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DDR-Erinnerung: mehr Schnatterinchen - weniger Staatssicherheit?

Bewegt sich im Netz das DDR-Erinnern weg von der Unterdrückung, hin zur netten Anekdote? Ein Interview zum Deutschen Historikertag in Leipzig.

Von Oliver Reinhard
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Immer mehr Menschen zeigen mit privaten Bildern oder Kindheits-Lieblingen wie Schnatterinchen, Pittiplatsch und Moppi im Internet, dass es neben der Unterdrückung noch ein anderes, alltägliches Leben in der DDR gab.
Immer mehr Menschen zeigen mit privaten Bildern oder Kindheits-Lieblingen wie Schnatterinchen, Pittiplatsch und Moppi im Internet, dass es neben der Unterdrückung noch ein anderes, alltägliches Leben in der DDR gab. © RBB

Immer schon wurde um die Deutung von Fakten gestritten, doch inzwischen werden Fakten selbst bestritten. Ein großes Thema auch beim Deutschen Historikertag, der am Dienstag in Leipzig beginnt. Andreas Kötzing vom Dresdner Hannah Arendt Institut hat ein Tagungsprogramm mitgestaltet darüber, wie NS- und DDR-Geschichte in Sozialen Medien vermittelt wird. Dort gibt es viel Negatives, aber auch etliche Beispiele, die zeigen: Man kann gerade über Social Media viele junge Leute für Geschichte interessieren.

Herr Kötzing, Fakten waren schon immer relativ fragil, weil ihre Darstellung von ihrer Interpretation abhängig war. Warum ist „Fragile Fakten“ erst jetzt Titel und Thema beim Historikertag?

Die Interpretation von Fakten war immer schon umstritten, auch in den Geschichtswissenschaften, ja. Neu ist, dass wir nicht mehr nur über Deutungen streiten, sondern über Fakten an sich. Das Schlagwort der „alternativen Fakten“, das eine Sprecherin von Ex-US-Präsident Trump eingeführt hat, ist dafür ein prägnantes Beispiel.

Also etwas, das es gar nicht gibt, denn schließlich existiert zu einem Fakt kein alternativer Fakt, der ihn infrage stellt?

Richtig, die Erfindung von „alternativen Fakten“ dient dazu, eine Behauptung oder Meinung als „Fakt“ darzustellen. Und das hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen, insbesondere in der Corona-Pandemie oder bei Diskussionen über den Klimawandel. Dabei spielen veränderte politische, gesellschaftliche und vor allem mediale Verhältnisse eine wichtige Rolle. Speziell in sozialen Medien werden Fakten häufig geleugnet und ins Gegenteil verkehrt. Dort verbreiten sich Lügen oder Verschwörungserzählungen, die von unzähligen Menschen geteilt werden. Auch der Streit um die Deutung historischer Fakten und über unsere Erinnerungskultur ist intensiver geworden. Insofern finde ich das Thema „Fragile Fakten“ für den Historikertag sehr zeitgemäß.

Wie wichtig das für die politische Sphäre ist, sieht man zum Beispiel daran, wenn Maximilian Krah, der sächsische AfD-Kandidat für das EU-Parlament, pauschal behauptet, unsere Vorfahren seien keine Verbrecher gewesen.

Das ist ein besonders krasses Beispiel dafür, wie gesichertes historisches Faktenwissen einfach geleugnet wird – selbst wenn es darüber jahrzehntelang einen wissenschaftlichen Konsens gab. Es existieren schlichtweg keine Fakten, die eine solche pauschale Behauptung stützen würden. Das ist nicht nur geschichtsrevisionistisch, weil es die Verantwortung für den Nationalsozialismus relativiert, sondern schlicht falsch.

Lange war die Erinnerung an die DDR durch den Unterdrückungsstaat dominiert. „Das ist nachvollziehbar und hatte seine Gründe“, sagt der Historiker Andreas Kötzing. Auf den Instagram-Accounts „Schwalbenjahre“ oder „Unser letzter Sommer“ hingegen stellen Me
Lange war die Erinnerung an die DDR durch den Unterdrückungsstaat dominiert. „Das ist nachvollziehbar und hatte seine Gründe“, sagt der Historiker Andreas Kötzing. Auf den Instagram-Accounts „Schwalbenjahre“ oder „Unser letzter Sommer“ hingegen stellen Me © dpa PA/ZB/Michael Richter (honor

Warum kann man nicht einfach sagen: Dieser neonazistische Blödsinn entlarvt sich doch selbst?

Weil solche Äußerungen auf immer größere Resonanz treffen. Hat früher jemand am Stammtisch so etwas erzählt, blieb das am Stammtisch. Aber postet man so etwas heute im Internet, verbreitet es sich mit großer Geschwindigkeit, wird geteilt und damit verstärkt. Dahinter steckt ein durchsichtiges, aber effizientes politisches Kalkül, weil man die Empörung provoziert und damit eine mediale Öffentlichkeit erreicht. Und die AfD zielt schon lange darauf ab, historische Deutungen umzudrehen, unsere Erinnerungskultur rückgängig zu machen.

Entsprechend der von Björn Höcke geforderten „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“?

Ja. Die permanenten Grenzüberschreitungen der AfD sind aber nur ein Aspekt. Bei einer im Kern rechtsextremen Partei wundert mich das nicht. Bedenklich ist, wenn andere Parteien diesen Tonfall übernehmen, weil sie glauben, damit Wähler zurückgewinnen zu können. Und gar nicht merken, dass sie damit dazu beitragen, diese Positionen zu tolerieren. Wenn antisemitische Flugblätter oder Hitler-Grüße in der Schule als „Jugendsünden“ verharmlost werden, ist das eine große Gefahr für unsere Erinnerungskultur.

Sie haben für den Historikertag eine ganze Sektion organisiert, in der es um Geschichtsvermittlung in sozialen Medien geht. Aber sind angesichts ihrer leichten Missbrauchbarkeit und mangelnden Überprüfbarkeit Instagram & Co. nicht die reine Hölle für die Geschichtswissenschaften?

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Natürlich werden dort häufig falsche Tatsachen verbreitet oder Erinnerungen an historische Ereignisse für politische Zwecke instrumentalisiert. Allerdings gibt es dort umgekehrt auch viele Akteure, die diese Plattformen für eine sehr gewissenhafte Erinnerungsarbeit nutzen. Nicht das Medium an sich ist das Problem, sondern die Art, wie es teils unreflektiert genutzt wird.

Erinnerungsstücke aus dem Leben in der DDR sind bei vielen Menschen begehrt, selbst wenn ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist.
Erinnerungsstücke aus dem Leben in der DDR sind bei vielen Menschen begehrt, selbst wenn ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. © www.loesel-photographie.de

Können Historikerinnen und Historiker überhaupt „das Netz“ ignorieren, wenn sie mit ihren Inhalten Menschen unter 30 außerhalb von Schulen und Unis erreichen wollen?

Auf keinen Fall. Die sozialen Medien werden insbesondere von jüngeren Generationen inzwischen sehr viel häufiger und intensiver genutzt als klassische Medien wie zum Beispiel Fernsehen, Zeitungen oder Bücher. Dementsprechend wäre es falsch, dieses Medium aus dem Forschungskontext auszuklammern. Es geht aber nicht nur um die Jüngeren, sondern auch um historisch interessierte Menschen, die nicht einfach nur Wissen konsumieren wollen, sondern sich gern partizipativ an Debatten beteiligen möchten. Auch da liegen große Potenziale in den sozialen Medien.

Auf ihrem Twitter-Account postet zum Beispiel die mit ihrem Buch „Diesseits der Mauer“ sehr erfolgreiche Historikerin Katja Hoyer Versatzstücke aus dem DDR-Alltag. Was halten Sie davon?

Mir ist das zu undifferenziert. Ähnlich wie das Buch von Katja Hoyer, das keine wissenschaftliche Relevanz hat, sondern eine eher nostalgische Erinnerung anspricht und versucht, zwischen der SED-Diktatur auf der einen Seite und dem Privatleben der Menschen auf der anderen Seite zu trennen. Interessant ist, dass die Werbe-Kampagne für das Buch – und auch der Streit darüber – auf Twitter begonnen hat. Die Resonanz dort hat ungewollt zum Erfolg beigetragen. Die Debatte über das Buch zeigt aber sehr gut, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der öffentlichen Erinnerung einerseits und den privaten Erinnerungen vieler Menschen, die sich im Abstand von 30 Jahren weniger kritisch an das eigene Leben in der DDR erinnern und manches nicht mehr wahrhaben wollen.

Manche befürchten, gerade im Internet würde sich das Interesse an der DDR wegverlagern von den Themen SED-System und Unterdrückung, hin zur Entpolitisierung und zu heilen privaten Erinnerungen Sehen Sie diese Gefahr?

Da wäre ich vorsichtig, es gibt bislang zu wenig Forschungen dazu. Aus dem Bauchgefühl heraus würde ich sagen: Es gibt eine Tendenz in diese Richtung, weil in den sozialen Medien solche Meinungen besonders viel Gehör finden. Lange Zeit war die öffentliche DDR-Erinnerung durch das Diktatur-Gedächtnis geprägt. Das ist nachvollziehbar und hatte seine Gründe. Aber wir beobachten seit einigen Jahren ein wachsendes Bedürfnis, davon zu erzählen, dass es neben Repression und Unterdrückung in der DDR eben noch ein anderes, alltägliches Leben gab. Übrigens ein Trend, der in den Neunzigern ähnlich war, nur gab es damals eben noch keine sozialen Medien, die jetzt zur Verstärkung beitragen.

Unser Gesprächspartner Dr. Andreas Kötzing ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden und forscht zur Kultur- und Mediengeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.
Unser Gesprächspartner Dr. Andreas Kötzing ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden und forscht zur Kultur- und Mediengeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. © HAIT

Das muss aber nicht automatisch in Ostalgie münden, oder?

Tut es auch nicht. Sicher, es gibt viele oberflächliche Beispiele von Plattformen vor allem auf Facebook, wo irgendwelche Bilder von DDR-Produkten in „Heimat“-Gruppen ausgetauscht werden. Frei nach dem Motto: Früher war ja eh alles schöner und besser. Dort findet meist keine Kontextualisierung statt, eher eine romantische Erinnerung an RFT-Radios, Schnatterinchen oder Brötchen für 5 Pfennig. Spannender finde ich aber die positiven Beispiele.

Welches überzeugt Sie am meisten?

Auf den Instagram-Accounts „Schwalbenjahre“ oder „Unser letzter Sommer“, die die Fotografin Jessica Barthel ins Leben gerufen hat, teilen zum Beispiel Personen private Fotos und erzählen dazu ihre individuelle Lebensgeschichte aus der DDR und der Nachwendezeit. Es ist sehr spannend, sich das anzuschauen, denn man erfährt sehr viel über den Alltag der Menschen. Und darüber, wie differenziert und vielschichtig das Leben in der DDR war und dass es sich nicht auf einzelne Schlagwörter reduzieren lässt. Soziale Medien können so im Idealfall die öffentliche Erinnerungskultur bereichern und differenzieren. Das gelingt natürlich nicht immer.

Nur müsste man sich ja aktiv um die Plattform kümmern, sie sozusagen kuratieren, wenn man ausschließen möchte, dass da irgendjemand irgendetwas verbreitet, mit dem man nicht einverstanden ist.

Das stimmt. Und in dem Fall findet auch eine Kuratierung statt, die immens wichtig ist. Häufig fehlt sie aber, weil es sehr viel Zeit und auch finanzielle Mittel voraussetzt, die Privatpersonen nicht aufbringen können. Die sozialen Medien sind ja besonders stark durch visuelle Inhalte geprägt, auf Instagram durch Fotos, bei Youtube und Tiktok durch Videos. Gerade dazu muss es aber Informationen geben, um die Bilder einordnen zu können. Es gibt zum Beispiel einige spannende Accounts zur DDR-Architektur, zu ostdeutschem Design oder zur Kunst aus der DDR. Da sehe ich ein großes Potenzial dafür, dass die sozialen Medien unsere Erinnerungskultur wirklich bereichern können.

Auch wenn diese Formate zur Kürze zwingen, was ja oft zu Vereinfachungen und Verzerrungen führt? Zum Beispiel bei Tiktok mit seiner Begrenzung auf kurze Videos?

Auch das kann funktionieren. Es gibt auf Tiktok Leute, die in einer Minute oder weniger grundlegende Infos transportieren und Anreize schaffen, sich stärker mit Geschichte zu befassen. Auch einige Gedenkstätten haben das schon erfolgreich ausprobiert, etwa die KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Das ist umso bemerkenswerter, weil Tiktok ja gerade die sehr jungen Menschen nutzen.

… die man ansonsten mit historischen Themen nur sehr mühsam oder gar nicht erreicht.

Leider. Umso bemerkenswerter finde ich zum Beispiel den Erfolg der Historikerin Leonie Schöller, die mit kurzen Videos bei Tiktok versucht, für historische Themen zu sensibilisieren – mit fast 200.000 Followern. Natürlich sind das keine wissenschaftlichen Studien, dafür ist Tiktok auch nicht gedacht. Es geht darum, ein anderes Zielpublikum anzusprechen.

Wenn Sie Risiken und Chancen von Geschichtsvermittlung über Social Media abwägen, was überwiegt für Sie?

Ich bin optimistisch. Wir kommen ohnehin nicht um das Nutzen dieser Medien herum. Und wenn wir den Kampf gegen „alternative“ Fakten, Lügen und gegen die Verharmlosung von Diktaturen nicht verlieren wollen, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Auseinandersetzung auch dort weiter zu suchen. Gerade für die politische Bildung ist dies enorm wichtig. Das setzt natürlich voraus, dass öffentliche Einrichtungen wie Gedenkstätten, Museen und Vereine dafür auch ausreichend Mittel zur Verfügung haben.