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Wie die Stasi gegen einen Berliner Fußballklub kämpfte

Fußball schreibt wilde Geschichten. Diese hier dreht sich um einen kleinen Verein, einen mächtigen Gegner und Glück.

Ein Verein für die ganze Familie: Fan-Unterstützung für den SV Lichtenberg 47 beim Berliner Pilsner-Pokal 2016.
Ein Verein für die ganze Familie: Fan-Unterstützung für den SV Lichtenberg 47 beim Berliner Pilsner-Pokal 2016. © imago/Matthias Koch

Was für ein Kiez. Was für eine Architektur. Wer Berlin Lichtenberg vom Zentrum der Hauptstadt aus besucht, passiert zunächst die sozialistischen Prachtbauten aus den 1950er-Jahren entlang der heutigen Karl-Marx-Alle. Weniger prunkvolle Mehrgeschosser erheben sich dann neben den Treppen, die aus dem U-Bahnhof Magdalenenstraße führen. Auf drei Spuren breiten sich die Autos auf der Frankfurter Allee stadtauswärts aus. Ein Komplex ist von außen so grau wie markant. Ein paar Büros sind drin, weiter hinten Arztpraxen.

Bis Anfang 1990 war das wuchtige Areal, das mittlerweile auch eine Forschungs- und Gedenkstätte beherbergt, Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit. Außerhalb Berlins kaum bekannt ist, dass die Gebäude entlang der in der DDR berüchtigten Normannenstraße an ein Fußballstadion grenzen. An die Heimstätte eines im Stadtteil verankerten Klubs, der das Gründungsjahr im Namen trägt: Lichtenberg 47. Fußball im Hinterhof der Stasi – was für die Spieler und Anhänger bis zur Wende Alltag war, entpuppt sich mittlerweile als eine Geschichte von Groß gegen Klein, von Mächtigen und Widerborstigkeit, von Beharrlichkeit und Glück.

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Klar ist: Stasichef Erich Mielke empfand das nach dem von den Nationalsozialisten hingerichteten Widerstandskämpfer Hans Zoschke benannte Stadion als störend. „Ende der 1970er-Jahre ging das richtig los“, sagt Henry Berthy. Der heutige Geschäftsführer von Lichtenberg 47 erinnert sich, wie die Stasi Kleingartenanlagen für ihren wachsenden Raumbedarf in Beschlag nahm und sich baulich ins Viertel „hineinschliff“, wie Berthy es beschreibt.

Mielke wollte Kicker umsiedeln

Seit den 1960er-Jahren gehört er dem Verein an. Die Wende, da ist sich Berthy sicher, rettete das Stadion an diesem Ort und damit auch den im Stadtteil verwurzelten Verein. Minister Mielke plante die Einverleibung der Sportanlage und die Umsiedlung der Lichtenberger Kiezkicker. Aus Sicherheitsgründen, aber auch, weil auf dem Gelände eine Schießanlage und mehrere Hallen für den Dienstsport für die Stasi entstehen sollten.

Seit rund 100 Jahren wird an der Normannenstraße gekickt, zunächst auf einem einfachen Sportplatz. Das 1952 eröffnete Stadion ist ein Ort der Sportgeschichte, sogar mit Sachsenbezug. Im Eröffnungsjahr spielten die SG Volkspolizei Dresden und Einheit Pankow das Finale des FDGB-Pokals dort aus. Rund 18.000 Zuschauer markierten den bisherigen Publikumshöchstwert. Dresden gewann drei zu null.

Der bereits fünf Jahre zuvor gegründete Lichtenberger Verein hat eine Besonderheit, die nicht nur die Stasi-Bosse störte. Er war privat, wurde von Sportfans ins Leben gerufen, von Lichtenbergern und lokalen Händlern unterstützt. Das entsprach nicht der dirigistischen DDR-Sportpolitik, die das Vereinsleben gekoppelt sah etwa an die Volkspolizei oder Betriebe.

Direkt vorm Gebäudekomplex der Stasi: das Stadion von Lichtenberg 47 (oben links).
Direkt vorm Gebäudekomplex der Stasi: das Stadion von Lichtenberg 47 (oben links). © dpa/euroluftbild.de

Zunächst konnten die „47er“ ihre Unabhängigkeit stressfrei bewahren, später sogar unter dem Dach eines Elektrogroßbetriebes. Reibungen mit dem Nachbarn begannen aber bereits in den 1960er-Jahren. Ein Stasidokument von 1965 belegt das schwierige Verhältnis. Penibel hält der Geheimdienst fest, dass ein Lichtenberger Spieler am 9. Mai mit der Mannschaft gefeiert und dabei, wie er einräumt, „etwa 10 bis 15 Glas Bier getrunken“ hat. 

Später am Abend beschimpft der Mann einen vor dem Stasiareal platzierten Wachposten: „Geht ihr lieber arbeiten.“ Der Spieler kommt in eine Ausnüchterungszelle. Das Besondere daran ist, dass der Lichtenberger drei Jahre zuvor angeschossen wurde, als er angetrunken das Stasigebäude betreten wollte. Ins Gefängnis muss der Sportler schließlich nicht, die Akte vermerkt die Stichworte „operativ bearbeiten“ als Handlungsanweisung.

Drei Jahrzehnte nach der Wende setzt sich der Verein mit dem Stasi-Konflikt auseinander und arbeitet damit auf anschauliche Weise auch Sport- und Berliner Sozialgeschichte auf. Auf dem Areal der Zoschke-Arena informiert die Schau „Fußball im Hinterhof der Stasi“ über den Kiez, der das Ministerium für Staatssicherheit im Wortsinn vor der Tür hatte. Gemeinsam mit dem Bürgerkomitee 15. Januar – an dem Tag besetzten Berliner 1990 die Stasizentrale – wurden Schautafeln konzipiert, die den Weg des quirligen Klubs zeigen. 

Keine pauschale Heroisierung

Zur Eröffnung im vergangenen Jahr sagte Historiker und Komitee-Chef Christian Boos dem RBB: „Wir freuen uns auch deswegen, weil diese Tafeln natürlich auch von Leuten gesehen werden, die hier zu ganz normalen Fußballspielen kommen, die normalerweise wahrscheinlich nicht zu uns auf das ehemalige Stasi-Gelände kommen würden, um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.“

Die Ausstellung vermeidet gekonnt einen Fehler. Sie verzichtet auf pauschale Heroisierung. Schon über den Vorgänger von Lichtenberg 47 heißt es: „Der Alt-Lichtenberger Sport-Verein ist eigentlich unpolitisch.“ Zu den Mitgliedern zählten Arbeiter, Angestellte, Selbstständige und Gewerbetreibende.

Als nach dem Krieg Spiele gegen Westberliner Mannschaften unterbunden wurden, entstand Distanz zu einer politischen Führung, die selbst solche Kicks von oben regeln will. „Geschichten über Stasi-Aktivitäten machten unter Fußballern die Runde“, heißt es im Text einer der Schautafeln. Der „Überwachungsapparat“ mit etlichen Ministeriumsmitarbeitern, die nicht aus Berlin stammten, wirkte im Stadtteil als auffälliger Fremdkörper.

Auch heute läuft Lichtenberg 47 noch immer im Zoschke-Stadion auf.
Auch heute läuft Lichtenberg 47 noch immer im Zoschke-Stadion auf. © imago/Matthias Koch

„Widerständler waren die Vereinsmitglieder nicht, eher vorsichtig“, analysieren die Ausstellungsmacher, die auch Zeitzeugen das Wort geben. Sie wollten ihre Familien nicht gefährden, behielten aber ihre eigene Meinung. Ab den 1970er-Jahren war das Stasigelände Sperrgebiet. Der Haupteingang des Stadions musste verlegt werden. Das Wachbataillon des Geheimdiensts blickte argwöhnisch auf die Sportler, teils trugen dessen Beobachtungen skurrile Züge. So vermerkte ein Protokoll starke Rauchentwicklung auf dem Sportareal. Die Kontrolle ergab wenig Spektakuläres: „Auf dem Gelände wird durch 2 männl. Personen Laub verbrannt.“

Überwacht wurden die angrenzenden Wohnhäuser. Die Stasi legte Akten zu Bewohnern an. Briefe wurden abgefangen. In manchen Häusern rekrutierte das Staatssicherheitsministerium Vertrauenspersonen. Unklar ist, wie stark Lichtenberg 47 in den Fokus geriet: „Die genaue Überwachung des Sportvereins ist derzeit noch nicht nachvollziehbar“, heißt es im Tafeltext. „Viele Akten sind vernichtet worden.“

Geschäftsführer Berthy sagt, bei Brisanzbegegnungen sei die Zuschauerzahl auf 1.000 begrenzt gewesen. Die Ausstellung zeigt, dass Besucher fotografiert wurden. In den frühen Nachkriegsjahren strömten bis zu 10.000 zu den Partien. Eine Saison spielten die Lichtenberger in der höchsten Klasse der DDR, mehrere jedoch in der zweiten, der DDR-Liga. Auch der gefürchtete Erich Mielke schaute im Stadion vorbei. Allerdings nur dann, wenn der von ihm protegierte BFC Dynamo dort spielte.

Neubaupläne in Marzahn

1984 erschien der Umzug unvermeidlich. Besiegelt war die Verlegung des Stadions in den Malchower Volkspark an den östlichen Stadtrand. In der DDR fehlte es aber an Baukapazitäten, und Wohnungsbau hatte Vorrang. 1991, so die Planungen, sollte das Zoschke-Stadion abgerissen und im Bezirk Marzahn wiedererrichtet werden. Doch das Ende der DDR brachte sie zum Erliegen.

Drei Jahrzehnte später läuft Lichtenberg 47 noch immer im Kiez zwischen Normannen- und Ruschestraße auf. 950 Zuschauer verfolgen am ersten Oktoberwochenende die Partie gegen den ehemaligen Zweitligisten Babelsberg 03. Gespielt wird in der viertklassigen Regionalliga, die die oberste Amateurliga ist. Die Babelsberger Ultras sind dezidiert links, die meisten dunkel gekleidet. Der Lichtenberger Anhang lässt sich dagegen kaum zuordnen. 

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Schwer gepiercte junge Eltern haben ihre am Spielfeldrand tobenden Kinder im Blick. Männer in tarnfarbenen Jogginghosen stehen neben Rentnern mit Herrenhandtaschen. Anders gesagt: Die Zuschauer bilden einen Querschnitt durch den Kiez. „Wir sind ein Verein für die ganze Familie“, sagt Berthy. Und das soll so bleiben. Einen Umzug jedenfalls verlangt niemand mehr.

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