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Das letzte Buch über Ostrock

Im "vermutlich allerletzten Ostrock-Buch" sprechen bekannte Musiker über Erlebnisse und Erfahrungen seit der Wende.

Im Ostrock-Museum in Kröpelin sind sie hübsch beieinander, die Amiga-Platten aus der DDR.
Im Ostrock-Museum in Kröpelin sind sie hübsch beieinander, die Amiga-Platten aus der DDR. © dpa

Von Gunnar Leuf

Im Ostseestädtchen Kröpelin gibt es ein kleines Ostrock-Museum, das sehr anschaulich die Rockmusikentwicklung in Ostdeutschland, als das noch DDR hieß, zeigt. Es ist nicht so, dass sich vor der Ausstellung lange Schlangen bilden würden, wie man sie zum Beispiel vor Plattenläden in der DDR kannte. Das könnte auch daran liegen, dass Ostrock als Marke ähnlich klingt wie Knusper-Flocken oder Kessel Buntes, wie etwas nostalgisch Ostdeutsches, das mit dem Heute nicht so viel zu tun oder aber keine Bedeutung im aktuell-zeitgenössischen Sinne hat.

Insofern ist es ein wenig erstaunlich, dass nun ein Ostrock-Buch erscheint, obwohl es schon viele gab und man nach den diversen Ostrock-Revivalwellen seit Anfang der 90er-Jahre eigentlich nichts Neues über das abgeschlossene Themengebiet erwarten kann. Der Berliner Autor hat selbst schon mehrere Bücher zum Thema geschrieben. Zu Recht wirft er im Vorwort die Frage auf, warum es noch des „vermutlich allerletzten“ Ostrock-Buches, so der komplette Titel, bedürfe.

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Puhdys, Karat. Rockhaus, Silly...

Simple Antwort: Weil Zeit vergangen ist und es Neues zu erzählen gibt, aus einer anderen Perspektive. Die Ostrocker, die noch unterwegs sind, sind das jetzt länger im vereinten Deutschland, als sie es in der DDR waren. In fünfzehn Interviews hat Christian Hentschel Ostrocker und lediglich eine Ostrockerin danach befragt, wie ihre Karrieren nach der Wende verliefen.

Bei den Gesprächspartnern handelt es sich durch die Bank um Künstler, die eher Mainstream als Alternative, geschweige denn Punk waren. Die hätten sich auch kaum in einem Ostrock-Buch sehen wollen, denn der Begriff ist natürlich doppelt belegt: Als positive Verkaufsmarke, aber auch als Etikett für Bands, die eher konventionellen Rockpop lieferten, jedenfalls weit weg von Indie und Underground. Die Interviewten entstammen bekannten Bands wie Puhdys, Karat, Rockhaus, Silly, Stern Meißen oder Metropol.

Trotzdem gibt es keinen explizit die Chiffre Ost umgarnenden Gesprächsfaden. Es werden Anekdoten erzählt, es wird Rückschau gehalten auf die Entwicklungen der Band seit 1989 (und ein bisschen davor) und es wird oft nach vorne geschaut. Auffällig ist, wie sehr die üblichen, ost-west-unabhängigen Probleme von Bands zur Sprache kommen: Streitereien, Enttäuschungen, Verbitterungen, die zuweilen nicht immer mit der DDR-Vergangenheit zu tun haben.

So fühlte Thomas „Monster“ Schoppe seine Band Renft nach der Wende teilweise wieder ausgeschlossen, wie beim Projekt Ostrock-Klassik. Er zeigt sich traurig über das Diktat der Medien, „dass es nur drei zu repräsentierende Ostbands gibt“. Interessant ist übrigens, dass er mal Mitglied einer Band war, die man als unbekannte Ostrock-Supergroup bezeichnen könnte. Sie hieß Windminister und bestand Ende der 80er-Jahre in Westberlin aus den ausgereisten DDR-Musikern Olaf Wegener und Eberhard Klinker, beide ehemals Hansi Bibl Band, Christiane Ufholz, ehemals Lift, und den beiden Ex-Renftlern Klaus Jentzsch und ihm.

Fragen nach Hitlers Lieblingsmusik

Die offizielle Ostrock-Supergruppe, die Puhdys, findet im Buch besondere Erwähnung durch das Gespräch mit Dieter „Maschine“ Birr. Er erzählt die Geschichte des Scheiterns eines Bandkollektivs am Ende einer sehr erfolgreichen Karriere. Inzwischen sieht man sich vor Gericht. Dahin hat es auch die Band Karat vor einigen Jahren „geschafft“, im Zuge eines unsäglichen Streits um den Bandnamen. Die öffentliche Austragung solcher Geldverteilungskämpfe ist ein Nachwendephänomen.

Die typische Nachwendeerfahrung, als ehemals umschwärmter Künstler nicht mehr groß gefragt zu sein, kommt in etlichen Interviews durchaus zur Sprache. Auch bei Mike Kilian, der mit Rockhaus nach wie vor aktiv ist. Er erzählt von seinem unermüdlichen Weiter, immer Weiter als Musiker und von der lehrreichen und schmerzhaften Erfahrung mit seinem Soloprojekt „Wagnerama“ 1994, das sich international gut verkaufte, aber wohl doch zur falschen Zeit erschien: „Ich musste mehr Interviews über die Liebe Hitlers zu Wagners Musik führen als über das Projekt selbst.“

Nebenher spielt er bis heute in einer Stones-Coverband, auch aus wirtschaftlichen Gründen, aber vor allem aus Liebe zur Musik. Auch Rockhaus lebt, nur: „Für die Plattenfirmen sind wir tot. Wir sind fast alle 60, und da investiert niemand mehr in einen Künstler.“ Dass das Interesse an früher bekannten Ostmusikern noch nie allzu sehr ausgeprägt war, berichtet auch Ex-Amiga-Manager Jörg Stempel, der nach 1990 u. a. beim einem Major-Label als unermüdlicher Ostrock-Promoter agierte.

Tina Poweleit, einst Mona Lise, erzählt, wie sie als Bandmitglied von Gundermanns Seilschaft 1994 Gundis Enthüllung als Stasi-IM und die Folgen wie das Platzen eines Major-Plattenvertrages erlebte. Als besonders reflektierender Musiker zeigt sich „Prinz“ Sebastian Krumbiegel, der viel Interessantes über persönliche und gesellschaftliche Veränderungen sagt, die nicht nur mit seiner Band und dem Musikgeschäft zu tun haben. Es sind Erfahrungen, die auch DDR-Bürger aus seinem Publikum gemacht haben. Sein Fazit: „Wichtig ist, neue Wege zu gehen, sich ausprobieren, wenn man nicht stehen bleiben will.“

Christian Hentschel „Das vermutlich allerletzte Ostrock-Buch“, Eulenspiegel Verlag, 20 Euro.

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