine Meinung haben, aber dass die Kinder eine gute Bildung und ein normales soziales Umfeld haben, das wünschen wir uns doch sicher alle. Vielleicht ist es Zeit, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und nach konstruktiven Lösungen zu suchen, damit unsere Kinder den weiteren Herbst und Winter im Präsenzunterricht sind.

Geimpfte sind selten Verbreiter der Viren

In den Diskussionen um die Schließung des Gymnasiums wurde etwa auch gefordert, man solle die geimpften Schüler testen - schließlich könnten sie sich genauso infizieren. Können Geimpfte Corona ebenso übertragen wie Ungeimpfte?

Diese Behauptung kursiert, lässt sich aber durch aktuelle Studien nicht belegen. Eine Impfung, das ist auch bei anderen Infektionskrankheiten so, ist kein hundertprozentiger Schutz, ein Restrisiko bleibt. Aber was wir nach 1,5 Jahren Pandemie gelernt haben, schwere oder sogar tödliche Verläufe sind nahezu ausgeschlossen. Es gibt Impfdurchbrüche in seltenen Fällen, und ja, dabei kann es auch in Ausnahmefällen zu einer Übertragung kommen. Ich persönlich mache in ganz sensiblen Bereichen oder wenn ich einen Infekt habe, auch noch mal einen Test, um Gewissheit zu haben. Aber das Risiko einer Weitergabe ist viel geringer, die infektiöse Dosis ist viel geringer. Dass die Impfung wirkt, sehen wir auch an den Zahlen: Bei den über 70-Jährigen war vorige Woche der Anteil der positiv Getesteten unter fünf Prozent. Es ist die Gruppe, in der die Impfquote mit am höchsten ist.

Wissen Sie, wie hoch die Impfquote bei Minderjährigen ist?

Bei uns in Sachsen liegt sie bei 26 Prozent der Jugendlichen ab 12 Jahre, bundesweit bei 36 Prozent. Das geht viel schneller voran als bei den Erwachsenen. Meiner Erfahrung nach lassen sich viele Jugendliche tatsächlich aus solidarischen Gründen impfen. Natürlich geht es auch um die persönlichen Freiheiten, die man wieder mehr genießen möchte. Ich glaube, die meisten Jugendlichen haben wenig Angst vor gesundheitlichen Folgen einer Corona-Infektion. Vielmehr stehen hier die Sorgen um Familie oder Freunde im Vordergrund. Der Gemeinschaftsgedanke spielt eine große Rolle. Viele unterschätzen die Jugendlichen da. Sie haben es besser verstanden als so mancher Erwachsener.

Erst jeder vierte Jugendliche geimpft

Haben Sie eine Erklärung, warum unter Jugendlichen dennoch die Infektionsrate so hoch ist?

Das Virus trifft aktuell in dieser Altersgruppe in der Oberlausitz ja auf fast 75 Prozent Ungeimpfte, da breitet es sich natürlich jetzt im Herbst, wenn sich viele Aktivitäten nach innen verlagern, über soziale Kontakte schnell aus. Dazu kommt, dass wir hier in Sachsen mit einer Gesamtimpfquote von nur 55,4 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen.

Sie sagten, Sie wünschen sich, dass die Kinder in Zukunft im Präsenzunterricht bleiben. Wie kann man das erreichen?

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Die Abläufe in den Schulen sollten noch mal überprüft werden. Wann und wo werden zum Beispiel die Schnelltests durchgeführt und ausgewertet? Es ergibt keinen Sinn, wenn alle nah beieinander sitzen, ihren Schnelltest machen, ohne Maske aufs Ergebnis warten - dann ist ja der daneben schon Kontaktperson im Fall der Fälle. Gibt es also einen separaten Raum, in dem die Kinder, die es betrifft, sich morgens testen können. Haben auf dem Weg dahin und während der Auswertung alle die Maske auf? Es braucht auch jemanden, der sicherstellt, dass ein Kind, das tatsächlich positiv getestet wird, gar nicht erst in den Klassenverband geht. Wir hatten so lange Zeit, uns über Strategien Gedanken zu machen. Die Schließung des Görlitzer Gymnasiums sollte uns ein ernster Warnschuss sein.

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