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Wie aktuell ist die Dresdner Corona-Ampel wirklich?

Tatsächlich hätte sie bereits vier Tage früher auf Rot springen müssen, nicht erst am Freitag. Warum ist das nicht passiert? Eine Erklärung.

Wie genau ist die Dresdner Corona-Ampel und wie genau muss man sie überhaupt nehmen?
Wie genau ist die Dresdner Corona-Ampel und wie genau muss man sie überhaupt nehmen? © dpa/Sebastian Kahnert, Montage: SZ

Dresden. Seit Freitag gilt Dresden als Risikogebiet. Die Corona-Ampel sprang auf Rot. Das heißt, an diesem Tag sind erstmals mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vorangegangenen sieben Tagen gezählt worden. Wirklich? Tatsächlich hätte die Ampel schon am Dienstag rot leuchten müssen. 

Warum hätte die Ampel früher auf Rot springen müssen?

Das Gesundheitsamt schafft es nicht mehr, alle Fälle an den Tagen in den Computer einzutragen, an denen sie der Behörde bekannt werden. Ein Beispiel: Das Gesundheitsamt trägt heute 50 neue Fälle in das System ein. Die Corona-Ampel steht auf Orange. Allerdings haben es die Mitarbeiter nicht geschafft, alle Fälle einzupflegen. 60 sind liegengeblieben. Das wird nachgeholt: Das Amt meldet am Tag darauf 20 neue Fälle plus die 60, die liegengeblieben sind. Die Corona-Ampel springt auf Rot. Allerdings hätte sie bereits am Tag davor auf Rot springen müssen, wären alle Fälle sofort in das System eingetragen worden.

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Und wie sieht die Realität aus? Tatsächlich sind in den vergangenen Tagen nicht nur Fälle für den zurückliegenden Tag nachgemeldet worden, sondern teilweise für mehr als sieben Tage rückwirkend. Wären die Fälle sofort in das System eingetragen worden, hätte Dresden bereits am vergangenen Dienstag die Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten.

Warum werden Fälle überhaupt verspätet eingetragen?

Das hat zwei Gründe: Dresden meldet die Zahlen täglich zwölf Uhr. Infektionen, die danach bekannt werden, kann die Behörde erst am Tag darauf, zwölf Uhr, melden. Das ist der Zeitverzug Nummer eins.

Zeitverzug Nummer zwei, und das ist das größere Problem: Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes arbeiteten auf Anschlag und kämen nicht immer dazu, alle Fälle am selben Tag einzutragen, an dem die positiven Tests gemeldet werden, erklärte Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) im SZ-Interview. Sie stellt auch klar, dass man in dieser Situation Prioritäten setzen muss. Und die Priorität liege darauf, die Infizierten zu benachrichtigen sowie die Infektionsketten und die Kontakte nachzuverfolgen. Erst danach werden die Zahlen eingetragen. Infektionsschutz geht vor. Auch wenn das bedeutet, dass Dresden einen oder mehrere Tage später in die rote Phase rutscht.

Kaufmann verneint kategorisch, dass die Stadtverwaltung alte Fälle bewusst später und über die Sieben-Tage-Frist hinaus nachmeldet, um die Corona-Ampel nicht oder später in den roten Bereich rutschen zu lassen, also zu schönen.

Dann ist die Ampel eben später auf Rot gesprungen. Ist das schlimm?

Man könnte sagen: Dresden war schon drei Tage eher Risikogebiet. Die Corona-Regeln hätten also schon eher verschärft werden müssen. Die neue Allgemeinverfügung, die Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) ab dem kommenden Dienstag in Kraft setzt, kommt genau eine Woche zu spät. Womöglich sind Tage verloren gegangen, an denen die Dresdner hätten besser geschützt werden müssen. Wie sich die verspätete Einstufung auf die Dresdner Infektionszahlen auswirkt, könnten selbst die besten Epidemiologen und Statistiker nicht ausrechnen.

Ein weiterer Kritikpunkt: Weil manche Fälle nachgemeldet werden, die älter als eine Woche sind, fallen sie komplett aus der Risikobewertung heraus, bei der ja nur die Infektionen der letzten sieben Tage berücksichtigt werden. 

Könnte man die Inzidenz denn nicht rückwirkend korrigieren?

Natürlich wäre es möglich, anhand der nachgetragenen Fälle jeden Tag neu zu rechnen. Die Frage ist, was das bringen sollte: Schärfere Maßnahmen können schlecht rückwirkend angeordnet werden. Der Zeitverzug bleibt. Dresden legt die Inzidenz deshalb weiterhin so fest wie bisher – anhand der am jeweiligen Tag eingetragenen Fälle. Korrigiert wird nicht.

Wie kann das Problem generell gelöst werden?

Nicht mit der aktuellen Personalsituation, so Kaufmann. "Sie haben recht, dass man im Nachgang eine andere Inzidenz haben würde. Damit werden wir aber leben müssen", sagt sie. Möglicherweise werden die Fälle dann wieder am selben Tag eingetragen, wenn die Zahl der Mitarbeiter im Gesundheitsamt aufgestockt ist. Das passiert aktuell. Sowohl in der Stadtverwaltung werden Mitarbeiter anderer Ämter abkommandiert und eingearbeitet. Außerdem will sich Dresden Hilfe von der Bundeswehr und der Landesregierung holen, die bei der Kontaktnachverfolgung unterstützen.

Schneller gelöst werden könnte hingegen die nur wenig transparente Darstellung, wie viele Fälle heute neu dazugekommen sind und wie viele nachgemeldet wurden. Denn auf ihrer Internetseite zeigt die Stadt in Klammern nur die Fälle an, die in den vergangenen 24 Stunden von den Laboren gemeldet wurden und nicht liegengeblieben sind. Am Freitag standen zum Beispiel zwölf neue Fälle im Dashboard, obwohl die Gesamtzahl der Infektionen von 1448 auf 1552 gesprungen war – plus 104.

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