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„Homeoffice ist prima, aber das Büro hat Primat“

Nach langen Monaten daheim kehren viele an ihren Arbeitsplatz zurück. Doch wie geht es weiter nach dem Auslaufen der Bundesnotbremse?

Nach der Homeoffice-Pflicht füllen sich die Büros wieder. Aber nicht ganz.
Nach der Homeoffice-Pflicht füllen sich die Büros wieder. Aber nicht ganz. © imago images

Frank Sonntag ist entspannt wie lange nicht. Der Mann, der wie das Wochenende heißt, genießt seit Kurzem auch die Tage dazwischen. „Alle sind entspannt, Parkplatz und Kantine füllen sich mit jedem Tag mehr, und die Leute stürmen die Kaffeemaschine“, sagt der Betriebsratsvorsitzende des Dresdner Anlagenbauers Linde Engineering. Und weil die Maskenpflicht im Unternehmen aufgehoben sei, sehe man nun in vielen Gesichtern ein lange verborgenes Lächeln.

Mit dem kaum drei Gramm leichten Stück Vlies fällt gewaltiger Ballast ab, und dank der seit Donnerstag aufgehobenen Homeofficepflicht kehrt im Betrieb wieder Leben ein. Seit Ende Januar waren Arbeitgeber verpflichtet, ihren Beschäftigten, wo immer möglich, Heimarbeit anzubieten.

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Viele atmen auf

Die Wirtschaft atmet auf. Auch die Linde-Belegschaft – nicht nur der fehlenden Maske wegen. „Das soziale Miteinander hat vielen gefehlt“, sagt ihr Wortführer Frank Sonntag. Die Beziehung von Mensch zu Mensch sei trotz Digitalisierung nicht zu ersetzen. Dennoch habe Homeoffice Mitarbeitenden mit Kindern geholfen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. „Wegen der langen Zeit auf Montage ist Anlagenbau ein familienfeindlicher Job“, sagt der Betriebsratschef. Linde Dresden, zu DDR-Zeiten als Linde KCA bekannt, ist weltweit führend bei Planung, Lieferung und Bau von Petrochemie-, Luftzerlegungs-, Gas-, CO2 - und Energieanlagen.

Nur rund ein Viertel der Belegschaft war während der Pandemie in wechselnder Besetzung in der Firma – etwa Ingenieure, die mehrere Monitore nutzen. Die Geschäftsleitung habe Telearbeit zuvor skeptisch gesehen, bemerkt Sonntag. Der Anstoß durch die Politik sei nötig gewesen. Mit ihrem Vorwurf der Ineffizienz sei die Führungsriege eines Besseren belehrt worden, die Arbeitsmoral vielmehr gestiegen.

Dennoch seien einige nach Monaten zwischen Küchen- und Schreibtisch „ernüchtert zurückgekehrt“, stellt der Betriebsrat fest. „Heute sagen wir: Homeoffice ist prima, aber das Büro hat Primat.“ Es gehe um ein ausgewogenes Verhältnis. Dosis und Dauer dürften die noch 350 Beschäftigten von Linde fortan in Absprache mit den Vorgesetzten nach ihren Bedürfnissen wählen. Wer ins Büro komme, könne allein eins der vielen überzähligen Zimmer beziehen – Spätfolge des Freiwilligenprogramms zum Stellenabbau, als es Ende 2016 ums Überleben des Standorts ging.

Das flexible Arbeitsmodell des weitgehend unabhängigen Ablegers des Industrieriesen Linde plc mit Sitz in Dublin kommt den Vorstellungen von Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig nahe. Er plädiert wie Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) für ein Gesetz zum mobilen Arbeiten. Und auch Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach ruft nach „gesetzlichen Leitplanken“, um Arbeitnehmer vor „unsichtbaren Überstunden“ und permanenter Erreichbarkeit zu schützen.

Bei der Elbe Flugzeugwerke GmbH mit rund 1.800 Beschäftigten in Dresden und Kodersdorf ist das Thema nicht ganz so ausgeprägt. Zwar seien etwa 550 Kolleginnen und Kollegen für mobiles Arbeiten ausgestattet, aber ein Großteil von ihnen „eng verknüpft mit der Produktion, mit fertigungsnahen Aufgaben wie Warenein- und -Ausgang, Qualitätsprüfung, interne Logistik und ihre Anwesenheit vor Ort notwendig“, sagt EFW-Sprecherin Anke Lemke.

Im Schnitt hätten 150 Mitarbeitende die Chance genutzt, von daheim aus zu arbeiten. Nach deren Rückmeldung „kehrten sie gern aus dem dauerhaften, durchgängig mobilen Arbeiten ins Unternehmen zurück“, sagt sie. Der persönliche Austausch, die Zusammenarbeit mit Kollegen vor Ort werde geschätzt. Bei den Flugzeugwerken, Spezialist für Frachterumrüstung, Wartung und Reparatur sowie Hersteller von Bodenplatten, Kabinenwänden, Cockpit-Türen und Komponenten für Airbus, gelte schon seit 2018 eine Betriebsvereinbarung zur mobilen Arbeit. Danach ist Homeoffice in Abstimmung mit dem Chef möglich.

Banker arbeiten mit getrennten Teams

Bei der Deutschen Bank in Dresden laufen derzeit die Gespräche mit dem Betriebsrat für ein neues hybrides Arbeitsmodell. Dieses soll noch mehr flexibles Arbeiten ermöglichen und gleichzeitig die Bedeutung des Büros als Ort des persönlichen Austauschs erhalten. „Die Herausforderung ist, die unterschiedlichen Aufgaben zu berücksichtigen“, sagt Niederlassungsleiter Jan Böttger. So müsse der Kundenservice in den Filialen dort stattfinden, wo Kunden und Kundinnen ihn erwarten. Eine Beratung am Telefon oder über Videokonferenz sei dagegen nicht zwingend an die Präsenz in der Filiale gebunden, betont der Banker. Er wechselt sich nach wie vor in der Präsenz im Büro mit seinem Geschäftsleitungskollegen Andreas Fichte ab. „Wo immer möglich, arbeiten wir in zwei getrennten Teams, die sich in der Regel alle 14 Tage abwechseln“.

Die Ostsächsische Sparkasse Dresden hat eine interne Vereinbarung zum mobilen Arbeiten zwischen Personalrat und Vorstand schon im vergangenen Dezember verabschiedet. Sie regelt Themen wie Arbeitsschutz, Datensicherheit oder Haftungsfragen für das mobile Arbeiten. Ganz wesentlich sei jedoch, dass mobiles Arbeiten immer eine gegenseitige Übereinkunft von Vorgesetzten und Mitarbeitenden ist, betont Sprecher Marcus Herrmann. So sei es nicht möglich, dass sich ein Mitarbeiter oder Mitarbeiterin einseitig zwei Jahre ins Homeoffice „verabschiedet“ oder ein Vorgesetzter einen Mitarbeiter einseitig über Monate ins Homeoffice „verbannt“.

Bei der IKK Classic bleiben die Sonderregeln zum flexiblen Arbeiten aufgrund der Pandemie bis auf Weiteres in Kraft, um die Bürosituation zu entzerren. In den kommenden Monaten will die Versicherungsgesellschaft mit 8.000 Beschäftigten bundesweit in einer Mitarbeiterbefragung Erfahrungen und Vorstellungen zur künftigen Gestaltung der Arbeitswelt sammeln. Eine frühere Befragung hat schon gezeigt, dass 90 Prozent der Mitarbeitenden sich wünschen, dass auch nach dem Ende der Pandemie mobiles Arbeiten weiterhin möglich ist.

„Denn eine unserer wichtigsten Erfahrungen ist, dass mobiles Arbeiten weder die Qualität noch die Effektivität der Arbeit mindert und dabei noch von vielen Beschäftigten als entlastend empfunden wird“, sagt eine Sprecherin. Diese Erfahrung teilt der Chiphersteller Infineon. „Wir waren überrascht, wie gut es funktioniert“, sagt Sprecher Christoph Schumacher. Selbst „produktionsnahe Themen“ hätten sich gut am Bildschirm bearbeiten lassen. Die 2.800 Beschäftigten in Dresden wurden gebeten, auch nach Auslaufen der Homeoffice-Pflicht, weiter zu Hause zu arbeiten, wenn es geht.

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„Wir haben trotz dieser Arbeitssituation ein sehr gutes Geschäftsergebnis erreicht“, sagt Ulf Heinemann, Chef der Robotron Datenbank-Software GmbH, und er kündigt an, Homeoffice als festen Bestandteil der Arbeitswelt etablieren zu wollen. Er verschweigt aber nicht, dass auch psychologische Probleme auftraten bei neu eingestellten Kollegen, die von Süddeutschland nach Dresden umzogen und dann im Homeoffice vereinsamten. Deshalb ist Heinemann froh, dass die Lauf- und Yoga-Gruppe in der Firma wieder aktiv ist und auch wieder gemeinsam gegrillt werden kann.

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