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Corona: Regelbetrieb an Schulen ist nicht zu halten

Die Corona-Infektionsraten steigen. Lehrer und Schüler haben Angst vor Ansteckungen. Darauf gibt es eine Antwort – doch Schulschließungen sind es nicht.

Es gibt einige inkonsequente Regelungen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Die Situation an den Schulen gehört dazu - meint SZ-Redakteurin Susanne Plecher.
Es gibt einige inkonsequente Regelungen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Die Situation an den Schulen gehört dazu - meint SZ-Redakteurin Susanne Plecher. © Jonas Güttler/dpa

Das Land ist im Lockdown, aber die Schulen fahren unter Volllast. Niemand darf mehr Bibliotheken oder Museen besuchen, aber Schüler müssen sich in rappelvolle Bahnen und Busse quetschen. Kinder sollten in ihrer Freizeit gerade einmal einen Freund sehen, aber ihre Schultage verbringen sie mit bis zu 27 Klassenkameraden eng an eng im Klassenzimmer. Generell soll ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden. Wie viel Platz bleibt zwischen zwei Kindern, die sich eine Schulbank teilen? 30 Zentimeter?

Es gibt einige inkonsequente Regelungen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Die Situation an den Schulen gehört dazu. Es ist gut, dass der Widerstand dagegen immer lauter wird. Viele Schüler und Lehrer haben jeden Tag aufs Neue Angst, sich anzustecken. Sie ist begründet. Denn laut Robert-Koch-Institut sinken zwar die Infektionsraten generell, aber bei den unter 20-Jährigen steigen sie an. 57 sächsische Schüler haben sich in dieser Woche nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt, dazu 31 Lehrer. Das sind die aktuellsten Zahlen, die das Kultusministerium veröffentlicht hat. Stand: Dienstag. Sie nennen aber nur die Fälle, die eindeutige Krankheitssymptome zeigen. Doch Kinder sind oft auch infektiös, wenn sie scheinbar gesund sind.

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Bildung als Glücksspiel

Was ist zu tun? Schulen offen lassen oder dichtmachen? An dieser brisanten Frage bildet sich die Komplexität der Krise ab. Hier zeigt sich, wie sich der gesellschaftliche Umgang mit der Pandemie im Kleinen niederschlägt – und was im Großen bedacht werden muss. Werden die Schulen geschlossen, leiden Bildung und Psyche der Kinder, im schlimmsten Fall auch ihre körperliche Unversehrtheit. Eine repräsentative Studie der Krankenkasse DAK ergab, dass ein Viertel aller Schüler während des ersten Lockdowns oft sehr traurig und niedergeschlagen war. Das Risiko, psychische Auffälligkeiten zu entwickeln, sei durch die Einschränkungen erhöht. Eltern geht es auch nicht besser, wenn die Schulen schließen. Dann stehen sie unter mehrfachen Belastungen und haben, weil sie ihre Arbeit oft nicht schaffen, mitunter auch noch Angst um ihren Job. Wir haben im Frühjahr gesehen, dass das selbst beim besten Willen keiner lange aushält.

Bleiben die Schulen aber im Regelbetrieb offen, ist die Gesundheit der Kinder, ihrer Familien und Lehrer in Gefahr. Außerdem fällt das Aufrechterhalten des Schulbetriebes mit jedem Lehrer, der in Quarantäne geht, schwerer. Welche Auswirkungen das erzwungene Zuhausebleiben für die Schüler hat, ist noch nicht abzusehen. 9.276 waren es in dieser Woche. Das sind 2,2 Prozent aller sächsischer Schüler. Vor den Herbstferien waren es 0,7 Prozent. Wie sie an das Wissen kommen, das ihren Mitschülern im Unterricht vermittelt wird, ist jedem Lehrer überlassen. Das klingt nach Glücksspiel. Denn Lehrer haben schon jetzt einen enormen Mehraufwand, weil sie erkrankte Kollegen vertreten und Onlineaufgaben bereitstellen müssen. Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, kann sich daher sogar ein zusätzliches Schuljahr vorstellen. Es zeichne sich bereits jetzt ab, dass die Lehrpläne nicht erfüllt werden könnten. Die Schulen wieder zu schließen, wofür sich Österreich und Tschechien entschieden haben, wäre komplett falsch. Sie im Regelbetrieb laufen zu lassen, ist es auch.

Wir brauchen Wechselunterricht

Der Mittelweg muss es werden. Die Kanzlerin hatte ihn vorgeschlagen. Sie hat recht. Wir brauchen Wechselunterricht, eine Teilung der Klassen in A- und B-Gruppen, die wöchentlich zwischen Präsenzunterricht in der Schule und Aufgabenerledigung zu Hause mit Online-Unterstützung wechseln. Die Klassenräume wären schlagartig nur noch halb besetzt, Mindestabstände wären kein Thema mehr. Das Infektionsrisiko würde abrupt sinken. Auch in Bussen und Bahnen würde sich ein solches Modell sofort bemerkbar machen.

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Um die Kinder darauf vorzubereiten, müssen ältere Schüler ab Klasse 5 jetzt mit absoluter Priorität noch einmal fit gemacht werden für die Lernplattform Lernsax. Schulen oder Elternvertreter sollten auch für die Eltern Tutorials anbieten. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Um den Begegnungsverkehr in den weiterführenden Schulen massiv zu reduzieren, sollten die Schüler in den Räumen bleiben und Lehrer die Zimmer wechseln. Viele Grundschulen sind damit erfolgreich. In der Folge müsste aber auch eine Entschlackung des Lehrplans diskutiert werden. Denn Homeschooling, und sei es nur im Wochenwechsel, ist in der Wissensvermittlung nicht annähernd so effektiv wie Präsenzunterricht.

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