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Spazieren ist der neue Volkssport

In diesen Corona-Tagen wird der Spaziergang von vielen neu entdeckt. Er ist ein Wundermittel und erzählt viel vom Umgang mit Krisen.

Während des Lockdowns hat sich Spazierengehen zur Volkssportart entwickelt.
Während des Lockdowns hat sich Spazierengehen zur Volkssportart entwickelt. © Christoph Soeder/dpa

Es ist ein grauer Nachmittag im Januar. In seiner Wohnung in Leipzig klappt Bertram Weisshaar den Computer zu. Die Online-Treffen und Telefonate sind erledigt. Der 58-Jährige erhebt sich, zieht sich warm an und geht rasch nach draußen, für eine seiner liebsten Beschäftigungen – ein Spaziergang.

Heute wandert er zum Rosental, zur Wiese in der Mitte des Parks. Von dort blickt man auf weite Flächen und viele Bäume, und die Stadt dahinter scheint eigentümlich fern. „Das mag ich sehr“, sagt Weisshaar. Das Gefühl, draußen zu sein, befreit zu sein. Tief atmen. Die Augen können umherschweifen. Schneeflocken landen im Gesicht, schmelzen. Das knirschende Geräusch der Schritte. Der Ruf einer Krähe. „Ich werde ruhig und fühle mich zugleich wach und lebendig“, sagt er.

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Für Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar ist ein Spaziergang nicht nur Zerstreuung, sondern Welterkundung.
Für Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar ist ein Spaziergang nicht nur Zerstreuung, sondern Welterkundung. © Anja Jungnickel

Bertram Weisshaar liebt Spaziergänge nicht nur privat, er hat sie zu seinem Beruf gemacht. Als Spaziergangsforscher oder, wie es lateinisch so klangvoll heißt, „Promenadologe“. An einer Universität ist er nicht angesiedelt, sondern freiberuflich tätig: Er organisiert geführte Spaziergänge und Wanderungen oder arbeitet für Behörden, die für Stadt- und Landschaftsplanung die Sichtweise der Fußgänger einbeziehen wollen.

Bis März vergangenen Jahres fühlte er sich bei seinen Fußmärschen oft als eine Art Exot, vor allem abseits der städtischen Einkaufsstraßen oder der Premiumwanderwege. Autos zogen an ihm vorbei. Manchmal traf ihn ein seltsamer Blick. „Als wäre ich ein Elefant“, sagt er und lacht.

Der Gang als Volkssport

Das hat sich gründlich geändert. Im ganzen Land dasselbe Bild: Recht still und verlassen sind die Innenstädte. Aber in Parks, Wäldern oder auf den Fußwegen der Städte gehen Menschen. Nicht zum Shoppen, nicht ins Kino oder Theater, nicht ins Büro, sie gehen „so vor sich hin“, wie Goethe es einst formulierte. Die einen eher flanierend, andere zackig, den Blick gelegentlich auf einen Schrittzähler geheftet.

In der Corona-Zeit wird das Gehen neu entdeckt. In einer Online-Befragung aus Kanada gaben im Dezember 70 Prozent der Befragten an, mehr spazieren zu gehen. Schon im August meinte bei einer Forsa-Umfrage knapp die Hälfte, dass sie seit Beginn der Pandemie häufiger spazieren. 21 Prozent joggen mehr oder fahren Rad, 18 Prozent nennen Fitnessübungen zu Hause. Der Spaziergang hat sich in den vergangenen Corona-Monaten durch Verbote und Einschränkungen zu einer Art Volkssport entwickelt.

Es gibt auch einen Fachbegriff für Spaziergangforscher: Promenadologe.
Es gibt auch einen Fachbegriff für Spaziergangforscher: Promenadologe. © Anja Jungnickel

Ein nicht ganz freiwilliges Phänomen also, aber nicht das schlechteste. „Jeder Schritt ist wertvoll“, sagt Peter Schwarz von der Dresdner Uniklinik, Professor für Präventionsmedizin und Diabetologie. Er befasst sich seit vielen Jahren mit den unheilvollen Folgen von zu viel Sitzen und denkt darüber nach, wie man den sogenannten modernen Menschen dazu bringt, sich mehr zu bewegen.

Bei der von ihm mitentwickelten App „Videa bewegt“, die von Krankenkassen bezahlt wird, spielt das Gehen eine große Rolle. „Beim Gehen werden 280 Muskeln bewegt. Durch die Bewegung produzieren die Muskeln Myokine, die vielfältige Wirkungen haben. Sie hellen die Stimmung auf und wirken gegen Entzündungen.“ Das Gehirn wird besser durchblutet und produziert mehr Glückshormone. Ein Grund dafür, warum Menschen zu allen Zeiten feststellten, dass das Gehen den Kopf freier und leichter mache.

Das Gehen hat etwas, was meine Gedanken erregt und belebt; wenn ich mich nicht bewege, kann ich kaum denken.

Jean-Jacques Rousseau

So wenig als möglichsitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung!

Friedrich Nietzsche, 1888

Wenn wir aus dem Haustreten, werden wir Teil jener großen Armee anonymer Wanderer, deren Gesellschaft so angenehm ist nach der Einsamkeit des eigenen Zimmers.

Virginia Woolf, 1927

Es würde alles besser gehen, wenn man mehr ginge. Sich tragen lassen zeugt von Ohnmacht, gehen von Kraft.

Johann Gottfried Seume, 1803

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10.000 Schritte täglich geistern seit Jahren als Empfehlung umher. In die Welt gebracht hat diesen Wert eine japanische Firma. Den Trubel um die Olympischen Spiele 1964 wollte sie nutzen, um ihr neues Produkt zu bewerben, einen der ersten transportablen Schrittzähler namens „Manpo-kei“.

Übersetzt heißt das soviel wie „Der 10.000-Schritte-Zähler“. 280 Studien haben sich seither mit der Frage befasst, wie viel der Mensch gehen soll. „Der Idealwert liegt genau genommen bei 10.173 Schritten“, sagt Medizin-Professor Schwarz. „Aber wer soll sich das merken?“ Für ihn jedoch gilt: Bewegung ist gut, egal ob nun Tanzen, Wassergymnastik, mehrmals am Tag ein paar Hundert Schritte. Oder aufstehen und gehen bei jedem Telefonat.

Gehen kann ein Selbstzweck sein

Für die motorisierte, tempobesessene Gesellschaft der Neuzeit war der Spaziergang eine ganze Weile eher ein Randphänomen. Eine liebenswürdige, aber ein wenig altbackene, irgendwie analoge Beschäftigung, die wenig Kitzel bot und die man vor allem Hundebesitzern nachsah. Dabei ist der Spaziergang viel mehr. Wer sich mit dem Gehen beschäftigt, landet in einer Zeit vor mehr als drei Millionen Jahren, als die menschlichen Ahnen begannen, auf zwei Beinen zu laufen.

Der aufrechte Gang hatte enorme Auswirkungen: Die Hände entwickelten sich und mit ihnen alle möglichen Techniken – und das Gehirn. Noch heute zeugt eine Fülle von sprachlichen Ausdrücken davon, wie tief geprägt die Menschen durch das Gehen sind. Vorankommen, auf Distanz gehen, aus dem Tritt sein, sich im Kreis bewegen, Schritte einleiten, einen Meilenstein erreichen. Die Liste lässt sich problemlos erweitern.

Auch wenn im 15 Kilometer-Radius der Weg auf die Stadt begrenzt ist, lohnt sich der Gang nach draußen.
Auch wenn im 15 Kilometer-Radius der Weg auf die Stadt begrenzt ist, lohnt sich der Gang nach draußen. © Anja Jungnickel

Das Gehen hat die Menschheit auf ganz verschiedene Weisen begleitet, nicht nur als notwendige Fortbewegungsart in Zeiten, die sonst keine oder nur wenige mobile Möglichkeiten bereithielten. Die verschiedensten Kulturen praktizieren seit Jahrtausenden das Pilgern, jenes suchende Gehen, das einen spirituellen Ort anstrebt und auf dem beschwerlichen Weg dahin auf Erkenntnis, Vergebung oder Hilfe in Lebenskrisen hofft.

Ein Dichter lief nach Italien

Wann der Spaziergang entstand, lässt sich nicht exakt sagen. „Das Verb ‚Spazieren‘ ist seit dem 15. Jahrhundert bezeugt“, sagt Bertram Weisshaar. Das Wort hat italienische und lateinische Wurzeln, die „einherschreiten, sich ergehen, lustwandeln“ bedeuteten. Die Wege des Mittelalters waren jedoch eine gefährliche Sache.

Der Adel absolvierte seine Bildungsreisen nach Italien oder Frankreich lieber in der Kutsche. Wer zu Fuß weitere Strecken ging, konnte sich im Allgemeinen nichts anderes leisten und musste mit Räubern und allerlei Bedrohungen rechnen. So beschränkte sich das Lustwandeln meist auf ausgedehnte Gänge und Galerien in Klöstern und Residenzen. Oder auf Bereiche und Gärten, die durch Mauern geschützt waren.

Während der Pandemie gab der Schneeeinbruch dem Spaziergehen einen Schub. Wie hier im Schwarzwald.
Während der Pandemie gab der Schneeeinbruch dem Spaziergehen einen Schub. Wie hier im Schwarzwald. © dpa

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts begann nicht nur die Zeit der Revolutionen, sondern auch die Ära der leidenschaftlichen Geher, die auf den Wegen der neu entstehenden Bürgerparks spazierten. Eine ganze Reihe von Dichtern und Denkern erkundeten lieber wandernd Landstraßen und Landschaften, sinnierten über Freiheit und Gleichheit. Es war ein recht exklusiver Club: gebildet, eher wohlhabend, körperlich fit und meist männlich.

Goethe absolvierte seine 1786 begonnene Italienreise noch mit der Postkutsche. Der Autor Johann Gottfried Seume unternahm 1802 einen Fußmarsch vom sächsischen Grimma nach Sizilien. Sechs Monate, gut 6.000 Kilometer. Aus seinem „Spaziergang nach Syrakus“ machte er später ein Buch. Anders als der Dichterfürst suchte er nicht nur kulturhistorische Sehenswürdigkeiten auf oder sonstige Spuren schöner Lebensart – sondern sprach mit ganz normalen Menschen und notierte auch das weniger Gute, das er sah und hörte. Die große Armut etwa, die er im Böhmischen beobachtete.

Spazieren als Protest

Der Spaziergang oder der Marsch einer Masse als Instrument des Protestes ist keine Erfindung der Gegenwart. Die Französische Revolution erlebte ihren entscheidenden Augenblick nicht unbedingt mit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789, meint die Essayistin Rebecca Solnit in ihrem Buch „Wanderlust – Über die Geschichte des Gehens“. Genauso wichtig seien jene Pariserinnen, die im Hungersommer 1789 versuchten, Nahrungsmittel zu beschaffen. Meist vergeblich, und deshalb begannen die Frauen, gemeinsam durch die damals noch sehr engen Straßen von Paris zu gehen.

Anfang Oktober 1789 marschierte ein Zug mit 6.000 Frauen nach Versailles zum königlichen Schloss, mit Lorbeerzweigen in der Hand, begleitet von der Nationalgarde. Der König unterschrieb die Menschenrechtserklärung, verfügte die Abschaffung der Privilegien des Adels und versprach Lebensmittel. Die Frauen drangen am nächsten Tag ins Schloss ein und zwangen ihn und seine Familie, mit ihnen nach Paris zu gehen und umzuziehen.

Winterwetter lockte am vergangenen Wochenende hunderte Spaziergänger in Moritzburg nach draußen.
Winterwetter lockte am vergangenen Wochenende hunderte Spaziergänger in Moritzburg nach draußen. © Ronald Bonß

Ansonsten spiegelt die Geschichte des weiblichen Spaziergangs die stete Benachteiligung. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts musste eine Frau, die allein auf der Straße zu Fuß ging, mit peinlichen Befragungen durch die Polizei rechnen, ob sie „anrüchigen“ sexuellen Aktivitäten nachgegangen sei. Auch seit Einführung des Wahlrechts und anderer Reformen ist es für Frauen noch immer erschreckend selbstverständlich, zu bestimmten Zeiten oder in manchen Gegenden nicht allein zu gehen, aus Furcht um Sicherheit und Verletzung der Würde. Der Spaziergang wirft gesellschaftliche Fragen auf, bis heute.

Für Bertram Weisshaar ist ein Spaziergang nicht nur eine Möglichkeit, Frischluft zu tanken, Tiere und Pflanzen zu bestaunen und für eine Weile den modernen Gerätschaften zu entkommen, die man stundenlang anstarrt, entweder für seltsam synthetische Online-Meetings oder für die neuesten Nachrichten und Bilder zu Corona: Im Frühjahr die Särge von Bergamo, im Winter die Särge in den Krematorien von Zittau oder Meißen. Ein Spaziergang ist für Bertram Weisshaar ein Weg, die Welt aus eigener Anschauung heraus wahrzunehmen, zu erkunden, zu überdenken. „Nichts führt dichter in die Welt hinein als das Gehen“, meint er.

Die Stadt muss sich verändern

In seinem Buch „Einfach losgehen“ beschreibt er die Wanderung zu einem grünen Aussichtshügel, der einmal eine Müllhalde war. Dieses Nebeneinander von Schönheit und Schrecken ist es, das Bertram Weisshaar besonders interessiert, weil es Denkmuster und fest gefügte Wahrnehmungen aufbrechen kann. 1994 ist er durch den Zwenkauer See spaziert, der damals noch kein See war, sondern ein stillgelegter Tagebau.

Eine gelb-schwarze Wüste mit Steinen und sandigen Hügeln. Dort mitten hinein hatte Weisshaar für eine Nacht sein Zelt aufgebaut und fühlte sich wie ein Nomade. „Voller Wut war ich, was wir Menschen der Umwelt antun, welchen Preis wir für unseren Lebensstil zu zahlen bereit sind. Und gleichzeitig voller Staunen darüber, was die Menschen, ohne es unmittelbar zu beabsichtigen, auch an Schönem schaffen, insbesondere wie schnell sich Pflanzen und Tiere Lebensräume zurückerobern“, erzählt er.

Bertram Weißhaar entdeckt immer wieder neues - auch an Orten, an denen er schon hunderte Male vorbeigegangen ist.
Bertram Weißhaar entdeckt immer wieder neues - auch an Orten, an denen er schon hunderte Male vorbeigegangen ist. © Anja Jungnickel

Welche Erkenntnisse aber warten auf Menschen, die Heimschule, Heimbüro und Heimküche verlassen und durch ihren Wohnort flanieren, weil sie nicht weiter als 15 Kilometer dürfen? Finden sie Abstand von Existenznöten und Zukunftssorgen? Grübeln sie über das, was sie nicht mehr können, und wen man verantwortlich machen könnte?

„Vielleicht richten sie den Blick neu auf ihre Stadt und engagieren sich für Veränderungen, die nicht nur im Hinblick auf Corona, sondern auch auf den Klimawandel und immer heißere Sommer dringend nötig sind“, meint der Spaziergangsforscher. „Corona und die Beschränkungen haben wieder einmal deutlich gemacht, wo die Versäumnisse in der Stadtplanung sind.“

Auf dem Fußweg sind alle gleich

Vernachlässigte Parks, zu viel Verdichtung und zu wenige Grünflächen, zu schmale Fußwege oder Gehsteige, auf denen Autos parken dürfen, zählt er als Beispiele auf. „Manche wohnen in einer Villa mit acht Zimmern und Grundstück direkt am Park. Die nehmen Corona natürlich anders wahr als jemand, der in einer kleinen Wohnung ohne Balkon mit mehreren schulpflichtigen Kindern wohnt, vielleicht an einer vierspurigen Straße, und lange braucht, bis er eine schöne, einigermaßen ruhige Grünfläche zum Erholen und Spielen erreicht.“

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Vielleicht stoßen die Flaneure der Corona-Zeit, wie Bertram Weisshaar auf einem seiner Spaziergänge, auf eine alte Linde, die viele Jahrhunderte und allerhand Widrigkeiten überstanden hat und dennoch Jahr für Jahr wächst und neue Blätter treibt. Vielleicht sind sie froh, tagsüber noch hinaus zu dürfen, betrachten den Himmel, den Schnee oder einen Sonnenaufgang. Und finden ein wenig Aufmunterung in der Tatsache, dass das Licht bisher immer noch wiedergekehrt ist.

Literaturtipp:

Johann Gottfried Seume: Reise nach Sizilien

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