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"Viele fragen sich, ob sie eine weitere Welle schaffen"

Dresdens Kliniken werden schneller voll als gedacht. Der Medizinische Direktor des Städtischen Klinikums erklärt, was das bedeutet.

Von Sandro Rahrisch
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Internist Tobias Lohmann vom Städtischen Klinikum Dresden ist schockiert darüber, wie schnell die vierte Welle über die Krankenhäuser rollt.
Internist Tobias Lohmann vom Städtischen Klinikum Dresden ist schockiert darüber, wie schnell die vierte Welle über die Krankenhäuser rollt. © Städtisches Klinikum/Steffen Füssel

Dresden. Die Dresdner Krankenhäuser müssen immer mehr Corona-Patienten versorgen. Alles deutet auf die heftigste Welle hin, die es bisher gab. Was das für Ärzte, Pfleger, aber auch Nicht-Corona-Patienten bedeutet, darüber hat die SZ mit Tobias Lohmann gesprochen. Er ist Medizinischer Direktor des Städtischen Klinikums und Leiter der Corona-Taskforce für die Krankenhäuser Friedrichstadt und Neustadt.

Herr Dr. Lohmann, das Gesundheitsamt hat am Mittwoch 429 Neuinfektionen, zehn Krankenhauseinweisungen und drei Todesfälle gemeldet. Befürchten Sie, dass wir in eine ähnlich schwerwiegende Situation geraten wie im Dezember 2020?

Ich befürchte das. Wir haben mit diesem Anstieg noch nicht jetzt gerechnet. Bisher war es so, dass erst die Inzidenz stieg, zwei Wochen später die Krankenhausbelegung, und noch einmal ein, zwei Wochen später die Belegung auf den Intensivstationen. All das kommt diesmal fast gleichzeitig. Und die Dynamik ist ungebrochen. Das betrifft nicht nur das Städtische Klinikum, sondern auch die umliegenden Krankenhäuser. Allein in der letzten Woche hat sich die Zahl der Patienten auf den Normalstationen verdreifacht, auf den Intensivstationen verdoppelt. Nach Aussage des Universitätsklinikums wird das die nächsten zwei Wochen anhalten, zumindest für Ostsachsen und die Chemnitzer Region. Etwas weniger betroffen ist die Leipziger Gegend.

Sind Sie schockiert, dass es trotz Impfkampagne so viele Krankenhauseinweisungen gibt?

Ja, ich bin schockiert. Ich glaube, niemand hat damit gerechnet, dass es so schnell gehen würde. Klar, die Ungeimpften spielen eine Rolle. Das sind in Sachsen etwa 44 Prozent. Somit trifft das Virus auf eine Population, die nicht geschützt ist. Wir sehen aber auch, dass wir die Impfdurchbrüche in den sensiblen Gruppen ein bisschen unterschätzt haben, also bei den Altersheimbewohnern und den Schwererkrankten. Da sind wir mit den Auffrischungsimpfungen noch nicht sehr weit. Hier müssen wir unbedingt schneller werden, um diese Gruppen zu schützen.

Welche Rolle werden das Ferienende und der Schulstart in der kommenden Woche spielen?

Das macht mir riesige Sorgen. Wir haben bereits vor den Herbstferien unter den Schülern in manchen Landkreisen Inzidenzen von 400 und 500 gesehen. Wenn die Schule jetzt beginnt, wird dieses Geschehen wieder starten. Und wenn ich es richtig verfolgt habe, soll die Maskenpflicht ab dem 8. November in den Schulen fallen. Da erwarte ich noch einmal einen Schub.

Ist es schlimm, wenn sich Schüler infizieren? Erkranken sie denn auch?

Nein, für diese Altersgruppe ist eine Infektion gar nicht so gefährlich. Wir haben in der Kinderklinik aktuell keine schwerkranken Kinder mit Corona. Das heißt, die Kinder selbst haben oft nur leichte Verläufe. Sie stecken aber Erwachsene an. Und wenn das Virus auf eine ungeimpfte Bevölkerung trifft, wird es viele weitere Infektionen geben.

Wie viele Infizierte erkranken denn tatsächlich? Wie sieht es in den Krankenhäusern Friedrichstadt und Neustadt aus?

In der vergangenen Woche sind die Zahlen nahezu explodiert. Wir haben im Moment 18 Corona-Patienten auf unseren Intensivstationen, von denen die meisten beatmet werden. Und wir haben ungefähr 40 Corona-Patienten auf den Normalstationen. Bisher haben wir das Konzept gefahren: weißes Krankenhaus ohne Covid-Patienten in Friedrichstadt, schwarzes Krankenhaus mit Corona-Patienten in Neustadt. Wir mussten dieses Konzept aufgrund der Patientenzahlen letzte Woche aufgeben und haben in Friedrichstadt sowohl die Normal- als auch die Intensivversorgung von Covid-Patienten gestartet.

Wie viele Ihrer Patienten haben keinen Impfschutz?

Es sind mindestens zwei Drittel der Covid-Patienten ungeimpft. Bei den anderen handelt es sich um Menschen mit schweren Vorerkrankungen oder sehr alte Patienten, bei denen ein Impfdurchbruch auch nicht unerwartet kommt, da ihre Immunantwort auf die Impfung schwächer war und eine ganz andere Krankheitslast vorliegt als bei Jüngeren. Speziell auf den Intensivstationen sind die Ungeimpften noch einmal stärker vertreten.

Was sagen die ungeimpften Patienten zu Ihnen, weshalb sie sich nicht impfen lassen wollten?

Manche befürchten, sie bekämen mit der Corona-Schutzimpfung einen Chip eingepflanzt, andere befürchten, sie würden mit der Impfung kränker werden als vorher. Das sind die ganzen alten Geschichten. Es gibt natürlich auch viele, die Angst vor Nebenwirkungen haben. Das finde ich wenigstens ehrlich, dies zuzugeben. Ich habe es erlebt, dass Patienten bereuten, sich nicht impfen lassen zu haben, als sie auf die Intensivstation verlegt wurden. Nur ist es da zu spät gewesen. Die Impfung ist der beste Schutz, den es gibt – und der einzige.

Lehnen ungeimpfte Patienten die Behandlung auch ab?

Dass jemand sagt: Ich stehe konsequent dazu, nicht geimpft zu sein, gehe nicht auf die Intensivstation und lasse mich nicht beatmen? Nein, das habe ich noch nicht erlebt. Die Hilfe nehmen sie alle in Anspruch.

Was heißt das alles für den Krankenhausbetrieb?

Die Ausweitung der Covid-Versorgung auf das Krankenhaus Friedrichstadt erfolgt viel schneller, als wir das wollten. Wir haben dort für Corona-Patienten acht zusätzliche Intensivbetten zur Verfügung gestellt. Das führt nun zu der Einschränkung, dass Operationen, bei denen potenziell eine Intensivpflichtigkeit zu erwarten ist, zurückgestellt werden. Lebensnotwendige Operationen werden selbstverständlich durchgeführt, elektive Eingriffe müssen wir aber womöglich verschieben.