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Die Abschlepper vom Dienst

Die beiden Chefs des Familienbetriebs Dathe & Dathe schenken den Plänen zur Leipziger Vorstadt ein mildes Lächeln.

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© S. Becker

Von Stefan Becker

Gerhard Dathe kennt sie alle – die Pläne zur Entwicklung der Leipziger Vorstadt. Auch den jüngsten Entwurf habe er irgendwo in der Schublade seines Schreibtisches sagt er und geht davon aus, dass auch der aktuellen Farbkopie noch weitere folgen werden.

Gewerke und Wildernis in der Leipziger Vorstadt

Park, Parken oder Nichtparken, das ist hier die Frage.
Park, Parken oder Nichtparken, das ist hier die Frage.
Wegweiser.
Wegweiser.
Ein Schild mit Geschichte.
Ein Schild mit Geschichte.
Fachwerk für die Trabi-Schmiede IFA-Zentrum.
Fachwerk für die Trabi-Schmiede IFA-Zentrum.
Verfall hinter Gittern
Verfall hinter Gittern
Lehrreiche Leere.
Lehrreiche Leere.
Gut gesichert.
Gut gesichert.
Getarnter Hydrant.
Getarnter Hydrant.
Die Dreifaltigkeit der Leipziger Vorstadt.
Die Dreifaltigkeit der Leipziger Vorstadt.
Die Erfurter Straße bäumt sich auf.
Die Erfurter Straße bäumt sich auf.
Hort ohne Hoffnung.
Hort ohne Hoffnung.
Der Beginn der Gothaer Straße.
Der Beginn der Gothaer Straße.
Natürliches Stilleben auf Asphalt.
Natürliches Stilleben auf Asphalt.
Trabi Tummelplatz.
Trabi Tummelplatz.
Das Upgrade des Gewerbegebiets.
Das Upgrade des Gewerbegebiets.
Die Mega-Abschreckung.
Die Mega-Abschreckung.
Dynamische MedizinMechaniker.
Dynamische MedizinMechaniker.
Briefkasten very british.
Briefkasten very british.
Gebrauchtwagen.
Gebrauchtwagen.
Müllkippe oder Biotop.
Müllkippe oder Biotop.
Der Puschkin Club.
Der Puschkin Club.
Das war mal ein Park am Puschkin-Platz.
Das war mal ein Park am Puschkin-Platz.

Zwar habe sich in den vergangenen 25 Jahren einiges getan auf dem Gelände zwischen Erfurter und Gothaer Straße, doch kaum etwas von städtebaulicher Substanz. Einst residierten auf dem Areal an die 16 kleine Firmen, erinnert sich der Besitzer des Abschleppunternehmens Dathe &
Dathe: Autohäuser und Schausteller, Farbenfirma und Fensterbude, Klempner. Damals verfolgten die Unternehmer der ersten Stunde sogar selbst den verwegenen Plan, ihr Gewerbegebiet zu entwickeln und in den Wohnbau zu investieren.

Dann aber ging es ums Geld und um die Grundstücke. Einer nach dem anderen der Mitstreiter verabschiedete sich, kapitulierte vor den stetig steigenden Mieten und suchte sich ein anderes Revier – bis auf die Firma Dathe. Die agierte mittlerweile auf der eigenen Immobilie, renovierte die alten Büros und Garagen aus DDR-Tagen und befindet sich noch heute auf dem Flurstück an der Erfurter Straße.

So wie das kleine rebellische Gallierdorf von Asterix und Obelix residiert der Abschleppdienst, umzingelt vom botanischen Wildwuchs der Firma Mega. Das Unternehmen mit Sitz in Stuttgart betreibt dort seit 2000 seinen Fleischereigroßhandel. Bis 2012 firmierte Mega unter dem historischen Namen Fleigeno – einst größter Privatbetrieb in der DDR.

Die Schwaben besitzen auf dem Areal in der Leipziger Vorstadt allein fast 49 Hektar und zählen damit zu den fünf Großgrundbesitzern, denen rund 88 Prozent der Flächen zwischen Leipziger, Erfurter und Eisenbahnstraße gehören.

Gerhard Dathe macht sich allerdings schon länger keinen Kopf mehr über die Zukunft des Geländes, das ihm seit seiner Kindheit vertraut ist. So erinnert er sich noch gut an den kleinen Park an der Ecke des Puschkin Platzes und den Spielplatz bei der langsam verfallenden Orangerie. Dort ging er in den Kindergarten, seine Mutter arbeitete als Spritzerin im Kombinat Sanitärporzellan Dresden. Die Brache teilt sich eine Kaufland-Tochter namens SIV mit dem Hamburger Immobilien Unternehmen Procominvest. Das kündigt auf seiner Homepage unter „Aktuelle Projekte“ schon seit Längerem an: „Dort wird ein Wohnquartier entstehen, das durch die Nähe zur Elbe und zur Inneren Neustadt eine besondere Qualität haben wird.“ Passiert aber ist bisher nichts. Das sei sehr schade, sagt Manuela Dathe, denn das ganze Areal mache nun schon seit Jahren einen verwahrlosten Eindruck. Die junge Frau ist groß geworden zwischen Keilriemen und Zündkerzen, hat reichlich Autos verkauft und managt gemeinsam mit ihrem Vater den Familienbetrieb.

Den Bau des Schulkomplexes auf dem Bahngelände gegenüber begrüßt sie sehr: „Ich freue mich darauf, wenn hier endlich etwas passiert, denn einige Ecken hier sind wirklich trostlos.“ Dabei gehe es gar nicht nur um ästhetische Belange, sondern auch um die Sicherheit, ergänzt ihr Vater: Seit die Firma praktisch von einem Urwald umzingelt sei, hätte es immer wieder Einbruchsversuche gegeben. Dabei sind die Ganoven nicht sonderlich helle, arbeitet das Unternehmen doch das ganze Jahr über rund um die Uhr.

Was 1990 zusammen mit dem Kompagnon Bernd Süßenbach, einem Ford Sierra samt Anhänger, Chekker-Funk und 40 konkurrierenden Unternehmen als Abenteuer begann, zählt heute einen Fuhrpark an Abschleppwagen für alle Fälle und genießt Bestandsschutz an der Erfurter Straße. Über dem Gelände weht die Dynamo-Fahne, auf dem Gelände arbeiten Mechaniker in den Werkstätten. Davon existieren nur noch wenige rund um die Gothaer Straße, auf der Peter-Meile: Den Anfang macht die Trabi-Schmiede von Peter Mögel, das IFA-Zentrum Dresden. Daneben hat sich der Kfz-Sachverständige Peter Gabriel eingemietet. Eine verfallende Villa und einen leeren Unterstand weiter betreibt seit acht Jahren Peter Gordzielik sein Autoklimazentrum Dresden. Er habe sich natürlich erkundigt, was da geplant sei, doch bestehe für ihn kein Grund zur Hektik, sich nach einem alternativen Standort umzuschauen.

Auch Gerhard Dathe will sich über die Pläne keine Gedanken mehr machen. Genug Geld habe er einst mit seinen Mitstreitern in eigene Ideen auf Papier investiert, und bei dem ganzen Gezocke um steigende Immobilienwerte gehe er nicht davon aus, mit seinem Enkelkind je einen neuen Spielplatz auf dem Gelände zu besuchen. Dann schon eher ein Konzert in einer der stadtbekannten Locations, den einzigen Konstanten im Masterplan-Monopoly.