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Wie ich beinahe einen Impfpass gefälscht hätte

Geht superschnell, ist kinderleicht, aber kriminell: Blanko-Impfpass, Aufkleber und Impfdaten sind frei zugänglich im Internet. Also: Vorsicht vor Betrügern!

Der Finger verdeckt sensible Daten: Auf Facebook und Instagram sind viele Nutzer fahrlässiger und bereiten Fälschern ein leichtes Spiel.
Der Finger verdeckt sensible Daten: Auf Facebook und Instagram sind viele Nutzer fahrlässiger und bereiten Fälschern ein leichtes Spiel. © dpa (Symbolfoto)

Ohne Schnelltest zum Friseur oder in den Biergarten, keine Quarantäne nach dem Urlaub - selbst Ausgangssperre und Kontaktbeschränkungen fallen für vollständig Geimpfte weg. Seit Sonntag hat sich der gelbe, meist ausgefranste Impfpass vom persönlichen Nachweisheft zu einem wichtigen Ausweis entwickelt. Zumindest für jene zwölf Prozent der Sachsen, die vollständig geimpft sind. Selbst wer noch heute einen ersten Impftermin vereinbart, ist von diesen Freiheiten viele Wochen entfernt – zumindest ist ein Ende absehbar.

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Wer sich gar nicht impfen lassen möchte, muss darauf vertrauen, dass diese Ungleichheit vorübergeht. In der Telegramgruppe – um die Montagsproteste in Meißen – „Bürgerdialog Meißen“ ist vom Vertrauen an Jens Spahns Corona-Politik nicht mehr viel übrig. Deshalb wird nach Alternativen gesucht: „Kennt jemand einen Arzt, der nur den Stempel und den Aufkleber vergibt, aber nicht impft“, fragt ein Mitglied. Schließlich ziehe sich die Schlinge immer weiter zu. Statt einer Absage verweist ein anderer Nutzer darauf, wie heikel es sei, in einer öffentlichen Gruppe an einen solchen Arzt zu verweisen. Gibt es im Landkreis wirklich Ärzte, die gegen jede ärztliche Ethik verstoßen?

Während ich mich umhöre, ploppen in anderen Telegramgruppen Angebote für gefälschte Impfpässe auf. Nach ein paar Minuten googeln wird klar: Wer einen gefälschten Impfpass sucht, muss niemanden in seine kriminellen Machenschaften reinziehen. Alles was es braucht, ist ein Drucker, ein Adress-Stempel und einen Amazon-Account.

Einen neuen Impfpass kann ich mir nämlich überall bestellen, sogar per Expressversand. Deutlich schwieriger hätte ich es mir vorgestellt, den Sticker zum Impfstoff aufzutreiben. Doch schnell ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Druckvorlage der Impfausweis-Etiketten gefunden. Anleitungen und Dokumente, die eigentlich passwortgeschützt sind und nur medizinischem Fachpersonal zur Verfügung stehen. Doch Google leitet per Direktlink hinter die Passwortsperre – dafür braucht es wirklich kein IT-Studium.

Ist ein digitaler Impfpass die Lösung?

Die benutzerfreundliche PDF-Vorlage lässt sich nun anpassen: Die fehlenden Daten finden sich auf Instagram und Facebook: Fotos von glücklichen Geimpften, die stolz ihren Impfpass in die Kamera halten, dienen als Vorlage. Datenschützer warnen davor schon lange, da Datendiebe sonst leichtes Spiel hätten. Außerdem würden sensible, persönliche Daten nicht ins Internet gehören. Trotzdem finde ich auf Anhieb 14 komplett unzensierte Impfpässe aus allen möglichen Impfzentren der Republik. Diese könnte ich 1:1 nachbauen. Impfzentren stempeln schließlich auch nur mit Tinte.

Bilder aus dem Impfzentrum Riesa sind zum Glück nicht dabei. Aber selbst ohne korrekte Impfstoffdaten und einem falschen Stempel, wie soll ein Gastwirt das von einem echten Impfpass unterscheiden? Ich frage bei einer Allgemeinärztin aus Radebeul nach: Sie glaubt auch nicht, dass sie eine laienhafte Fälschung erkennen könne.

So einfach es auch wäre, die beiden fehlenden Impfungen in den Impfpass zu mogeln, so weitreichend könnten die rechtlichen Konsequenzen sein: Schon beim Anfertigen eines gefälschten Impfpasses bewegt man sich im Bereich der Urkundenfälschung, die Geld- oder Freiheitstrafen nach sich ziehen kann, Gleiches gilt für die Verwendung solcher gefälschter Dokumente. Wenn ich mich mit dem gefälschten Impfpass in einen Biergarten setzen würde und dabei - Corona-positiv - Menschen infiziere, sind weitere Delikte denkbar, die ich verwirklichen könnte, beispielsweise fahrlässige Körperverletzung oder sollte diese Ansteckung anderer tödlich verlaufen, sogar als Tötungsdelikt.

Langfristig würde so ein gefälschter Impfpass auffliegen, da ist sich die Allgemeinärztin aus Radebeul sicher: „Unsere eigens ausgestellten Impfpässe können wir selbstverständlich erkennen. Dafür sind unsere Stempel und Einträge viel zu einheitlich geworden.“ Selbst eine meisterhafte Kopie könnte sie aufgrund ihrer lückenlosen Aufzeichnungen auffliegen lassen.

Deutlich fälschungssicherer wäre ein digitaler Impfpass. Ein solcher Nachweis soll bereits in den nächsten Wochen zur Verfügung stehen, teilte Gesundheitsminister Jens Spahn am Freitag mit. Das Sozialministerium Sachsen verweist allerdings darauf, dass nicht jeder über ein entsprechendes mobiles Endgerät verfüge: „Insofern ist der gelbe Impfausweis in bekannter Form von zum Beispiel Gastronomen zu akzeptieren.“

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Hinweis der Redaktion: Es war zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt, einen gefälschten Impfpass herzustellen, zu nutzen oder dies auch nur zu versuchen. Auf die Strafbarkeit wird am Ende des Artikels ausdrücklich hingewiesen. Es ging und geht ausschließlich darum, die bestehenden Missstände und Gefahren in diesem Zusammenhang zu recherchieren und der Öffentlichkeit aufzuzeigen.

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