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Glashütte: Traditionsbäcker schließt - für immer

Der Glashütter Joachim Lehmann führt seit 1981 ein Geschäft, dass französisches Flair in die Uhrenstadt brachte. Auch in Liebstadt ist er bekannt.

Glashüttes Bäckermeister Joachim Lehmann hängt die Bäckerjacke an den Haken. Leicht fällt es ihm nicht: "Ich bin mit ganzem Herzen Bäcker."
Glashüttes Bäckermeister Joachim Lehmann hängt die Bäckerjacke an den Haken. Leicht fällt es ihm nicht: "Ich bin mit ganzem Herzen Bäcker." © Egbert Kamprath

Mit Sorge schaut Joachim Lehmann auf den eigenen Berufsstand: "Statistisch gesehen schließt in Deutschland jeden Tag eine Bäckerei - für immer." Auch in Sachsen hält dieser Trend an. Die Zahl der Bäckereien nimmt jährlich um drei bis fünf Prozent ab, sagt Manuela Lohse, Geschäftsführerin des Landesinnungsverband Saxonia des Bäckerhandwerks Sachsen.

Gegenwärtig gibt es im Freistaat 934 Bäcker. Rund zwei Drittel sind kleine Handwerksbäckereien wie die von Joachim Lehmann, ein Drittel sind mittelständische Unternehmen mit mehreren Filialen.

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Seit dem 18. Jahrhundert befand sich an dieser Stelle der Glashütter Hauptstraße eine Bäckerei. Seit 1895 führte die Familie Lehmann hier eine Bäckerei.
Seit dem 18. Jahrhundert befand sich an dieser Stelle der Glashütter Hauptstraße eine Bäckerei. Seit 1895 führte die Familie Lehmann hier eine Bäckerei. © Egbert Kamprath

Jetzt hat sich Joachim Lehmann in die Reihe der Bäcker eingefügt, die ihr Geschäft für immer schließen. Der 70-Jährige hing seine Bäckerjacke an den Haken.

Erfolg mit französischen Backwaren

Eigentlich wollte er sich schon vor zweieinhalb Jahren zur Ruhe setzen. Doch seine Frau bat ihn, weiterzumachen. Joachim Lehmann, der seit Oktober 2016 Rente bekommt, folgte dem Vorschlag.

"Wir waren bekannt, dass wir bei Brot und Semmeln eine gute Qualität haben." Den guten Ruf hatte er sich erarbeitet. Er bot Baguette, Elsässer Brötchen und Anno Krüstchen an. Diese Semmeln wurden aus Einhorn und Emmer gebacken - das sind Getreidesorten, die bereits in der Antike angebaut wurden. Zu kaufen gab es auch Dinkel-, Buchweizen- und Ruchbrot. Letzteres wird mit einem Mehl gebacken, das in der Schweiz sehr populär ist.

Kleines Sortiment - viel Zuspruch

Nachdem die Entscheidung gefallen war, weiterzumachen, stellte Lehmann den Betrieb um. Er schloss die Filiale in Liebstadt, verkaufte seinen Verkaufswagen und trennte sich vom Großteil seiner Mitarbeiter. Die Bäckerei öffnete nur am Freitag und Sonnabend.

Das Sortiment wurde kleiner, blieb aber abwechslungsreich. Es gab dunkle Brotsorten, Mischbrot, Semmeln, Spezialbrötchen, Kuchen und Teegebäck. "Damit haben wir viel Erfolg gehabt. Wir hatten über die Jahre zweistellige Zuwachsraten." Die Kunden kamen zu ihm. Die Liebstädter organisierten sogar einen Abholservice.

Ein Glashütter mit Freitaler Wurzeln

Dass er sein Arbeitsleben bis zum 70. Geburtstag verlängerte, liegt wohl auch an seinen Genen. "Ich bin mit ganzem Herzen Bäcker." In der näheren Verwandtschaft sind über 25 Bäcker gewesen. Auch sein Vater und seine Mutter stammen aus Bäckereifamilien. Und das ist auch der Grund, weshalb Joachim Lehmann in Freital aufwuchs. Denn sein Vater Gerhard wurde nach Weißig, einem heutigen Ortsteil, in die Lehre geschickt. "Und dort hat er meine Mutter kennengelernt." Später führten seine Eltern eine Pachtbäckerei in Niederpesterwitz, die sich unweit des Fußballplatzes von Stahl Freital befand.

"Es war ein kleiner Betrieb", erinnert sich Joachim Lehmann, der in Freital die Lessingschule besuchte. Es es war absehbar, das seine Eltern das Geschäft in Glashütte übernehmen werden. 1961, Joachim Lehmann war zehn Jahre alt, war es dann so weit. Die Familie zog nach Glashütte. "Hier liefen die Geschäfte besser."

Explosion in der Backstube

Sein Vater erweiterte die Bäckerei nach und nach. Dazu gehörte auch ein neuer Backofen, der am 6. Juni 1972 in Betrieb gehen sollte. "Leider ist dieser bei der Inbetriebnahme explodiert." Es gab fünf Verletzte, am schwersten hat es seinen Vater getroffen. "Er stand direkt daneben. Ihm ist die Lunge zusammengefallen." Stark angeschlagen führte Gerhard Lehmann die Bäckerei weiter.

Zu den Traditionen des Glashütter Weihnachtsmarktes gehört das Anschneiden des Riesenstollens. Oft kam dieser von der Bäckerei Lehmann. Dieses Exemplar war 1,90 Meter lang und wurde 2016 gebacken. Der Erlös kam dem Förderverein für Grundschule und Hort zu
Zu den Traditionen des Glashütter Weihnachtsmarktes gehört das Anschneiden des Riesenstollens. Oft kam dieser von der Bäckerei Lehmann. Dieses Exemplar war 1,90 Meter lang und wurde 2016 gebacken. Der Erlös kam dem Förderverein für Grundschule und Hort zu © Egbert Kamprath

Wenige Jahre später zwang Gerhard Lehmanns Krankheit die Familie zum Handeln. Joachim Lehmann, der das Bäckerhandwerk in Oschatz erlernt hatte und nach dem Armeedienst in Hartmannsdorf und Kipsdorf arbeitete, wo er auch Konditor wurde, stand bereit. Als 30-Jähriger übernahm er am 15. Juni 1981 zusammen mit seiner Frau, die er 1973 kennengelernt und 1976 geheiratet hatte, den Betrieb. Leicht war der Start nicht. Sein Vater konnte nicht viel helfen. "Mit ihm konnte ich nur einen Tag zusammenarbeiten." Und dann war da noch der Nachwuchs. Die Lehmanns hatten drei kleine Kinder.

Bis zum Mauerfall 1989 lief das Geschäft gut

Trotzdem. Bis zum Mauerfall 1989 lief das Geschäft gut. "Danach änderten sich die Verhältnisse radikal." Die Bäckerei passte sich an, legte sich einen Verkaufswagen zu und eröffnete Filialen in Bärenstein, Liebstadt und im Glashütter Edeka. Nicht alles lief wie erwartet. Die Filiale in Bärenstein musste er bald wieder aufgeben. Auch der Bäckereiwagen erfüllte nicht immer die Erwartungen, gerade auf den Dörfern. "Die Leute werden älter und weniger. Wir sind eben nicht im Speckgürtel von Dresden."

Auch persönlich wurde es für den Bäckermeister, der von 1984 bis 2006 als Obermeister die Bäckerinnungen in Dipps, später im Weiteritzkreis und in der Region Pirna leitete, nicht leichter. Seine Frau wurde krank. Auch die geplante Betriebsübergabe an seinen zweiten Sohn verlief nicht wie erhofft. Joachim Lehmann sah sich gezwungen, das Unternehmen wieder zu übernehmen, um es weiterzuführen.

Der "Erzgebirgische Weihnachtsstollen" ist eine geschützte Marke. Bäcker Joachim Lehmann war einer der wenigen Bäcker in der Region, der dem Stollenverband Erzgebirge angehörte.
Der "Erzgebirgische Weihnachtsstollen" ist eine geschützte Marke. Bäcker Joachim Lehmann war einer der wenigen Bäcker in der Region, der dem Stollenverband Erzgebirge angehörte. © Egbert Kamprath

Hoffnung, dass der Berufstand überlebt, die hat Joachim Lehmann. Viele schätzen die Handwerkskunst, sagt er. Das bestätigt auch Manuela Lohse vom Landesinnungsverband. Bäcker, die gute Produkte herstellen, haben eine Chance, weil sich viele Menschen heute bewusster ernähren und nicht in die Brot- und Brötchenregal der Discounter greifen. Bäcker können sowohl mit Klassikern aber auch mit neuen Produkten wie Bioprodukten erfolgreich sei, sagt Lohse.

Noch viele Ideen, aber keine Kraft mehr

Auch Joachim Lehmann würde gern weitermachen. "Ideen habe ich noch, aber mir fehlt die Kraft". Deshalb ist die Zeit gekommen, Schluss zu machen. Joachim Lehmann stellte am 10. April den Betrieb ein. "Die Entscheidung, weiterzumachen, hat er nicht bereut. "Das war ein ausgesprochener Glücksfall." Die Arbeit war für ihn und seine Frau eine Art Lebenselixier. "Wir haben das mit Freude und Hingabe gemacht."

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Der Glashütter Bäcker Joachim Lehmann hat einen Treffer gelandet. Das ermutigt ihn, weiter Neues zu probieren.

Nun aber möchte er sich um andere Dinge kümmern. "Ich lerne in dritten Semester Französisch. Glauben Sie nicht, dass das einfach ist." Auch im Haus und auf dem Grundstück gibt es einiges zu tun. Und was bleibt? "Ich bin sehr traurig". Schließlich hat er drei Söhne, von denen zwei Bäcker geworden sind. Aber keiner war bereit, die Bäckerei weiterzuführen. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich in einer langen Reihe der Letzte sein werde. Das habe ich mir so nicht gewünscht." Nach vier Generationen endet eine Familientradition, die 1895 am Standort begann.

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