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Semperoper wird zum Impfzentrum

Am Freitag heißt es in Dresden "Impfen mit Musik". Dabei gibt es auch unter Künstlern viele Impfgegner.

Von Bernd Klempnow
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An diesem Freitag dürfte es womöglich solche Schlange vor der Semperoper geben: wenn dort zum Schutz vor Corona geimpft wird.
An diesem Freitag dürfte es womöglich solche Schlange vor der Semperoper geben: wenn dort zum Schutz vor Corona geimpft wird. © Sven Ellger

Corona-Impfung 2021 in Deutschland: Wohl setzen vor allem Hausärzte und Impfteams die Spritze. Aber auch schon vor Bratwurstständen, in Stadien und Kirchen konnte man sich derart immunisieren lassen. Und nun werden die Sächsischen Staatstheater für kurze Zeit zum Impfzentrum, wie diese am Montag informierten. Am kommenden Wochenende laden Semperoper und Staatsschauspiel im Rahmen der Kampagne der Dresdner Kultureinrichtungen „Impfen schützt auch die Kultur“ dazu ein, sich den Covid-19-Schutz geben zu lassen. Künstler der Oper und der Staatskapelle „unterstützen die Aktion mit musikalischen und darstellerischen Beiträgen vor Ort“.

Das Angebot gilt in der Oper am 10. Dezember von 15 bis 19 Uhr und im Schauspielhaus am 11. Dezember von 10.30 bis 16 Uhr. Für die Erst-, Zweit- und Booster-Impfungen steht Moderna zur Verfügung. Anmelde- und Anamnesebögen gibt es alsbald auf den Webseiten der Häuser zum Downloaden. Termine werden nicht vergeben. „Interessierte sollen sich einfach mit den ausgefüllten Unterlagen, den Impf- und Personalausweisen sowie der Krankenversicherungskarte einfinden.“

Stars und Konzertmeister als Impfmuffel

Damit bemühen sich jene Häuser um niedrigschwellige Impfangebote, die durch die Corona-Auflagen in den vergangenen Jahren lange Schließzeiten hatten. Und die durch die stark begrenzte Besucherkapazitäten deutlich weniger Zuschauer und damit auch weniger Einnahmen hatten. Bereits vergangene Woche hatten Kultureinrichtungen in Dresden mit Bannern und Plakaten sowie auf ihren Social-Media-Kanälen zum Impfen aufgerufen. Nur mit einer hohen Impfquote, so hieß es, könne das permanente Herunterfahren des Kulturbetriebes wegen zu hoher Inzidenzen gestoppt werden. Gelänge das nicht, so die Aktion unterstützende Kulturministerin Sachsens, Barbara Klepsch, „laufen wir im nächsten Jahr auf das gleiche Szenario zu. Das werden weite Teile der Kulturlandschaft auf Dauer nicht überleben, das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten“.

Interessant ist das Engagement der Häuser wie Staatsoper und Philharmonie, weil sich viele deren Mitarbeiter nicht schützen lassen wollen. In Staatskapelle, Philharmonie und Staatsopernchor soll es gut 30 Prozent Impfgegner geben. Deutschlandweit, so inoffizielle Zahlen, sind zehn bis 20 Prozent der Musiker von öffentlich finanzierten Orchestern ungeimpft. Es gibt ein Süd-Nord- und ein Ost-West-Gefälle.

Derweil formiert sich Widerstand von Künstlern. So gibt es das Netzwerk „Musik in Freiheit“. Gut 500 Musiker aller Genres sehen sich in der „Pflicht, auf die seit Generationen gewachsenen Werte unserer Kultur hinzuweisen“ und zitieren die UN-Menschenrechtsresolution von 1948, wonach jeder das Recht habe, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzuhaben.

Neue Bewegung der "Musik in Freiheit"

Die Teilnehmenden, freischaffende Solisten, Lehrende und Kirchenmusiker oder in Festanstellung in renommierten Orchestern, Bands und Hochschulen, möchten sich „nicht in eine Position gedrängt fühlen, in der wir gezwungen werden, die staatlicherseits auferlegten 2- bzw. 3G-Regeln für den Zugang zu Kunst und Kultur anerkennen zu müssen und hierdurch eine Kluft zwischen uns und unserem lieb gewonnenen Publikum, unseren Fans und Freunden aufzureißen“.

Zu den Unterzeichnern des impfkritischen Manifestes gehören Orchester-Mitglieder von Rostock bis München, Festival-Intendanten, Popstars und Angehörige von Orchesterleitungen. Bayern ist tonangebend. Aber auch Sachsen ist prominent vertreten etwa mit Konzertmeistern und Solisten der Dresdner Philharmonie und des Gewandhausorchesters, mit Sängern, Alleinunterhaltern und einem Festival-Chef.

Sie, die seit Pandemiebeginn lautstark um Unterstützung für die geschlossene Kultur gebeten – und die meisten auch gekriegt – haben, fordern nun, „der Kunst im direkten Austausch mit allen Menschen ihren dringend notwendigen, gewohnten, diskriminierungsfreien und freiheitlichen Raum zurückzugeben. Wir erkennen, dass uns allen eine der wichtigsten Quellen für Lebenskraft genommen wird. Wir Musiker stehen ein für Musik in Freiheit“.

Die Tageszeitung Die Welt nannte das Manifest einen „großen Klagegesang“, der angestimmt wird, weil „die eigentlich so vorbildlich pandemiebremsende Kultur zum Bauernopfer gemacht werde, Abonnement-Systeme zusammenbrechen würden, das ältere Publikum entwöhnt werde, die Jüngeren erst gar keinen Zugang fänden“. Freilich erstaunlich ist, dass die Manifest-Unterzeichner offenbar keinen Zusammenhang zwischen eingegrenztem Kulturangebot und Pandemie erkennen.

Zugleich darf es verwundern, dass gerade viele Musiker und Chorsänger die Empfehlungen von Virologen und Ärzten ablehnen, sich zum eigenen und zum Schutz anderer impfen zu lassen. Die, die in der täglichen Arbeit des Probens und Musizierens die Ansagen von Dirigenten ohne großes Murren umsetzen. Die, die das Wissen und die Erfahrung von diesen Koryphäen aus ihrer Welt nie infrage stellen. Die aber Koryphäen aus der Medizin ignorieren und sich an im Zweifel begrenzt wissenschaftlich gebildeten Mitbürgern und deren Ratschlägen orientieren.

Droht ein Boykott der Geimpften?

Gerade deshalb verwundert es, wenn manche Intendanten die Verordnungen zur Kontaktreduzierung eher lax umsetzen. So läuft in Häusern wie der Staatsoperette Dresden, die vorerst bis Anfang Januar geschlossen sind, derzeit der Proben- und Verwaltungsbetrieb nahezu normal weiter. Obwohl dort in bestimmten Bereichen die Impfquote so niedrig ist wie die sächsische.

Angesichts dessen ist die Forderung nach Offenhaltung der Theater, Museen und Konzerthäuser, sind die Rufe nach weiterer Unterstützung für Kultur legitim. Geimpften und jenen, die sich an alle Auflagen halten und die sich wegen der vielen Ungeimpften weiterhin einschränken müssen, wird das auf Dauer wohl kaum zu vermitteln sein.