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Corona: Sachsen will Kultur stufenweise öffnen

Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch spricht im Interview über Wünsche der Theater und Museen sowie Geld fürs Grüne Gewölbe.

Sachsens Kunstministerin Barbara Klepsch (CDU) will 2021 zum Jahr der Wiederöffnungen und Wiederbegegnungen machen.
Sachsens Kunstministerin Barbara Klepsch (CDU) will 2021 zum Jahr der Wiederöffnungen und Wiederbegegnungen machen. © Archiv: ronaldbonss.com

Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch mag es lieber direkt. Das geplante Interview zu Kulturplänen in Corona-Zeiten mit der CDU-Politikerin soll nicht per Telefon stattfinden, sondern bei ihr im Ministerium. Der Abstand stimmt. Der Tisch zwischen der 55-Jährigen und dem Interviewer ist vier Meter lang, die Fenster stehen auf. Man winkt sich zur Begrüßung zu. Barbara Klepsch, seit 2019 Ministerin für Kultur und Tourismus und zuvor Sozialministerin, spricht gut gelaunt über Wiederöffnungsszenarien, die Chancen eines dicken Kultur-Etats und ihre Herzensangelegenheit für eine unterschätzte Stadt.

Frau Klepsch, stetig werden neue Termine der Wiedereröffnung von Kultureinrichtungen genannt – warum?

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Wir sind durch die Corona-Schutzordnungen gebunden, weil sie immer nur vier Wochen Gültigkeit besitzen. Von vielen Kultureinrichtungen hören wir immer wieder, dass sie mehr Planungssicherheit für mögliche Öffnungen brauchen. Die Staatstheater bräuchten einen Vorlauf von Minimum sechs Wochen. Die Museen könnten innerhalb von 14 Tagen wieder aufmachen. Wir haben jetzt gemeinsam entschieden, dass die Staatstheater erst einmal bis 31. März keinen Publikumsverkehr haben. Das schließt nicht aus, dass geprobt und gearbeitet werden kann. Bei den Museen wollen wir Mitte Februar das Infektionsgeschehen anschauen und über einen Stufenplan der Wiederöffnung reden. Es wird Einrichtungen geben, die von heute auf morgen öffnen könnten. Deshalb beobachten wir den Corona-Verlauf und bleiben mit unseren Partnern im Gespräch. Auch viele Kommunen haben sich dem Prozedere angeschlossen und auch viele private Betreiber.

Die Ihnen unterstehenden Theater und Museen haben viele Ausgaben, keine Einnahmen. Wie lange kann, wie lange will der Freistaat dies ausgleichen?

Kultur ist Staatsziel in Sachsen. Das gilt auch in der Krise. Weil das so ist, haben wir allein für das Jahr 2020 mehrere Millionen Euro an Verlusten der Staatsbetriebe übernommen. Jetzt sind wir wieder mit dem Landtag im Gespräch, um die 2021 entstehenden Verluste auszugleichen. Und es ist auch die Verantwortung von den Staatsbetrieben selbst, dass sie ihre Ausgaben auf ein Minimum zurückfahren. Da spielt natürlich auch das Thema Kurzarbeit eine Rolle. Noch laufen die Verhandlungen und ich hoffe, dass der Abschluss zügig kommt.

Barbara Klepsch 2020 bei einer Demo, auf der Menschen aus der Veranstaltungsbranche ihre Nöte schilderten.
Barbara Klepsch 2020 bei einer Demo, auf der Menschen aus der Veranstaltungsbranche ihre Nöte schilderten. © Archivbild: Arvid Müller

Privattheater haben im Sommer 2020 durchgespielt, um die Schließzeit des Frühjahrs aufzuholen, die Staatstheater nicht. Wird es dieses Jahr anders?

Solche Entscheidungen haben die Intendanten und Geschäftsführer individuell zu treffen. Viele sind damit beschäftigt, den Spielplan anzupassen oder auch neu aufzustellen. Dass es schwierig ist, ist mir natürlich bewusst. Aber ich glaube, so wie die großen Spielstätten aufgestellt sind, sind sie nicht ganz so flexibel wie manch kleineres, privates Haus.

Ist der Leidensdruck nicht groß genug?

Der Leidensdruck ist groß, das weiß ich. Wichtig ist, die Spielpläne so zu gestalten, dass sie funktionieren. Die Produktionen müssen den Hygienebestimmungen angepasst werden. Zu klären ist, wie viel Publikum eingelassen werden kann, wieder nur ein Drittel, oder sind die Belüftungs- und Luftaustauschanlagen so leistungsfähig, dass mehr Zuschauer in die Säle können.

Welches Augenmerk gilt den Soloselbstständigen, die wenig Hilfe hatten?

Wir hatten in Sachsen das Programm der Denkzeit-Stipendien aufgelegt, das mit sieben Millionen Euro gut ausgestattet worden war. Bislang sind 2.800 Anträge und entsprechende Projekte eingereicht oder größtenteils bewilligt worden. Wir haben auch weitere Instrumente wie den Härtefall-Fonds, damit Vereine und Klubs ihre Finanzierung so stabil halten können, dass sie, wenn es wieder losgeht, Künstler engagieren können. Dieser Fonds ist gerade ins Jahr 2021 übertragen worden. Mir waren die Soloselbstständigen von Anfang an wichtig. Endlich hat der Bund jetzt dieses Thema auch aufgegriffen. Und der Bundesfinanzminister hat die ursprünglich vorgesehenen Hilfen von Dezember bis Juni von 5.000 auf 7.500 Euro erhöht.

Wie geht es Ihnen, sich täglich mit Corona und den Bitten und Klagen von Betroffenen auseinanderzusetzen?

Das schlägt schon aufs Gemüt, auch wenn es in Deutschland im Gegensatz zu den meisten Ländern der Erde unglaublich viele Hilfs- und Rettungsprogramme gibt. Aber ja, es gibt fast kein anderes Thema mehr und es stehen oft Schicksale von Menschen dahinter, die ihrer Arbeit nicht nachgehen können oder nicht wissen, wie es weitergeht. Und da ist es egal, ob das Künstler betrifft oder jemanden aus der Veranstaltungsbranche. Das lässt mich nicht kalt. Zugleich weiß ich, dass eigentlich alle Akteure ausgeklügelte Hygienekonzepte haben. Die müssen, wenn es wieder losgeht, stärker berücksichtigt werden.

Barbara Klepsch will keine Kürzungen für Kultur hinnehmen.
Barbara Klepsch will keine Kürzungen für Kultur hinnehmen. © Peter Redlich

Gerade hat der Doppelhaushalt 2021/22 den Landtag passiert. Die Kultur musste kaum Kürzungen hinnehmen – Tusch!

In der Tat, es war kein Spaziergang, unter Corona-Bedingungen einen guten Haushalt auf den Tisch zu legen. Das war ein Kampf. Das zeigt aber auch, dass die Kultur im Freistaat einen hohen Stellenwert genießt. Ich bin froh, dass wir für die acht Kulturräume die 104,7 Millionen Euro wieder im Haushalt verankern konnten. Damit kann der Kulturpakt fortgeschrieben werden, was bedeutet, dass zehn Millionen Euro für die Tarifangleichungen in den ländlichen Räumen mit vorgesehen sind. Was nicht enthalten ist, was ich sehr bedauere, sind die investiven Verstärkungsmittel von drei Millionen Euro etwa für Baumaßnahmen oder Umstrukturierungen der Einrichtungen. Auch die sogenannte Entfrachtung der Landesbühnen mit 3,2 Millionen Euro, also dass nicht mehr die Kulturräume die Landesbühnen mitfinanzieren, konnten wir nicht in diesem Haushalt aufnehmen. Da wird es noch Diskussionen geben.

Der Etat der Staatlichen Kunstsammlungen wird um zehn Millionen Euro aufgestockt. Wofür, nur für mehr Sicherheit – Stichwort Grünes Gewölbe?

Es geht bei den SKD um Inhalte genauso wie um Sicherheit. Wir müssen in Personal und auch in Technik investieren. Aber diese Gelder sind nötig für Tarifanpassungen und die künstlerische Weiterentwicklung. Für die Arbeit an Konzepten etwa der Nutzung des Japanischen Palais’ oder der perspektivischen Öffnung des Blockhauses als Archiv der Avantgarden oder für Sonderprojekte wie die große Vermeer-Ausstellung im Zwinger. Diese wird eine der spektakulärsten Schauen in der Geschichte des Museumsverbundes – und zugleich die bisher größte Ausstellung über diesen Maler in Deutschland sein. Hochkarätige Leihgaben aus aller Welt werden in den Alten Meistern zu sehen sein.

Während Sachsens Musikrat und der Filmverband erheblich weniger Geld haben, erhält die Sorbenstiftung 4,6 Millionen Euro mehr – wie das?

Das bezieht sich auf das nunmehr vierte Finanzabkommen, das die drei Geldgeber Bund, Brandenburg und Sachsen mit der Stiftung für das sorbische Volk für jeweils fünf Jahre vereinbart haben. Lange hatte es dort keinen finanziellen Aufwuchs gegeben, obwohl die Aufgaben der Stiftung gewachsen sind. Allein beim Dachverband Domowina und denen von der Stiftung finanzierten Kultureinrichtungen war einfach ein größerer Finanzbedarf da.

Welche kulturpolitischen Akzente wollen Sie die nächsten zwei Jahre setzen?

Ein Schwerpunkt wird der Ausbau der Arbeit der Stiftung Sächsische Gedenkstätten sein. Ich hoffe, dass ab Sommer eine Geschäftsführerin oder ein Geschäftsführer antritt und wir auch inhaltlich eine Weiterentwicklung angehen können. Entsprechende Bewerbungsgespräche laufen. Die Gedenkstätten sind für mich ein ganz wichtiger Lernort für Demokratie. Ich hoffe, dass absehbar die Gedenkstätte Kasberg-Gefängnis Chemnitz und die des Frauenzuchthauses Hoheneck öffnen. Deren Ausbau und Profilierung wird ja mit erheblichen Landes- und Bundesmitteln gefördert.

Demonstration für Kultur am Königsufer. Kilian Foster, Intendant der Jazztage, Barbara Klepsch.
Demonstration für Kultur am Königsufer. Kilian Foster, Intendant der Jazztage, Barbara Klepsch. © Sven Ellger

Warum sind diese Stätten so wichtig?

Das ehemalige Frauenzuchthaus Hoheneck war das größte Frauengefängnis der DDR. Die Gedenkstätte soll den politischen Widerstand von Frauen gegen die Gewaltherrschaft würdigen und sich dem Thema Zwangsarbeit im Strafvollzug der DDR widmen. Das ehemalige Kaßberg-Gefängnis wiederum war die zentrale Durchgangsstation für alle durch die BRD aus DDR-Gefängnissen freigekauften Häftlinge. Dieses Alleinstellungsmerkmal soll ein Schwerpunkt der Gedenkstätte werden. Geplant ist außerdem der Aufbau eines Zeitzeugen-Archivs für freigekaufte Häftlinge.

Was haben Sie noch vor?

Nachdem ich im vergangenen Jahr einen Dialog mit den mir unterstellten Häusern und den sächsischen Kulturräumen gesucht habe, will ich diesen Kulturdialog noch mehr ins Land tragen. Es geht um Fragen der gerechten Entlohnung, aber auch wie man dieses einmalige und so vielfältige kulturelle Potenzial auch touristisch noch mehr nutzen kann. Wo können wir unsere Fördermechanismen anpassen, um diesen Mehrwert, den Kultur und Tourismus verzahnt ermöglichen, noch mehr zum Tragen zu bringen. Ich hoffe, mit dem Dialog bald möglichst beginnen zu können, sofern es Corona zulässt.

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Das Projekt Kulturhauptstadt ist für mich eine Herzensangelegenheit. Die Finanzierung ist jetzt auf den Weg gebracht. Der Bund gibt 25 Millionen Euro und der Freistaat auch. Jetzt geht es darum, in unserer Verwaltung eine Struktur zu schaffen, dass auch in der Staatskanzlei und in meinem Haus die Kulturhauptstadt Chemnitz die nötige Priorität erhält. Die Gespräche mit den Bürgermeistern der im Konzept der Kulturhauptstadt mit eingebundenen Region laufen ebenfalls. Wir werden Chemnitz eng begleiten und unterstützen. Für die Stadt und die Region ist der Titel eine großartige Chance, in Europa und weltweit bekannter zu werden.

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