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Dieser Lockdown schadet Kindern nicht

Immer wieder wird behauptet, dass Kinder in der Corona-Zeit leiden würden. Doch das sind Wohlstandsbeschwerden. Ein Leitartikel.

© dpa/SZ

Kamilla ist besorgt. „Meine Kinder können sich an die Zeit ohne Maske nicht mehr erinnern“, glaubt sie. Petra pflichtet ihr bei: „Jeden Tag muss ich Kindertränen trocknen, weil sie sich nach ihren Freunden sehnen. Wann können sie wieder unbeschwert spielen?“ Und Laura musste den Kindergeburtstag absagen. „Wir nehmen ihnen wichtige Erfahrungen!“

Diese Zitate stammen aus einem Internet-Forum für Eltern. Ähnliches liest man in Whatsapp-Gruppen, auf Facebook oder hört es im Telefonat mit Freundinnen. Zusammengefasst sind dies die Anlässe für die Sorgen: Der Kindergeburtstag muss ausfallen, die Kinder dürfen nicht in den Kindergarten oder die Schule, sie dürfen ihre Freunde nicht treffen, können nicht zum Musikunterricht, nicht zum Schwimmen oder Fußball. Und: Sie dürfen wenig rausgehen und müssen den ganzen Tag mit ihren Eltern verbringen.

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Es sind also mitnichten lebensnotwendige Dinge, auf die die meisten Kinder in diesem Winter verzichten müssen – wohlgemerkt in einem Winter nach einem Sommer, in dem es einen fast normalen Alltag gab. Übrigens klagten auch in diesem entspannten Sommer einige Eltern: Ihre Kinder seien „verstört“, weil sie auf Schulfluren eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen mussten, sie Schulfreunde aus anderen Klassen nicht sehen durften oder die Lieblingsmusiklehrerin ausfiel. Damals wie heute ist das vor allem Jammern auf unfassbar hohem Niveau.

Denn es gibt sie, viel zu viele Kinder in Deutschland, die es in Corona-Zeiten wirklich schwer haben. Wer in der eigenen Familie seelische oder körperliche Gewalt erleben muss, wer vernachlässigt wird oder nicht genug zu essen bekommt, für den sind Einrichtungen wie Kindergarten und Schule ein Segen. Dort gibt es warme Mahlzeiten, Freunde und im besten Falle einfühlsame Pädagoginnen und Pädagogen.

Stille allerorten

Einrichtungen, die sich um benachteiligte Familien kümmern, haben schon im ersten Lockdown Alarm geschlagen, dass nun Gewalt an Kindern noch seltener bemerkt wird als vorher schon. Auch Bildungsungerechtigkeit wird sich im Corona-Jahr verstärken: Kinder von Eltern mit Hochschulabschlüssen bekommen – statistisch gesehen – umfassenderes Homeschooling als die anderen, die nun also noch mehr hinterherhinken als sowieso schon.

Doch von den Kindern aus konfliktbeladenen oder bildungsfernen Haushalten hört man wie immer nichts. Genauso wenig wie von den Familien, die sich seit nunmehr einem Dreivierteljahr zu Hause isolieren, weil ein Kind immunkrank ist und keinen Kontakt zum gefährlichen Virus haben darf. Man hört nichts von dem Vater, der die Hauptfürsorgearbeit übernimmt, weil die Partnerin unter Depressionen leidet. Und man hört wenig von denjenigen, die in der Pflege arbeiten, deren Kinder in die Notbetreuung gehen und die nun eine Ansteckung fürchten.

Manches Jammern ist ein Wohlstandsproblem

Die Familien also, die in dieser Pandemie tatsächlich mit Problemen zu kämpfen haben, sind mal wieder nicht die Lautesten. Stattdessen beschweren sich all jene, die die zeitlichen und psychischen Kapazitäten dafür haben – und offenbar eine große Portion Wohlstandsprobleme.

Wird Corona unseren Kindern nun Schaden zufügen? Die Antwort lautet ganz klar: Nein, wenn es den Erwachsenen gut geht. Kinder- und Jugendtherapeuten betonen die Wirkung des elterlichen Stresslevels auf die Kinder. Sind die Eltern entspannt, entspannen sich die Kinder. Haben die Eltern Angst, fürchten sich die Kinder. Verantwortungsvolle Elternschaft besteht darin, Probleme zu lösen und insbesondere kleinere Kinder nicht in den Strudel der eigenen Sorgen hineinzuziehen, ihnen vielleicht sogar Probleme einzureden.

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Vielleicht haben es sich viele zu bequem darin gemacht, dass Kinder zum großen Teil durch Kindergärten und Schulen betreut werden. Wie in vielen anderen Bereichen führt uns Corona hier vor Augen, wie hilflos wir dastehen, wenn scheinbar Selbstverständliches wegfällt. Nun unterstützt niemand mehr in der Erziehungsarbeit, nimmt keiner das Kind ab, das sich auch mal langweilt. Bloß hat Langeweile noch keinem Kind geschadet, ebenso wenig wie kleinere Enttäuschungen zu erleben – etwa über ein Weihnachtsfest im engsten Kreis. Wer weiß, vielleicht gefällt es den Kleinen sogar gut ohne das ganze Brimborium?

Eltern wären mit drei Dingen gut beraten. Erstens: Die individuellen Probleme ins Verhältnis setzen. Sind meine Kinder wirklich so schlimm dran? Zweitens: Die eigenen Sorgen nicht auf die Kinder übertragen, sondern Zuversicht und Zuwendung vermitteln. Und drittens: Sich von den Kindern etwas abschauen. Denn die sind die eigentlichen Experten darin, eine Situation so zu nehmen, wie sie ist.

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