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"Es ist wie Berufsverbot"

Madeleine Wolf lebt vom Singen. Corona hat ihr die Bühne genommen. Schon wieder. Wie hält die Lauensteinerin das aus?

Auftritt im Wohnzimmer: Wegen des Kultur-Lockdowns kann Sängerin Madeleine Wolf, 40, aus Lauenstein zurzeit nur daheim Musik machen.
Auftritt im Wohnzimmer: Wegen des Kultur-Lockdowns kann Sängerin Madeleine Wolf, 40, aus Lauenstein zurzeit nur daheim Musik machen. © Egbert Kamprath

Als junges Mädchen hatte sie noch Angst, vor Leuten aufzutreten. Doch die Magie der Bühne änderte alles. "Wer einmal auf einer Bühne gestanden hat, der geht nie wieder runter", sagt Madeleine Wolf. Sie steht dort oben, um zu singen. Mal singt sie die Andrea Berg, mal die Helene Fischer, mal ABBA, mal, als Frontfrau der Bimmelbah' Musikanten, das "Arzgebirg". Wenn die Leute Spaß haben, dann hat sie auch Spaß. "Aber was ist eine Sängerin ohne Publikum?"

Das Publikum fehlt, wegen Corona. Weil Gasthöfe und Hotels geschlossen wurden, Reisegruppen daheim bleiben, Unterhaltungsshows und Volksfeste abgeblasen sind und selbst die Privatfeiern nur noch auf Sparflamme laufen hat Madeleine Wolf aus Lauenstein praktisch keine Bühne mehr. Dabei hatte das Showgeschäft schon neue Fahrt aufgenommen nach dem Lockdown im Frühling. Massig Buchungen für die Sängerin. Und jetzt der Rückfall. "Das ist wie Berufsverbot."

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Tino Wolf unterstützt seine Frau bei den Auftritten als Techniker und DJ. Der Kleinbus der Sängerin hat aber vorerst kein Ziel mehr.
Tino Wolf unterstützt seine Frau bei den Auftritten als Techniker und DJ. Der Kleinbus der Sängerin hat aber vorerst kein Ziel mehr. © Egbert Kamprath

Seit dreizehn Jahren ist die Musik Madeleine Wolfs Auskommen. 2007 machte sie sich als Sängerin selbstständig. Das Singen ist für sie viel mehr als nur ein Job. "Ich bringe den Menschen Freude, in allen Lebenslagen." Sie singt beim Geburtstag und auf der Hochzeit ebenso wie zur Trauerfeier. Wer sie jetzt singen hören will, kann sich im Netz bei Youtube Videos anschauen. Das Internet ist ein Weg zu zeigen, dass man noch da ist. "Aber es bringt kein Brot auf den Tisch."

Neue CD in der Zwangspause eingesungen

Die Liebe zur Musik, das ist für Madeleine Wolf klar, hat sie von ihrem Vater geerbt, der schon zu DDR-Zeiten in einer Band Tanzmusik spielte. Er hat sogar ein Lied für sie geschrieben: Kleiner blonder Engel. So hieß dann auch Madeleines erste Single-CD, die 2009 heraus kam. Weitere Singles folgten, und zwei Alben. Das dritte Album ist in Arbeit. Ein musikalisches Candle-Light-Dinner. Piano und Gesang. Wenigstens das hat Corona gebracht: reichlich Zeit, um im Studio zu sein. Das Werk ist pressfertig. Im März 2021 soll es erscheinen.

Da war die Welt noch in Ordnung: Voriges Silvester bringt Madeleine Wolf die Leute im Erbgericht Reinhardtsgrimma zum Tanzen.
Da war die Welt noch in Ordnung: Voriges Silvester bringt Madeleine Wolf die Leute im Erbgericht Reinhardtsgrimma zum Tanzen. © Foto: privat

Live singt Madeleine Wolf jetzt allenfalls daheim in Lauenstein. Ein Studio hat sie nicht. Sie singt im Wohnzimmer, am E-Piano, oder am Bügelbrett. Sie muss singen. Einerseits, um textsicher zu bleiben, andererseits, um die Stimme elastisch zu halten. Gerade jetzt, wo die Engagements fehlen. Ohne Training wären die Stimmbänder überlastet, würde es plötzlich wieder losgehen mit den Aufritten.

Was geht noch im Dezember?

Wann es so weit ist? Das ist die große Frage. Die kommenden Wochen wären eigentlich Hochsaison für Sängerin Wolf, als Solo-Künstlerin, und als Mitglied der Bimmelbah' Musikanten, der erzgebirgischen Folkloregruppe, die ihr Mann Tino leitet, und wo auch Tochter Laura zum Mikro greift. Nach Totensonntag hätten mehr als vierzig Auftritte im Terminkalender gestanden. Einige stehen noch immer da. Madeleine hofft, dass im Dezember doch noch irgendwas funktioniert. "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Madeleine Wolf mit Pianist Hans-Georg Mauer. In der Corona-Pause hat sie ihre neue CD eingespielt, ein musikalisches Candle-Light-Dinner.
Madeleine Wolf mit Pianist Hans-Georg Mauer. In der Corona-Pause hat sie ihre neue CD eingespielt, ein musikalisches Candle-Light-Dinner. © Foto: PR

Diese Hoffnung hat nicht nur sie. Auch die Veranstalter hoffen. Viele sagen nicht einfach ab, sondern verschieben die Auftritte, bieten der Sängerin Alternativen an. Sie weiß das zu schätzen. Sie weiß aber auch, dass die Unterhaltungsbranche nicht einfach so, mit dem Umlegen eines Schalters, wieder in Gang zu bringen sein wird. Hotels, Gaststätten, Reiseunternehmen - sie alle werden sich erst wieder sortieren müssen, wenn sie überhaupt noch da sind. Wer leistet sich dann gleich einen Künstler?

Fernsehleute filmen im Musikantengarten

Immerhin: Im Sommer, als der erste Lockdown sich lockerte, spielte die Musik schon wieder ganz ordentlich. Madeleine und die Bimmelbah' hatten gut zu tun. Auch wenn nun deutlich mehr Platz war, zwischen ihr und dem Publikum, manchmal ein halbes Kleinfußballfeld, so war es doch ein Anfang. Die Sängerin zollt den Veranstaltern Respekt für ihren Biss, vor allem den Vereinen. Die Hygienevorschriften machten ihnen viel zusätzliche Arbeit. "Umso schöner, wenn sich einer findet und sagt: Ich zieh' das durch."

Zwischenhoch im Sommer: Madeleine Wolf hat trotz Corona etliche Auftritte, so wie hier in der Buschmühle Niederau bei Meißen.
Zwischenhoch im Sommer: Madeleine Wolf hat trotz Corona etliche Auftritte, so wie hier in der Buschmühle Niederau bei Meißen. © Foto: privat

Den vom Virus erzwungenen Leerlauf hat die Sängerin bisher mit Büroarbeit ausgefüllt, mit Dingen, die für gewöhnlich liegen bleiben. Sie hat Programme sortiert, Stücke einstudiert, an der neuen Platte gefeilt. Das MDR-Fernsehen kam in den Lauensteiner Garten der Wolfs, mit Ü-Wagen und einem guten Dutzend Leute, um die Bimmelbah' Musikanten für den Vereinssommer aufzunehmen, eine Sendereihe über engagierte Macher. Mit der Band ging es auch ins Probenlager, Weihnachten vorbereiten. "Hoffentlich brauchen wir das."

Eins ist sicher: der Auftritt am Heiligabend

Mit ihrem glockenklaren Sopran kann Madeleine Wolf ihren Lebensunterhalt verdienen. Unter normalen Umständen. Doch wenn sich dieses Jahr nichts mehr zum Besseren wendet, hat sie achtzig, fünfundachtzig Prozent ihrer Auftritte eingebüßt. Schätzungsweise. Wie hoch die Verluste sein würden, und jetzt schon sind, müsste sie mal ausrechnen. "Aber das sind Zahlen, die man eigentlich nicht hören will."

Wann wird's wieder mal so lustig? Die Lauensteiner Bimmelbah' Musikanten mit Madeleine Wolf auf Tour.
Wann wird's wieder mal so lustig? Die Lauensteiner Bimmelbah' Musikanten mit Madeleine Wolf auf Tour. © Foto: privat

Die Novemberhilfe des Bundes, die Solo-Selbstständigen wie Madeleine Wolf helfen soll, wird eine Stütze sein. Wenn sie erst mal da ist. Momentan kann man den Zuschuss noch nicht einmal beantragen. Bloß gut, dass die Familie nicht gänzlich von der Musik lebt. Tino Wolf, Techniker und Betriebswirt, ist in einer Firma für Präzisions-Drehteile für den Absatz zuständig. Das Geschäft brummt, sagt er.

Trotz der schweren Zeiten für die Musik: Madeleine Wolf bereut es keinen Augenblick, das Singen zum Lebensinhalt gemacht zu haben. Es ist nun mal ihre Leidenschaft. So glaubt sie fest daran, dass ihr Terminbuch für 2021 sich nicht umsonst füllt. Und zwei Auftritte hat sie dieses Jahr auf jeden Fall noch, zum Fest, beim MDR: "So klingt's bei uns im Arzgebirg" und "So schön ist Weihnachten im Erzgebirge". Gegen Fernseher ist Corona zum Glück machtlos.

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