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Foto-Serie: Mein erstes West-Ding

Was haben sich Ostdeutsche von ihrem Begrüßungsgeld gekauft? Eine Fotografin hat aus der Frage eine erstaunliche Serie gemacht.

DDR-Bürger stehen im November 1989 vor der Kreissparkasse in Duderstadt.(Niedersachsen). Dort bekam jeder 100 Westmark als Begrüßungsgeld.
DDR-Bürger stehen im November 1989 vor der Kreissparkasse in Duderstadt.(Niedersachsen). Dort bekam jeder 100 Westmark als Begrüßungsgeld. © dpa/Hansjörg Hörseljau

Das Messer hat 52 D-Mark gekostet. „Das war wahnsinnig viel Geld“, sagt Franziska Pfütze, nämlich gut die Hälfte vom Begrüßungsgeld, das es zur Wiedervereinigung für alle DDR-Bürger gab. Ein gutes Küchenmesser zum Kartoffelnschälen, Gemüseputzen, Zwiebelnschneiden, das wollte sie immer schon haben. In der DDR war so was schwer zu bekommen. Heute nimmt Franziska Pfütze ihr Messer immer mit, wenn sie woanders in der Küche hilft. „Komm, mein Messer“, sagt sie dann und steckt es ein. Seit 30 Jahren.

Küchenmesser: Franziska Pfütze, 76, Cottbus, Brandenburg, Rentnerin, zum Zeitpunkt des Mauerfalls Buchhalterin.
Küchenmesser: Franziska Pfütze, 76, Cottbus, Brandenburg, Rentnerin, zum Zeitpunkt des Mauerfalls Buchhalterin. © Sophie Kirchner

Franziska Pfütze, 76, ist eine von 16 Ostdeutschen, die bei dieser Fotoserie mitgemacht haben. „Träume aus Papier“ nennt die Fotografin Sophie Kirchner ihre Arbeit, für die sie Menschen aus Ostdeutschland porträtiert hat – sowie jeweils das erste Teil, das sie sich damals von ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben. Eine Flex, einen Rucksack, ein TV-Radio – oder auch ein Queen-Album, eine Lederjacke oder eine Rohrzange.

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Schon bei den Fotos kommt man ins Schwelgen und Schmunzeln. Doch hinter jedem Gegenstand steckt auch eine Geschichte – und ein Nachdenken über damals und heute, über Ost und West. Beim Küchenmesser zum Beispiel: „Früher wurden die Gegenstände hergestellt, um lange zu halten, auch im Westen“, sagt Franziska Pfütze, die in der DDR als Buchhalterin gearbeitet hat. Heute, so glaubt sie, würde man ein Messer in so einer Qualität gar nicht mehr bekommen. Diese Überfluss- und Wegwerfgesellschaft – das Gegenteil vom ständigen Mangel in der DDR.

Flex: Henri Engelke, 64, Neustrelitz, Mecklenburg-Vorpommern, Rentner, damals Vorarbeiter im Hochbau.
Flex: Henri Engelke, 64, Neustrelitz, Mecklenburg-Vorpommern, Rentner, damals Vorarbeiter im Hochbau. © Sophie Kirchner

Die Fotografin Sophie Kirchner, Jahrgang 1984, stammt aus Ost-Berlin, wollte genau solche Geschichten und Gedanken hören, als sie ihr Projekt anging. „Ich hatte immer das Gefühl, dass da Puzzleteile in meinem Leben fehlen“, sagt sie. Sie schaltete kleine Anzeigen in einigen Regionalzeitungen. „Es haben sich erstaunlich viele Leute gemeldet“, sagt sie. Manche haben erst mal eine Stunde lang von sich und ihrem Leben erzählt. Da wurde der Fotografin erst richtig klar, in welches Nest sie gestochen hat. Es ist noch längst nicht alles gesagt über die DDR, die Wendezeit und vor allem die Menschen, die sie erlebt haben: „Es gibt eine unglaubliche Sehnsucht danach, dass man ihren Geschichten zuhört“, sagt Sophie Kirchner. Und dass man nicht immer nur über „die Ostdeutschen“ als Gruppe spricht, sondern sich einzelne Biografien und Schicksale genau anschaut.

Wanderrucksack: Eberhard Pulz, 73, Hoher Fläming, Brandenburg, Rentner, Physiker.
Wanderrucksack: Eberhard Pulz, 73, Hoher Fläming, Brandenburg, Rentner, Physiker. © Sophie Kirchner

„Fotografie ebnet den Weg zu Geschichten“, sagt Sophie Kirchner. Das sei auch der Grund, weshalb sie Fotografin geworden ist. Ursprünglich interessierte sie sich für Malerei, studierte Kommunikationsdesign in Hamburg und entdeckte dann die Kamera als ihr Medium, sich künstlerisch auszudrücken. Nachdem sie als junge Studentin nach Hamburg kam, wurde ihr auch erstmals bewusst, wie groß und tief manche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen immer noch sind. Die Idee für ein Fotoprojekt über ostdeutsche Wende-Erfahrungen kam ihr vor fünf Jahren, durch die Diskussion über Flüchtlinge und Grenzen. „Da gibt es doch gewisse Parallelen“, sagt sie. Auch Ostdeutsche seien im Grunde geflohen und mussten sich anpassen an vieles, was ihnen fremd war.

Wenn es „Klick“ macht und der Auslöser nicht nur ein Bild belichtet, sondern etwas in den Menschen auslöst – das ist es, was Sophie Kirchner an der Fotografie reizt. Deshalb hat sie zu jedem Gegenstand nicht nur ein Porträtfoto aufgenommen, sondern auch ausführliche Gesprächsprotokolle auf Tonband. „Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, das alles abzutippen“, sagt sie. „Vielleicht mache ich eines Tages ein Buch daraus.“

TV-Radio: Herbert Dittmann, 78, Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rentner, damals Einsatzleiter bei Geothermie.
TV-Radio: Herbert Dittmann, 78, Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rentner, damals Einsatzleiter bei Geothermie. © Sophie Kirchner

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Heute lebt Sophie Kirchner wieder in ihrer Heimatstadt Berlin. Als vor drei Jahrzehnten die Mauer fiel, war sie fünf Jahre alt. Sie kann sich noch erinnern, wie sie an der Hand ihrer Mutter zum ersten Mal in den Westteil der Stadt kam. „Meine Mutter hat Fremde geküsst und umarmt, das hat mir als Kind ein bisschen Angst gemacht“, erzählt sie. Und was war ihr erstes West-Ding? „Ein großer Lutscher“, sagt Sophie Kirchner und muss lachen. Aber den gibt es nicht mehr.

Sophie Kirchner, geboren 1984 in Ost-Berlin, ist freie Fotografin. Die ganze Serie ist zu sehen auf ihrer Homepage: www.sophiekirchner.com

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