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Wie der Sport in Corona-Zeiten hilft

Gary Biele organisiert einen Spendenmarathon auf dem Ergometer und versorgt Klinikmitarbeiter in Görlitz mit Pizza. Und die Ideen gehen nicht aus.

Von Michaela Widder
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Auf dem Ruderergometer absolviert Gary Biele einen Marathon und sammelt Geld für die stillen Corona-Helden.
Auf dem Ruderergometer absolviert Gary Biele einen Marathon und sammelt Geld für die stillen Corona-Helden. © Florcross Görlitz

Görlitz. Oft legt er nach dem Training seine Flasche in die Pfandkiste. Woche für Woche kommen so ganz nebenbei ein paar Euros an Spenden zusammen, weil viele seiner Sportler auch mitmachen. In diesen Tagen ist es ziemlich ruhig im Sportzentrum Flora in Görlitz, niemand darf trainieren.

Als der Trainer im letzten Lockdown wochenlang allein in seinem Fitnessraum stand, war die Pfandkiste leer, aber der Kopf voll mit Ideen. Wie kann den Corona-Helden vor der Haustür geholfen werden, fragte sich Gary Biele im Februar dieses Jahres. Dass die Situation jetzt noch einmal so dramatisch wird, hätte auch er nie gedacht.

Als Chef der Abteilung Florcross, das unter dem Namen Crossfit weltweit bekannt ist, rief er damals zusammen mit seinem Verein NSAC Görlitz zu einem besonderen Spendenmarathon auf. Exakt 42,195 Kilometer legte er allein auf dem Ruder-Ergometer zurück. Als virtuelle Interviewpartner lud sich Biele Top-Athleten wie Sophie Scheder, Olympia-Dritte 2016 im Stufenbarren, ein, zudem Politiker und Sponsoren. Seine Aktion wurde per Livestream auf Instagram übertragen. In den vier Stunden kamen 2.300 Euro zusammen.

Auch an die Putzfrau gedacht

Wen die Spende erreichen sollte, stand bereits fest: Den Mitarbeitern des Görlitzer Klinikums, die sich für die Corona-Kranken täglich aufgeopfert hatten und es noch immer tun, wollten er und seine Mitstreiter etwas Gutes zukommen lassen. „Das Geld sollte aber nicht einfach überwiesen werden, damit es verteilt wird, sondern wir wollten etwas Konkretes bewirken und haben deshalb gleich Pizza-Gutscheine ausstellen lassen“, erzählt Gary Biele.

Mit der Aktion half man somit gleichzeitig einem italienischen Restaurant in Görlitz, das erst in der Corona-Zeit seinen Lieferservice gestartet hatte. „Ich weiß, wie schwer es ist, neu anzufangen“, sagt Biele, der 2018 die neue Fitnessbewegung mit in die Europastadt an der polnischen Grenze gebracht und zum Laufen gebracht hat. „So konnten wir doppelt helfen.“ In der Klinik kamen die Gutscheine auch bei Mitarbeitern an, die nie Prämien erhalten, aber genauso gebraucht werden, zum Beispiel Reinigungskräfte und Röntgen-Assistenten.

Der Görlitzer Verein mit Biele als Ideengeber hat dafür kürzlich den mit 2.500 Euro dotierten Großen „Stern des Sports“ in Silber in Sachsen gewonnen und ist beim Bundesfinale im Januar in Berlin dabei. „Wir sind nicht nur kleine Münzensammler oder Weltverbesserer, sondern Sportler, die aus ihrem Hobby eine kleine Mission gestartet haben, uns und unsere kleine Welt ein bisschen besser zu machen“, heißt es in den Bewerbungsunterlagen.

Ein Sportverein habe doch beste Bedingungen wie eine Art Stiftung zu fungieren, findet Biele und erklärt, warum: „Wir haben Manpower, manche Mitglieder haben ein bisschen Geld und die meisten Sportler sowieso Sinn für Soziales.“ Das derzeitige Sportverbot für Amateure in Sachsen trifft auch seine Athleten wieder.

„Im letzten Lockdown haben einige den Frust schon auf mich abgeladen“, sagt er. Mit Online-Kursen und persönlichen Trainingsplänen hatte Biele versucht, seine Leute zu Hause zum Trainieren zu animieren. „Ich hatte jetzt mit 2G-plus gerechnet und war deshalb etwas geschockt. Nun hoffen wir, dass wir bald wieder zumindest was im Außenbereich machen dürfen.“

Beim Spaziergang zum Mitmachen überredet

Der studierte Polizist, der seit einigen Jahren als freiberuflicher Trainer und für den Verein arbeitet, entdeckte Crossfit zufällig auf seinem Work-and-Travel-Trip 2015 in Kanada. „Bei einem Spaziergang durch Vancouver kam ich an einer offenen Garagentür vorbei, und dort standen ein paar Fitnessgeräte rum. Da quatschte mich ein Typ an und überredete mich zum Mitmachen. Seitdem bin ich besessen davon.“

Die US-Sportart, die Übungen aus den Bereichen Ausdauer, Gewichtheben und Turnen verbindet, hat sich in Görlitz unter Florcross einen Namen gemacht. Als Biele 2018 damit anfing, musste er Interessenten jede Woche persönlich zum Training einladen. Mittlerweile kommt es öfters vor, dass er Sportler auf die nächste Woche vertröstet, weil sein Kurs voll ist. „Kein Training ist wie das andere“, wirbt der frühere Fußballer für seinen neuen Sport.

Gary Biele spielt zudem Handball. Mit Hoyerswerda tritt er in der Sachsenliga an, doch momentan ruht der Ball. Auch der geplante kleine Florcross-Weihnachtsmarkt hinterm Haus kann nicht stattfinden. „Natürlich ist das schade. Aber wir dürfen uns auch nicht zu wichtig nehmen. Es geht darum, die Gemeinschaft zu schützen.“

Und Biele hat sich wieder etwas einfallen lassen: einen virtuellen Adventskalender. Hinter den Türchen versteckt sich die schönste Erinnerung des Jahres oder das beste Foto 2021 von einem seiner Mitglieder.