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So öffnet jetzt die Kultur in Sachsen

Ab Freitag können Kultureinrichtungen in Sachsen unter Auflagen wieder öffnen: Eine Auswahl, welche Häuser was bieten – und wer abwartet.

Von Bernd Klempnow
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Ab Sonntag ist die Semperoper wieder für Vorstellungen und Konzerte offen.
Ab Sonntag ist die Semperoper wieder für Vorstellungen und Konzerte offen. © dpa-Zentralbild

Ab Freitag können auch wieder Kultureinrichtungen öffnen. Museen, Ausstellungen und Gedenkstätten sollen für Genesene oder Geimpfte wieder zugänglich sein. Für Kinos, Theater, Konzertsäle und Opernhäuser ist die 2G-plus-Regel vorgesehen. Dann wird ein tagesaktueller Test benötigt, sofern man keine Auffrischungsimpfung hat oder die zweite Impfung nicht mehr frisch ist. Ferner sollen die Häuser ihre Platzkapazität nur zu 50 Prozent ausschöpfen, maximal sind 500 Besucher erlaubt. Es gilt zudem FFP2-Maskenpflicht.

Allerdings: Bei Erreichen der Überlastungsstufen der Krankenhausbettenbelegung wird wieder alles dichtgemacht, was Vertreter von 30 Institutionen wie Semperoper, Staatsschauspiel und Dresdner Philharmonie scharf kritisieren.

Wenn die Regierung „mit Verweis auf eine Minderheit der Ungeimpften begründet, warum alle Kultureinrichtungen erneut unter dem Vorbehalt der Schließung stehen, wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, heißt es in einem offenen Brief von dieser Woche. In ihm wird erinnert, dass Sachsens Kultur schon mehrere Lockdowns verordnet bekam und auch im November 2021 wieder schließen musste. „Die Häuer haben diese erneute Schließung mitgetragen in der Hoffnung, damit eine verlässliche Perspektive für das neue Jahr zu ermöglichen.“

Doch zunächst ist der Neustart avisiert. Aus diesem Anlass gibt es hier einen nicht vollständigen Überblick über die Angebote. Grundsätzlich gilt: Auf den Webseiten der Häuser über aktuelle Programme, Anfangszeiten und Besucherregeln informieren!

Konzerte an der Silbermann-Orgel, von Philharmonie und Staatskapelle

Orgelfans haben am Freitag doppelt Grund zu feiern: An Silbermanns 339. Geburtstag laden der Freiberger Dom und die Gottfried Silbermann-Gesellschaft zu einem Konzert. Domorganist Albrecht Koch spielt ein Geburtstagsständchen mit Werken von Bach und Buxtehude an Silbermanns berühmtestem Instrument, der Großen Domorgel von 1714. Der Eintritt ist frei.

Dvořáks mitreißende „Neunte“ steht im Zentrum des Neustart-Konzertes der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast am Sonnabend und am Sonntag. Gastdirigent Krzysztof Urbański, von Publikum wie Musikern geschätzt, leitet die Sinfonie, die Dvořák – erfüllt von seinen Amerika-Eindrücken – während seines dreijährigen Aufenthaltes in New York geschrieben hatte. Daneben stellt der aktuelle Palastorganist Olivier Latry mit „Waves“ ein spannendes, zeitgenössisches Orgelwerk von seinem französischen Landsmann Pascal Dusapin vor. Die Philharmonie plant bis Ende Januar jedes Wochenende Konzerte.

Die Staatskapelle eröffnet den Re-Start der Semperoper am Sonntagvormittag. Unter Leitung des beliebten Gastdirigenten Daniel Harding und mit dem Solisten Antoine Tamestit erklingt unter anderem William Waltons Konzert für Viola. Diese Komposition kann als das erste große Bratschenkonzert des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Tamestit ist der Capell-Virtuose der Saison 2021/22. Eine Wiederholung gibt es am Montag.

Faktisch keine Pop- und Rockkonzerte, aber einiges im Jazzclub Tonne

Für die private Veranstaltungsszene in Sachsen sind die Lockerungen mitnichten ausreichend, um ihre Angebote wieder hochzufahren. Stellvertretend für die Branche erklärt Rodney Aust: „Schön, dass einige Einrichtungen mit der neuen Verordnung etwas anfangen können, ich kann es nicht.“ Somit tut sich derzeit nichts im Alten Schlachthof, auch die anderen Popmusik-Spielstätten Dresdens bleiben weiter zu. So sagt etwa der Beatpol alle Shows im Januar ab oder verlegt sie teils gleich ins nächste Jahr. Die derzeit noch gültigen Februar-Termine haben alle den Vermerk „Wird voraussichtlich verlegt/abgesagt“. Einzige Ausnahme ist der Jazzclub Tonne, der am 21. Januar wieder mit Live-Musik ins Rennen geht. Zum Start spielt das Michael Meis 4tet spannenden Jazz-Pop-Klassik-Crossover, am 22. folgt A-Cappella-Pop mit der Band Blended.

Einige Großkinos zeigen Ghostbuster, Programmkinos warten

Hier gilt die Faustregel: Die Großkinos wie etwa die Filmpalast-Gruppe mit Standorten in Bautzen, Zittau, Riesa, Görlitz, Meißen und Pirna sind am schnellsten wieder offen. So läuft im Ufa-Palast in Dresden unter anderem „Matrix Resurrections“ mit Carrie-Anne Moss und Keanu Reeves. Der Film setzt neue Maßstäbe mit seinem Mix aus spektakulärer Action, Sci-Fi und Humor. Kleinere Lichtspielhäuser starten später – so das Programmkino Ost am 27. Januar.

Staatliche und städtische Museen öffnen nach und nach regulär

Die Staatlichen und städtischen Museen im Land werden ab Sonnabend zu ihren regulären Öffnungszeiten nach und nach öffnen. Bis dahin sind weiterhin nur virtuelle Besuche möglich.

Premierenreigen an Staatsschauspiel und Semperoper

Mit fünf Premieren erheben sich das Staatsschauspiel und mit zweien die Semperoper aus dem Lockdown. Am Sonnabend öffnen sich die Vorhänge für „Alice“ im Schauspielhaus und „Liebe ohne Leiden“ im Kleinen Haus 1. „Alice“ nach Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ ist eine begnadete Zusammenarbeit vom Konzept-Meister Robert Wilson und von Musiker Tom Waits. Das Haus plant bis Monatsende drei weitere Premieren, darunter einen Abend mit ehemaligen Künstlern und Mitarbeitern der Staatstheater, die von ihrem „Leben nach der Kunst“ berichten wollen.

Ab Sonnabend im Staatsschauspiel Dresden zu sehen: „Alice“ nach Robert Wilson mit Kriemhild Hamann in der Hauptrolle.
Ab Sonnabend im Staatsschauspiel Dresden zu sehen: „Alice“ nach Robert Wilson mit Kriemhild Hamann in der Hauptrolle. © Sebastian Hoppe

Die Semperoper bietet ab Sonntagabend auf der Spielstätte Semper 2 erstmals die Rarität „Die kahle Sängerin“, eine Kammeroper nach der Anti-Komödie von Eugène Ionesco. Die ist eine Ansammlung voller Nonsens, Situationskomik, Pseudo-Klischees und pointenlosen Anekdoten – vertont vom Italiener Luciano Chailly.

Am 22. Januar kommt als Auftragswerk der Semperoper von Torsten Rasch „Die andere Frau“ nach biblischen Motiven heraus. Rasch kennt man etwa als Komponist für die Dresdner Sinfoniker und die Pet Shop Boys. Das Besondere dieser Produktion: Inszenierung und Zuschauer finden auf der Bühne ihren Platz. Der Zuschauerraum wird Teil der Bühnenhandlung und erlaubt dem Publikum einen veränderten Blick auf seinen angestammten Platz.

„Tanz in der DDR“ ist endlich das Thema im Festspielhaus Hellerau

„Vor dem Vergessen bewahren – Tanz in der DDR“ – diesem Thema widmet sich erstmals eine Podiumsdiskussion der Sächsischen Akademie der Künste. Anliegen: Dieses bislang sträflich vernachlässigte kulturelle Erbe gilt es, zu erforschen und mit Blick auf die Gegenwart vor dem Vergessen zu bewahren. Eingeladen zur eintrittsfreien Diskussion am Sonnabend sind bedeutende ostdeutsche Akteure wie die Tänzerin, Choreografin und Regisseurin Arila Siegert, die Tänzerin und Pädagogin Hanne Wandtke und der Chef des Leipziger Balletts und Ex-Paluccaner Mario Schröder. Abschließend und am Sonntag wird die Performance „Über die Mauer“ von Arila Siegert nach Wassily Kandinsky gezeigt.

Familientheater im Kraftwerk Mitte und auf Bühnen der Region

Vielversprechende Produktionen bieten die Bühnen im Kraftwerk Dresden-Mitte. Das Theater Junge Generation will am Sonnabendvormittag den analogen Bühnenraum um die Dimension Virtual Reality erweitern: In der Uraufführung „Der Mond schien blau“ agieren die Puppenspieler auf der physischen Bühne, spielen aber parallel dazu Avatare in einer virtuellen Realität.

Mit dem positiv stimmenden Musical „Die Fantasticks“ startet die Staatsoperette am 23. Januar wieder den Spielbetrieb. Die erste Premiere findet dann am 29. Januar mit der Künneke-Operette „Der Vetter aus Dingsda“ statt. Diese bietet umwerfende Situationskomik und musikalische Hits wie „Ich bin nur ein armer Wandergesell“.

Mit Komödien will das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen Publikum verführen. Am Sonnabend heißt es im Großen Haus „Der dressierte Mann“ nach dem Bestseller von Esther Vilar. Gleichzeitig gibt es im Burgtheater „Dieter und der Wolf“ von Holger Böhme, eine tragische Komödie aus dem ländlichen Raum.

Das Gerhart-Hauptmann-Theater lässt am Sonnabend in Görlitz dem Tanz den Vortritt. „Zerrinnerung – von der Ungeduld der Gedanken“ heißt der neue Abend des Ensembles. Das Stück wird gerahmt von faszinierenden szenografischen Installationen der israelischen Künstlerin Orly Azran.

Die Landesbühnen legen am Sonnabend mit „Diplomatie“ auf der Studiobühne los. Erzählt wird die Geschichte des Stadtkommandanten von Paris, General von Choltitz, der sich Hitlers Befehl zur totalen Zerstörung widersetzte. Die Puppen feiern, wenn am 22. Januar auf der Studiobühne die Doppelproduktion „Adam und Eva“/„Mord in der Elbe“ erstmals zu erleben ist. Wie Gott das Leben der Menschen erschuf, so erschafft der Puppenspieler das Leben der Puppen. Doch auch im Puppenreich haben die Dinge ihren eigenen Kopf!