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Corona: Waldheimer zieht die Reißleine

Die quälende Unsicherheit ist es, die Marcel Schwerdtfeger mit seinem Kosmetik- und Nagelstudio zum Aufgeben zwingt. Aber er hat einen Plan B.

Die Liege im Studio „Beauty and Nails“ von Marcel Schwerdtfeger ist leer. Das bleibt sie auch. Wegen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen monatelangen Schließung seines Geschäfts sieht der junge Mann keine Perspektive mehr.
Die Liege im Studio „Beauty and Nails“ von Marcel Schwerdtfeger ist leer. Das bleibt sie auch. Wegen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen monatelangen Schließung seines Geschäfts sieht der junge Mann keine Perspektive mehr. © Dietmar Thomas

Waldheim. Marcel Schwerdtfeger sitzt in seinem Studio an der Waldheimer Schlossstraße 17. „Beauty and Nails“ steht in geschwungenen Buchstaben an der Schaufensterscheibe. Nicht mehr lange. Der 36-Jährige gibt sein Kosmetik- und Nagelstudio zum 1. April auf. Schweren Herzens, wie er selbst sagt.

Dass ihm die Geschäftsaufgabe alles andere als leicht fällt, ist dem jungen Mann anzumerken. Für ihn zerplatzt ein Traum wie eine Seifenblase. Der Traum vom eigenen Studio. Wegen der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Schließung sieht er keine Perspektive mehr.

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Dabei hatte alles so gut angefangen. 2011 wagt der damals 26-Jährige, der eine Ausbildung zum Staatlich geprüften Kosmetiker und Nageldesigner absolviert hat, den Sprung in die Selbstständigkeit.

Er mietete sich beim H & P-Friseur ein. „Alles lief super. Ich habe mir einen festen Kundenstamm aufgebaut“, erzählt Marcel Schwerdtfeger. Der Wunsch, ein eigenes Studio zu betreiben, ließ ihn nicht mehr los. Am 1. Januar 2020 ging er in Erfüllung. Der Waldheimer eröffnete „Beauty and Nails“ an der Schlossstraße.

Auf Eröffnung folgt erste Schließung

Die Freude währte nur zweieinhalb Monate. „Dann kam der erste Lockdown. Ich musste mein Geschäft sieben Wochen schließen“, erzählt er. Sieben Wochen voller Bangen und Hoffen, dann durfte er endlich wieder arbeiten.

Doch ein halbes Jahr später der nächste Schock. Zweiter Lockdown. Wieder muss er wegen der Corona-Pandemie aufhören. „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“, sagt Marcel Schwerdtfeger.

Warum er sein Studio schließen musste, versteht er bis heute nicht. „Ich leugne das Virus nicht, aber die Maßnahmen der Regierung sind für mich einfach nur Irrsinn“, sagt er. Er habe sich akribisch an alle Vorschriften gehalten, sogenannte Spuckwände aufgestellt, regelmäßig gelüftet, Datenschutzblätter besorgt, um die Nachverfolgung zu gewährleisten.

Ihm sei kein Fall bekannt, wo sich Menschen in einem Kosmetik-, Nagel- oder Fußpflegestudio infiziert haben. Ihm sei mit der Entscheidung der Regierung jede Perspektive genommen worden.

Existenzangst und psychische Probleme

Der 36-Jährige rutscht in ein tiefes Loch. „Ich habe große psychische Probleme gehabt, muss starke Medikamente nehmen“, sagt er. Er habe mit Angstzuständen gekämpft. Existenzängste seien immer wieder hochgekommen.

Mittlerweile sei es etwas besser geworden. Aber die Traurigkeit holt ihn immer wieder ein. „Zum Glück habe ich großen Rückenhalt durch meine Familie und Freunde.“

Es sei nicht so, dass gar keine staatlichen Hilfen geflossen sind. „Im ersten Lockdown habe ich etwas bekommen. Wäre es nach der Schließung Anfang 2020 weitergegangen, wäre alles gut gewesen“, sagt er.

Für November habe er nur sehr wenig Hilfe erhalten. „Es dauert auch viel zu lange, bis etwas ankommt. Und es ist nur ein Bruchteil von dem, was gebraucht wird. Durch so etwas kann man leicht ins Hartz IV rutschen“, so der 36-Jährige, der froh ist, dass er keine Angestellten hat, für die er auch noch aufkommen müsste.

Rücklagen durch Corona aufgebraucht

Mittlerweile sind seine Rücklagen so gut wie aufgebraucht. Sein Vermieter habe ihm seit dem 1. Januar die Miete für die Gewerberäume erlassen. „Dafür bin ich sehr dankbar“ sagt er.

In den zurückliegenden Wochen habe er sich mit Arbeit in einem Pflegeheim über Wasser gehalten. „Ich habe als Alltagsbegleiter gearbeitet“, sagt er. In der sozialen Schiene will er auch weiterhin bleiben. Am 1. März beginnt er etwas Neues. „Die Lebenshilfe gibt mir die Chance, als Quereinsteiger als Schulbegleiter zu arbeiten“, sagt der Waldheimer.

Dabei betreut er zunächst einen Schüler der Leisniger Grundschule bis zur 5. Klasse. Den Jungen habe er bereits kennengelernt. Der stehe dem Angebot offen gegenüber. Wenn alles gut läuft, könnte er ihn bis zum Haupt- oder Realschulabschluss begleiten.

Studium für Soziale Arbeit im Blick

Für diese Arbeit will sich Marcel Schwerdtfeger weiter qualifizieren. „Ich habe vor, ein Studium für soziale Arbeit zu beginnen“, so der Waldheimer.

Der berufliche Umgang mit Menschen sei ihm wichtig. Deshalb habe er sich für diesen Weg entschieden. „In einer Fabrik oder am Fließband zu arbeiten, das wäre gar nichts für mich“, sagt er.

Das Thema „Beauty and Nails“ habe er zumindest äußerlich abgehakt. „Im Inneren wird mich das noch sehr lange beschäftigen. Es war mein Traum“, sagt er. Viele seiner Kunden würden es bedauern, dass er sein Geschäft schließen muss. „Einige haben mir aber auch gesagt, dass sie ohnehin nicht mehr zur Behandlung gekommen wären“, so Marcel Schwerdtfeger.

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Die Gründe könne er gut verstehen. Viele hätten durch Kurzarbeit oder andere Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie mit finanziellen Einbußen zu kämpfen. „Wo fängt man da mit dem Sparen an?“, fragt er.

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