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Dieses Geschäft in Freital funktioniert voll automatisch

Einkaufen wie ferngesteuert: In Freital hat Sachsens erster vollautomatischer Laden eröffnet. Ein Verkäufer ist trotzdem da - per Videoschalte.

Nur fürs Foto hält Kundenbetreuer Ulf Lehnert die Tür des "Tintenfuzzy" in Freital auf. Das Geschäft für Druckerzubehör funktioniert als erstes in Sachsen völlig ohne Personal.
Nur fürs Foto hält Kundenbetreuer Ulf Lehnert die Tür des "Tintenfuzzy" in Freital auf. Das Geschäft für Druckerzubehör funktioniert als erstes in Sachsen völlig ohne Personal. © Karl-Ludwig Oberthür

Die Situation wirkt leicht konspirativ: Ich stehe im Hinterhof und tippe meine Handynummer in ein Terminal ein. Enter. Das Telefon rappelt. Mein Zugangscode ist da: 89717. Wieder tippen. Dann klickt das Schloss und das Display meldet: "Tür wurde geöffnet." Ich betrete das Geschäft. Es gibt Regale voller Schachteln, Hakenwände voller Päckchen. Aber keine Ladentafel, keinen Verkäufer. Bin ich allein? Nicht ganz: "Hallo! Grüß Gott! Willkommen beim digitalen Shoppen!"

Freital hat sein erstes vollautomatisches Geschäft. Es ist das erste in ganz Sachsen, sagt Christian Lorenz, dessen Gesicht von einem Bildschirm in der Mitte des Raums zu mir spricht. Lorenz ist kein Sachse, wie man unschwer hört, sondern Franke. Tatsächlich sitzt er gerade in Schweinfurt, am Hauptsitz seiner Firma, die Tintenfuzzy heißt. Für die Steuerung dieses Digitalshops braucht er kaum mehr als das Internet und einen Laptop. Selbst das Smartphone würde reichen, sagt er, nur ist das Display ziemlich klein. "Das wäre dann etwas mühsam."

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Ankunft am automatischen Laden. Um die Tür zu öffnen, gibt man zunächst die Telefonnummer seines Handys am Terminal ein.
Ankunft am automatischen Laden. Um die Tür zu öffnen, gibt man zunächst die Telefonnummer seines Handys am Terminal ein. © Karl-Ludwig Oberthür

Tintenfuzzy verkauft Druckerzubehör, hauptsächlich Farbpatronen, Tonerkassetten und Papier. Die Kartuschen sind meistenteils recycelte oder nachgebaute Modelle, daher günstiger als die Originale. Christian Lorenz, Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, hat die Firma 1999 noch in seiner Studentenbude gegründet, weil er nicht einsehen wollte, dass neue Patronen für seinen Olivetti-Drucker eine halbe Monatsmiete kosten sollten. Bald hatte er seinen ersten Laden, acht, neun Quadratmeter. "Eine ganz kleine Klitsche."

Die Liebe zu "kleinen Klitschen"

Heute, 22 Jahre später, sucht Tintenfuzzy wieder nach "kleinen Klitschen". Ein automatischer Laden braucht nicht viel Platz. Sechs Regale müssen reinpassen, um etwa sechshundert Artikel aufzunehmen. Damit, so schätzt Christian Lorenz, kann das Geschäft etwa 80 Prozent der aktuell angesagten Druckermodelle versorgen.

Hat man sich mit seiner Handynummer an der Tür registriert, kommt eine SMS mit dem Zugangscode zurück. Erst diese Kombination gibt den Eingang frei.
Hat man sich mit seiner Handynummer an der Tür registriert, kommt eine SMS mit dem Zugangscode zurück. Erst diese Kombination gibt den Eingang frei. © Karl-Ludwig Oberthür

Auch der Freitaler Laden ist klein. 25 Quadratmeter. Es hätten ruhig noch zehn weniger sein können, sagt Ulf Lehnert, Geschäftskundenbetreuer und als gebürtiger Freiberger Tintenfuzzys Mann vor Ort. Lange habe man in der Region etwas Passendes gesucht. Und der Hinterhof in Freital-Deuben passt. Man braucht in dem Metier keinen Platz in der City, keine Prager Straße, sagt Lehnert. "Der Kunde kommt zielgerichtet zu uns, wenn er Bedarf hat."

Verkäufer benutzt sein "digitales Auge"

Ich habe Bedarf. Home-Office und Home-Schooling haben meinen alten Lexmark erschöpft. Er will nicht mehr drucken. Problem mit der Patrone lautet die Fehlermeldung. Da muss wohl eine neue her. Aber in welchem von all diesen Päckchen steckt sie? Gewöhnlich genügt es, den Typ des Druckers anzusagen. Da ich den nicht sicher weiß, lege ich die alte Patrone in ein orange markiertes Feld unterhalb des Videoschirms mit dem virtuellen Verkäufer, damit ist sie im Sichtfeld des "digitalen Auges".

Der Verkäufer, hier Tintenfuzzy-Chef Christian Lorenz, schaltet sich per Videokonferenz zu. Fragen zur Ware werden mithilfe des "digitalen Auges", einer speziellen Kamera, geklärt.
Der Verkäufer, hier Tintenfuzzy-Chef Christian Lorenz, schaltet sich per Videokonferenz zu. Fragen zur Ware werden mithilfe des "digitalen Auges", einer speziellen Kamera, geklärt. © Karl-Ludwig Oberthür

Dieses Auge ist eine Dokumentenkamera. Was sie sieht, gefällt Christian Lorenz im fernen Schweinfurt nicht. Meine Patrone samt Drucker ist hoffnungslos veraltet. "Die wird ja net a mal mehr im Original hergestellt", erklärt er. Letztes Jahr hatte er noch ganze zwei Anfragen zu diesem Typ. Doch er kann nichts machen. "Dieses Produkt gibt es nicht mehr."

Keine Einschränkungen durch Corona

Probehalber nenne ich den Drucker von Kundenbetreuer Lehnert, einen Tintenstrahler von Brother Industries. Da weiß Lorenz am anderen Ende der Leitung sofort Bescheid. "Regal vier, Haken Cäsar sechs und Cäsar elf", buchstabiert er. Tatsächlich ist das Patronenset genau dort zu finden. Da ich es nicht wirklich brauche, schwenke ich auf zwei Pakete Papier um. Ein Bildschirm neben dem Verkäufer macht die Rechnung auf, mit einem Euro Sonderrabatt - für den allerersten Kunden.

Der virtuelle Verkäufer lotst den Kunden an diejenigen Stellen im Regal, wo die gewünschten Produkte lagern.
Der virtuelle Verkäufer lotst den Kunden an diejenigen Stellen im Regal, wo die gewünschten Produkte lagern. © Karl-Ludwig Oberthür

Während des Einkaufs ist die Ladentür von außen zugesperrt. Nur immer eine Person darf sich bedienen. In Zeiten von Corona ist das besonders praktisch. Das Landratsamt wertet den Shop als Kombination aus Onlineangebot ohne Kundenkontakt und Abholung im Laden. So bleibt der Geschäftsbetrieb praktisch unberührt von den aktuellen Beschränkungen. Auch Maske tragen ist im Verkaufsraum keine Pflicht, wird von der Behörde allerdings empfohlen, "um die Verbreitung von Aerosolen im Geschäft zu vermeiden".

Automatik soll Geschäften beim Überleben helfen

Den digitalen Laden hatte Tintenfuzzy schon vor der Pandemie in Planung. Als sich für eine Filiale in Würzburg kein Personal mehr finden ließ, begann man, automatische Abläufe zu testen. Inspiriert wurde Firmenchef Lorenz dabei von den unbemannten Mini-Supermärkten in China. Inzwischen gibt es in Bayern schon zwei Läden ohne echtes Personal. Freital ist das dritte Geschäft dieser Art.

Bezahlt wird ferngesteuert mit allen gängigen Karten. Nur Bargeld funktioniert nicht. Am Ende gibt es wie gewohnt den Kassenzettel.
Bezahlt wird ferngesteuert mit allen gängigen Karten. Nur Bargeld funktioniert nicht. Am Ende gibt es wie gewohnt den Kassenzettel. © Karl-Ludwig Oberthür

Tintenfuzzy geht es nicht darum, den Handel zu entvölkern. Es geht darum, sagt Kundenbetreuer Ulf Lehnert, kleine Geschäfte auch in schwieriger Lage zu erhalten. Dazu müsse man das vorhandene Personal effizient einsetzen. Statt den ganzen Tag im Laden zu stehen und zu warten, bediene man die Kunden nur noch dann, wenn sie es bräuchten, und könne die übrige Zeit im Home-Office nutzen.

Kammer: Pandemie fördert unbemannten Handel

Automatisches Verkaufen ist auf dem Vormarsch. Möbelhäuser, Baumärkte und Lebensmittelketten experimentieren ebenfalls damit. Lars Fiehler, Sprecher der Industrie- und Handelskammer Dresden, nimmt an, dass Corona diesen Trend fördern wird: "Hinsichtlich des anhaltenden Pandemiegeschehens ist sicherlich zu erwarten, dass noch weitere Handelsunternehmen den unbemannten Verkauf anbieten werden."

Dieser Luftreiniger beseitigt rund um die Uhr Feinstaub, Vieren und Bakterien im Laden. Auch sauber gemacht wird von einem Automaten.
Dieser Luftreiniger beseitigt rund um die Uhr Feinstaub, Vieren und Bakterien im Laden. Auch sauber gemacht wird von einem Automaten. © Karl-Ludwig Oberthür

In welcher Form das passiert, dürfte vom Standort, vom Sortiment und von der Kundenstruktur abhängen, vermutet Fiehler. Ganz sicher aber werde sich das Gesicht des Handels in den nächsten Jahren verändern. "Insbesondere die stationären Einzelhändler müssen sich neue Konzepte überlegen, um auch mit äußeren Einflüssen einen reibungslosen Absatz zu ermöglichen."

Ich habe meinen Einkauf abgeschlossen, bargeldlos. Die ferngesteuerte Tintenfuzzykasse akzeptiert alle gängigen Karten, auch die EC meiner Hausbank. Der Kassenzettel schnurrt aus dem Bondrucker. Herr Lorenz auf dem Bildschirm sagt servus, und ich auch. Was zurückbleibt, sind ein paar Drecktapsen auf den Fliesen. Aber nicht für lange. Dafür wird der Reinigungsroboter heute Nacht sorgen.

Tintenfuzzy in Freital: Krönertstraße 3, geöffnet Mo/Di 11-17 Uhr, Mi 11-14 Uhr, Do/Fr 11-17 Uhr, Sa 10-13 Uhr.

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