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Görlitzer Nachbar in der roten Zone

In Polen gelten ab Sonnabend nochmals verschärfte Corona-Maßnahmen. Ein Besuch in Zgorzelec.

Aneta Linke und ihr Sohn sind oft im Biedronka in Zgorzelec einkaufen - und hoffen, dass sie es auch weiterhin können.
Aneta Linke und ihr Sohn sind oft im Biedronka in Zgorzelec einkaufen - und hoffen, dass sie es auch weiterhin können. © privat

Kein Reinkommen. In der Rossmann-Drogerie in Zgorzelec schüttelt die Verkäuferin an ihrer Kasse nahe dem Eingang energisch den Kopf. Eine Kundin, eine ältere Dame, die an der Kasse steht, weist zur Tür - und auf ein Schild, das dort hängt. Eine junge Zgorzelecerin hat es offenbar auch übersehen oder von der Regelung noch nichts gewusst: In Drogerien, Lebensmittelläden, Apotheken dürfen in Polen zwischen 10 und 12 Uhr nur Senioren einkaufen gehen. Auch sie muss direkt wieder kehrt machen. Was tun mit der Zeit bis zum Mittag? 

Verschärfte Maßnahmen ab Sonnabend

Die Regelung werde tatsächlich recht streng gehandhabt, erzählt ein junger Mann - es ist nach 12 - im Biedronka. In dem Supermarkt an der Lubańska ist viel los. Nach Angst sieht es in den Einkaufswagen wie auch in den Regalen hier trotzdem nicht aus. Alles noch zu haben, sogar Toilettenpapier. Reichlich. Das hatte Mitte März, als es für Polen in den Corona-Lockdown ging, anders ausgesehen. Jetzt steht kein Lockdown an - allerdings nochmal deutlich verschärfte Maßnahmen. Auch in Polen steigt die Zahl der Corona-Infizierten stark an, so wurde etwa das Nationalstadion in Warschau zu einem Lazarett mit 500 Betten für Corona-Patienten umfunktioniert. Laut dem Stern wurden am Freitag landesweit über 13.600 neue Fälle gemeldet.

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Trotz Unklarheiten, horten wird Aneta Linke nichts. Vom Frühjahr sind noch so einige Packungen Reis und Nudeln da. "Ich eigentlich nicht, aber mein Mann hatte dann doch angefangen, mehr zu kaufen."
Trotz Unklarheiten, horten wird Aneta Linke nichts. Vom Frühjahr sind noch so einige Packungen Reis und Nudeln da. "Ich eigentlich nicht, aber mein Mann hatte dann doch angefangen, mehr zu kaufen." © privat

 Aneta Linke ist für ihren üblichen Einkauf nach Zgorzelec gefahren. Sie stammt aus Nordrhein-Westfalen, und zog, weil ihre Familie in der Oberlausitz wohnt, vor einigen Jahren nach Görlitz. "Ich gehe meistens in Zgorzelec einkaufen", erzählt sie. Sie ist zur rechten Zeit gekommen. Eine halbe Stunde früher - Aneta Linke ist unter 60 Jahre alt - hätte sie gar nicht in das Geschäft gedurft. Daran habe sie gar nicht gedacht, sagt sie mit einem raschen Blick auf die Uhr. "Wegen der gelben Zone, oder?" Am Freitag war es noch so, jetzt nicht mehr: Auf einer Pressekonferenz kündigte der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki  an, dass in Polen landesweit nun die rote Zone eingeführt werde. 

Restaurants dürfen nur noch Außer-Haus-Service anbieten

Ab Sonnabend ist beispielsweise der Betrieb von Restaurants und Catering-Einrichtungen nicht mehr erlaubt, Mitnahme- und Lieferverkäufe sind möglich, schreibt das Portal Polen-Insider. Geschäfte bleiben offen, aber die Kundenzahl wird wieder beschränkt, auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei Veranstaltungen.  Morawiecki rief Senioren über 70 Jahre auf, möglichst zu Hause zu bleiben. An den Schulen gilt, wie der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz auf seiner Facebookseite mitteilt, ab Montag das Hybrid-Modell: Schüler der Klassen vier bis acht kehren ins Homeschooling zurück, Schüler der Klassenstufe eins bis drei gehen weiter in die Schule. Auch die Senioren-Einkaufszeit soll wohl bleiben.

Bereits der Donnerstag hatte eine Menge Fragen aufgeworfen. Das RKI hat das gesamte Land Polen als Risikogebiet eingestuft, auch das gilt ab Sonnabend. Was in Frankfurt/Oder und Slubice erste Staus an der Grenze aufkommen ließ. Offenbar aus Unsicherheit, ob die Einstufung als Risikogebiet Einflüsse auf den "kleinen Grenzverkehr" und Berufspendler habe würde. Auch in Zgorzelec herrschte am Freitag auffällig viel Verkehr, Staus gab es jedoch keine - aber viele Fragen. 

Berufspendeln bleibt möglich

Seitens des Sächsischen Sozialministeriums heißt es: Es gilt die Quarantäne-Verordnung, einheitlich für alle Risikogebiete im Ausland. Bedeutet beispielsweise nun auch für Reiserückkehrer aus Polen: Personen, die aus dem Ausland in den Freistaat Sachsen einreisen und sich zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb von 14 Tagen in einem Risikogebiet aufgehalten haben, sind zur Kontaktaufnahme mit dem Gesundheitsamt, zur Einhaltung häuslicher Quarantäne und zur Testung verpflichtet. Ein Negativ-Test, der die Quarantänezeit verkürzen kann, darf höchstens 48 Stunden alt sein. Auch wenn der negative Test bereits bei der Einreise nach Sachsen vorliegt, seien die Einreisenden verpflichtet, das Gesundheitsamt zu kontaktieren.

In den sozialen Netzwerken geht es aktuell aber vor allem um den "kleinen Grenzverkehr" und die Berufspendler. Für sie gibt es in der sächsischen Quarantäne-Verordnung Ausnahmen, unter anderem für "Personen, die regelmäßig zwischen Wohnort und Arbeitsstätte die Grenze überqueren oder deren Aufenthalt im Bundesgebiet weniger als 24 Stunden andauert." Eine andere Ausnahme gilt beispielsweise für Personen, die sich weniger als 48 Stunden im Ausland aufgehalten haben und dort nicht privat an einer kulturellen, sportlichen oder anderen öffentlichen Veranstaltungen teilgenommen haben. "Das heißt, der kleine Grenzverkehr ist möglich", teilt das Sächsische Sozialministerium mit. 

Octavian Ursu, Oberbürgermeister von Görlitz und Rafal Gronicz, Bürgermeister in Zgorzelec hatten sich am Freitag beraten.
Octavian Ursu, Oberbürgermeister von Görlitz und Rafal Gronicz, Bürgermeister in Zgorzelec hatten sich am Freitag beraten. © Stadtverwaltung Görlitz

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Wie es andersherum ist, ob möglicherweise die polnische Regierung Einschränkungen plant, war bis Freitagabend nicht klar. Wie wichtig es für Görlitz und Zgorzelec sei, dass der Grenzverkehr möglich bleibt, keine Einschränkungen für die Anwohner beider Städte entstehen, betonten auch der Görlitzer OB Octavian Ursu und sein Zgorzelecer Amtskollege Rafal Gronicz am Freitag nochmal. "Daher ist es in den nächsten Wochen wichtig, dass wir alle verstärkt die Hygieneregelungen und die aktuellen Maßnahmen einhalten", teilen sie mit. Am Freitag hatten sie sich zur aktuellen Lage beraten, sich Unterstützung zugesichert. „Wir halten zusammen, ganz besonders jetzt in den etwas schwierigen Zeiten."

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