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Viele Kinder können nicht sicher schwimmen

Wegen Corona sind Kurse ausgefallen. Die Gefahr für Unfälle ist groß. Wie Kinder jetzt richtig Schwimmen lernen, erklärt ein Experte von der DLRG im Interview.

Ab ins Wasser! Das ist das Beste, was sich bei diesen Temperaturen tun lässt. Hauptsache, die Mama bleibt immer in Griffweite. So kann sie schnell zupacken, falls ihr Blondschopf ungewollt abtaucht.
Ab ins Wasser! Das ist das Beste, was sich bei diesen Temperaturen tun lässt. Hauptsache, die Mama bleibt immer in Griffweite. So kann sie schnell zupacken, falls ihr Blondschopf ungewollt abtaucht. © Benjamin Nolte/dpa

Kaum klettern die Temperaturen, füllen sich Feibäder und Badeseestrände. Aber viele Kinder sind im Wasser nicht mehr sicher. Schon vor Corona hatte die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) vor Defiziten bei den Schwimmfähigkeiten gewarnt. Durch den Lockdown hat sich das zugespitzt: Weil die Hallenbäder geschlossen waren, ist in Sachsen der lehrplanmäßige Schwimmunterricht für 40.000 Zweitklässler ausgefallen.

Bis zum Herbst soll er zwar weitgehend nachgeholt werden, und auch im Sommer wird es Kursangebote geben. Trotzdem könnten jetzt mehr Kinder denn je nicht oder nicht genug schwimmen, warnt Dr. Harald Rehn von der DLRG.

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Herr Dr. Rehn, viele Eltern sorgen sich, dass ihre Kinder beim Baden untergehen könnten. Was raten Sie ihnen?

Sie sollten für den Spaß im Wasser sorgen, denn der spielt beim Schwimmenlernen eine entscheidende Rolle. Es gibt nichts Schöneres für Kinder, als im Wasser zu spielen und zu planschen. Aber das sollte nicht dazu verführen, die Kinder die ganze Zeit mit Schwimmflügelchen rumlaufen zu lassen und damit zu denken, so ist mein Kind sicher.

Schwimmkurse sind monatelang ausgefallen. Sollten Eltern ihren Kindern selbst das Schwimmen beibringen?

Das würde ich nicht unbedingt empfehlen. Dabei können sich Fehler einschleichen, die sich verfestigen, wie etwa die sogenannte Schere beim Beinschlag des Brustschwimmens. Einmal falsch erlernte Bewegungen sind später von Profis nur schwer zu korrigieren. Wenn sie dann einen Schwimmkurs mit Schwimmlehrer besuchen, machen Korrekturversuche keine Freude und die Kinder können schnell das Interesse verlieren.

Dr. Harald Rehn ist Referent für die Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung bei der Bundesgeschäftsstelle der DLRG.
Dr. Harald Rehn ist Referent für die Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung bei der Bundesgeschäftsstelle der DLRG. © P. Pijl/DLRG/dpa

Aber mit der Hand unterm Bauch Hilfestellung zu geben, dürfte doch nicht schaden?

Eine waagerechte Körperlage beim Schwimmen ist wichtig, doch eine helfende Hand unterm Bauch kann kontraproduktiv sein. Das ist wie Radfahrenlernen mit Stützrädern. Besser ist es, die Kinder an den Händen durch das Wasser zu ziehen, damit sie spüren, wie die Beine auftreiben und hochkommen. Doch Eltern sollten vor allem mit ihren Kindern spielen und erreichen, dass sie Spaß an jeglicher Bewegung im Wasser haben. Das ist der Gewinn.

Was hilft bei der Wassergewöhnung?

Das fängt schon zu Hause unter der Brause an: Sie können vorsichtig den Wasserstrahl übers Gesicht laufen lassen. Oder mal ganz untertauchen in der Badewanne – natürlich unter Aufsicht. Im flachen Wasser eines Bades eignet sich alles, was Spaß macht, also Tauch-, Plansch- und Bewegungsspiele. Das Lieblingsspielzeug darf gern mit ins Wasser. Wichtig ist dabei, immer das Kind in Griffweite zu haben.

Was ist mit Griffweite gemeint?

Das Kind sollte nicht ständig an der Hand geführt werden. Aber wenn ein Nichtschwimmer-Kind untergehen sollte, kann man sofort zugreifen. Am Badesee oder der Küste sollte man auch immer im Blick haben, von wo der Wind weht und wie das Ufer beschaffen ist, also lange flaches Wasser oder plötzlich abfallender Boden. Wichtig ist, so nah am Kind zu bleiben, dass man mit einem Griff jede Situation retten kann.

Und wenn ich im Getümmel sehe, dass ein anderes Kind untergeht ...

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... sollte man immer helfen! Und keinesfalls beim Helfen Angst haben, etwas falsch zu machen. Ein Kind ins flache Wasser zu ziehen und zu fragen, ob alles in Ordnung ist oder wie man helfen kann, ist nie falsch. Ist man weiter entfernt, sollte man sofort laut um Hilfe rufen, etwa „Kind in Gefahr!“ und den Rettungsdienst 112 alarmieren. Bei einer Selbstgefährdung, etwa einem Sprung von einer 15 Meter hohen Brücke, macht es keinen Sinn, hinterherzuspringen. Dann bleibt nur, laut darauf aufmerksam zu machen und den Notruf abzusetzen.

Das Gespräch führte Claudia Wittke-Gaida (dpa)

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