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Der Pakistaner von nebenan

Irshad Ahmad kam als Flüchtling nach Bischofswerda. Jetzt ist er der nette Nachbar, mit dem man sogar Cricket spielt.

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© Rocci Klein

Von Constanze Knappe

Bischofswerda. Cricketprofi möchte Irshad Ahmad werden. Für einen wie ihn ist das nicht ungewöhnlich. In seinem Heimatland Pakistan gilt Cricket als Nationalsport Nummer eins. Jeder kleine Junge möchte das dort spielen. Und doch ist der Wunsch von Irshad Ahmad so naheliegend nicht. Der 28-Jährige lebt seit Oktober in Deutschland. Die Bedingungen für seinen Lieblingssport hier sind nicht optimal, aber deswegen gibt er seinen Traum nicht auf. „Die Deutschen sind Erste im Fußball, sie sollten aber auch eine international erfolgreiche Cricketmannschaft haben“, sagt er in einem Gemisch aus Deutsch und Englisch. In seiner Vision ist er Teil dieses Cricketteams. Wenn er spielt, dann fühlt er, dass er für diesen Sport gemacht ist. Wenn er spielt, vergisst er das Leid in seiner alten Heimat, das ihn zur Flucht zwang. Die Gedanken daran lassen ihn nicht los.

Weil sich seine Eltern für eine liberale Politik in Pakistan engagierten, wurde die Familie verfolgt, ihr Haus niedergebrannt, ein Bruder getötet. Die Familie zog um, doch auch dort verloren sie ihr Haus und damit ihre materielle Lebensgrundlage. Da sich Racheaktionen von politischen Gegnern vor allem auf pakistanische Söhne konzentrieren, musste er erneut flüchten. Doch die Bedrohungen nahmen kein Ende. Er floh mit seinem Bruder. Zu Fuß waren sie unterwegs, über Land und See. Irshad Ahmad war einer von vielen, die das Risiko der Flucht auf sich nahmen und viel Elend erlebten auf dem Weg in ein neues Leben. Er sah Tote im Gebirge und schaukelte in einem völlig überfüllten Schlauchboot übers Meer. Die Risiken der Flucht waren ihm vorab nicht bewusst, sagt er. Im Schlauchboot neben ihm weinten Kinder und Frauen. Nur schwer kann er diese Erlebnisse verarbeiten. Manchmal lenken ihn die Gedanken an Cricket ab.

Mit 16 hat er im College mit dem Cricket angefangen. Weil er zu jung war, sollte er zunächst noch warten, stattdessen andere Ballsportarten betreiben. Doch er ließ nicht locker. Er durfte vorspielen. Er überzeugte so, dass er Kapitän des überaus erfolgreichen Collegeteams wurde und später dessen Trainer. Sie gewannen viele Preise. Der Zusammenhalt war es, der ihn, abgesehen vom eigentlichen Sport, begeisterte. „Wenn einer Hilfe brauchte, haben die anderen angepackt“, erzählt Irshad Ahmad. Auch, dass er sie motivieren konnte, Blut zu spenden, weil das in Pakistan schwer zu kriegen ist, und Geld zu sammeln für arme Menschen.

Dankbar, angekommen zu sein

Nach der aufreibenden und gefährlichen Flucht mit seinem Bruder landete der junge Pakistani in der Erstaufnahmeeinrichtung in Bischofswerda, später in einer Unterkunft in Bautzen. Die wurde noch gebaut, während Flüchtlinge schon darin wohnten. Viele Pakistaner lebten auf engstem Raum zusammen. Beschwert hat sich Irshad Ahmad über die Zustände und Probleme dort nie, berichten Flüchtlingshelfer. Er war dankbar, in Deutschland angekommen zu sein. Sein Heimatland gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt, die Taliban terrorisieren die Menschen dort. Mittlerweile wohnt Irshad Ahmad im Spreehotel in Bautzen. Sein Antrag auf Asyl läuft. Trotz der Ungewissheit, ob er bleiben darf, kam es für ihn nicht infrage, nur im Heim die Zeit totzuschlagen. Er und einige Landsleute hätten gern einen Deutschkurs besucht. Weil sie nicht zu den Flüchtlingen aus den vier geförderten Nationen wie Syrien gehören, war das nicht möglich. Irshad Ahmad brachte sich Deutsch autodidaktisch bei. Er ist unglücklich, dass es noch ein bisschen holprig geht. Dafür spricht er perfekt Englisch, hat in Pakistan fünf Jahre Informatik und Management studiert. Irgendwann, so hofft er, wird er in Deutschland in dieser Richtung arbeiten.

Seit Mai ist er erst einmal im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes im Wohnheim für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge in Döberkitz beschäftigt. Dass er mehrere arabische Sprachen beherrscht und einige Dialekte, ist eine wertvolle Hilfe. Schon in der Erstaufnahme in Bischofswerda hatte er für andere übersetzt und kam dabei mit der Gruppe „Schüler für Flüchtlinge“ in Kontakt. Er half bei Behördengängen, Arztbesuchen, organisierte Veranstaltungen mit. Gemeinsam mit den Schülern gründete Irshad Ahmad eine Cricketmannschaft in Bautzen. Natürlich, weil es sein Lieblingssport ist, sagt er lachend. Aber auch, damit Flüchtlinge, die den ganzen Tag im Heim sitzen, eine Abwechslung haben. Und es sei eine günstige Gelegenheit, dass sich Flüchtlinge und Deutsche beim Sport kennenlernen. 52 Mitglieder hat die Cricketabteilung beim MSV Bautzen inzwischen, deren Chef und Trainer Irshad Ahmad ist. Mehrfach spielten sie seither gegen Mannschaften in anderen Städten und so entstand die Idee, am 17. September in Bischofswerda ein eigenes Turnier zu veranstalten.

Arbeit in der IT-Branche oder im sozialen Bereich

Damit sie als Gastgeber gut abschneiden, trainieren sie viermal die Woche. Irshad Ahmad steht da nicht etwa als Trainer am Rand, sondern mischt auf dem Feld kräftig mit. Zum einen für seinen großen Traum vom Cricketprofi und zum anderen, weil er etwas zurückgeben möchte. Trotz einiger rechtsorientierter Anfeindungen, die er in Bautzen erlebte, sei Deutschland ein schönes und friedliches Land, sagt er. Er freut sich, dass er hier Freunde fand. Wenn es mit einem Job in der IT-Branche nicht klappt, könnte er sich auch vorstellen, im sozialen Bereich zu arbeiten. Vor allem aber möchte er eines: Cricket spielen – als Profi für Deutschland.

Das Cricketturnier wird an diesem Sonnabend im Wesenitzsportpark in Bischofswerda ausgetragen. Die insgesamt fünf Cricketpartien starten 9 Uhr – zuerst tritt eines von zwei Bautzner Teams gegen Fürstenwalde an. Weitere Teams kommen aus Dresden, Chemnitz und Frankfurt. 16.30 Uhr ist Anpfiff zum Finale. Neben dem Sport gibt es ein Begegnungsfest für Jedermann mit bunten Aktionen für Kinder und internationalen Speisen. Der Eintritt ist frei. Irshad Ahmad freut sich darauf. Auf Cricket wie zu Hause.