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Wenn die Wasserleitung Angstfaktor wird

In Klingenberg verlaufen alte Rohre unter Privatgärten. Die Eigentümer fürchten unkalkulierbare Kosten und kritisieren den Wasserversorger.

Petra und Hans-Peter Schröder stehen auf der Treppe vor ihrem Haus in Klingenberg. Darunter führt eine Hauptwasserleitung durch, die erneuert werden soll. Dagegen haben die Anwohner Bedenken.
Petra und Hans-Peter Schröder stehen auf der Treppe vor ihrem Haus in Klingenberg. Darunter führt eine Hauptwasserleitung durch, die erneuert werden soll. Dagegen haben die Anwohner Bedenken. © Karl-Ludwig Oberthür

Kaum ist der Schnee weggetaut, sprießen im Garten von Petra und Hans-Peter Schröder in Klingenberg am Siedlungsweg schon die Krokusse aus dem Boden. Sie haben ein kleines Gartenparadies. Aber darum machen sich die beiden jetzt Sorgen. Denn unter ihrem Garten verläuft die Hauptwasserleitung, die als Ring die gesamte Siedlung versorgt. Und die Wasserversorgung Weißeritzgruppe will diese Leitung für rund 290.000 Euro im Frühjahr erneuern. Das betrifft auch alle Nachbarn und ebenso das Grundstück von Schröders Bruder Wolfgang wenige Meter weiter.

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Die Wasserversorgung Weißeritzgruppe will die Leitung aus mehreren Gründen erneuern. Die Häuser unterhalb des Siedlungswegs wurden in den 1930er-Jahren errichtet. „Das geschah im Rahmen eines Wohnungsbauprogramms der Eisenbahn“, weiß Kerstin Winkler, Altbürgermeisterin von Klingenberg. Damals hatten sie Hausbrunnen. Später als die Wohnhäuser am Sachsenhof gebaut wurden, wurde hier die Wasserleitung verlegt und die Häuser aus der Eisenbahnsiedlung sowie später die neuen Eigenheime angeschlossen. Die Leitung ist rund 40 Jahre alt und besteht aus Stahl.

Anwohner erinnert sich nur an wenige Rohrbrüche

Seinerzeit verlief sie über freies Feld, aus dem heute die Gärten geworden sind. Hier soll in das alte Stahlrohr eine neue Plastikleitung eingezogen werden. Das wäre kostengünstig und dafür müsste kein kompletter Graben aufgebaggert werden, sondern nur in regelmäßigen Abständen sogenannte Kopflöcher. Wenn es aber irgendwo klemmt, müssen die Bauleute an der betreffenden Stelle graben. Das kann unproblematisch sein, wenn nur Rasen darauf wächst. Es kann aber auch eine gepflasterte Zufahrt, die Treppe, wie bei Schröders, oder ein Carport darauf stehen. Die müssten dann auf Kosten der Eigentümer abgebaut und wieder aufgebaut werden.

© SZ Grafik

Schröders haben deswegen große Bedenken. Erstens fragen Sie, ob die Leitung wirklich erneuert werden muss. Wolfgang Schröder kann sich aus den 40 Jahren, die er in der Siedlung wohnt, nur an zwei Rohrbrüche auf dem Abschnitt bei seinem Haus erinnern.

Die drei Lebensalter einer Wasserleitung

Frank Kukuczka, Geschäftsführer der Weißeritzgruppe, entgegnet dem, dass sein Betrieb eine Rohrbruchstatistik führt, die etwas anderes sagt. Außerdem verweist er auf die Erfahrung seiner Meister. Eine Wasserleitung hat drei Lebensphasen. Zwei davon sind havariegefährdet. Das ist die Zeit unmittelbar nach der Verlegung, wenn sich eventuelle Baumängel zeigen. Dann folgen in der Regel etliche Jahrzehnte, in denen normalerweise Ruhe herrscht. Wenn die Leitung dann ins Alter kommt, beginnen sich in der dritten Phase wieder die Reparaturen zu häufen. Bevor es soweit ist, sollte sie ausgewechselt werden.

Die Reparaturanfälligkeit beginnt bei einer ordentlich verlegten Stahlleitung nach 80 Jahren oder später, kann bei einer unprofessionell verlegten Leitung aber auch schon nach 40 Jahren einsetzen. Und davon gehen die Wasserversorger bei den jüngeren Teilen der Klingenberger Siedlung aus, die in den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden ist. Damals gab es das „Landbauprogramm“. In dessen Rahmen mussten Bauwillige selbst Hand anlegen. Auch Wolfgang Schröder erinnert sich daran, wie er im Graben stand. Er hat damals allerdings Plasterohre ineinander geschoben.

Aus Materialmangel wurden diese Leitungen aber oft nicht ordentlich eingesandet, sondern einfach in die vorhandene Erde gelegt, sagt Kukuczka. Wenn dort einzelne Steine gegen das Rohr drücken, scheuern sie das im Lauf der Jahre durch. Davon geht die Wasserversorgung bei weiteren Teilen der Leitung aus. Diese sollen ebenfalls ausgetauscht werden. Die Leitung ist auch nicht einheitlich, teils Stahl, teils Plaste. „Die mussten zu DDR-Zeiten ja nehmen, was sie kriegen konnten“, sagt Kukuczka.

Eine Verlegung in die Straße wäre doppelt so teuer

Zweitens bemängeln die Anwohner, dass die Wasserversorgung nur die ungefähre Lage der Leitung angeben kann. Deswegen müssen sie jetzt im Garten mehr Platz freimachen, als am Ende wahrscheinlich benötigt wird. Hingegen sei beispielsweise die Stromleitung exakt eingemessen. Das erklärt Kukuczka mit der Baugeschichte. Dort wo Laien die Leitung verlegt haben, wie eben im Landbau-Programm, wurde diese oft nicht korrekt dokumentiert. Wogegen Strom- und Gasleitungen auch zu DDR-Zeiten in der Regel nur professionell gebaut wurden.

Drittens halten die Anwohner es eigentlich für sinnvoll, die Wasserleitung aus den Privatgrundstücken hinaus in die Straße zu verlegen. Das wäre eine optimale Lösung. Dem widerspricht Kukuczka auch nicht. Er nennt aber zwei Gründe, aus denen sein Unternehmen sich anders entschieden hat. Der erste ist entscheidend: Eine Verlegung in die Straße wäre ungefähr doppelt so teuer wie die Arbeiten in den Gärten der Anlieger. Außerdem fehlt im Siedlungsweg der Platz. Der Weg ist eng und dort liegen schon mehrere Leitungen. Es wäre schwierig, die Wasserleitung noch zusätzlich dort unterzubringen, erklärt Kukuczka. Das akzeptieren die Anwohner so nicht, weil im oberen Teil des Siedlungswegs, der auch nicht breiter ist, die Leitung in der Straße liegt.

Anwohner nehmen sich einen Anwalt

Durch Gesetz wurde 2001 für den Wasserversorger auch das Recht ins Grundbuch eingetragen, dass er die Wasserleitung über die Privatflächen führen darf. Eigentlich wäre damit auch noch ein Verbot verbunden, sie zu überbauen. Das duldet der Versorger jedoch. Die Anwohner stecken damit aber in der Zwickmühle. So hat Hans-Peter Schröder noch die Bauunterlagen, wo ihm amtlich die Treppe über der Leitung genehmigt wurde. Das ist eine große Treppe mit Podesten, um den Höhenanstieg von der Straße her zu überwinden. Wenn es so dumm käme, dass ausgerechnet dort gegraben werden müsste, würde das Tausende Euro kosten.

Nun haben sich Wolfgang Schröder und andere Nachbarn einen Anwalt genommen, um gegen die Pläne der Wasserversorgung in Widerspruch zu gehen.

Die Wasserversorgung ihrerseits treibt das Projekt weiter voran. Am Dienstag war ein Mitarbeiter vor Ort und hat mit den Anwohnern im Siedlungsweg gesprochen. Die Arbeiten dafür sind auch öffentlich ausgeschrieben. Wenn dann feststeht, welche Baufirma die Rohrauswechslung im Einzugsverfahren übernimmt, wird es nochmal Baubesprechungen geben mit den privaten Besitzern. Dann bleibt vom Klingenberger Gartenparadies hoffentlich möglichst viel erhalten.

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Der Artikel wurde überarbeitet. Hinzugefügt wurde die Information, dass in einem Teil des Siedlungswegs die Wasserleitung schon in der Straße liegt. Korrigiert wurden die Angaben zum Alter der Leitung im Siedlungsweg. Hans-Peter und Petra Schröder wollen sich keinen Anwalt nehmen, aber dennoch in Widerspruch gehen.

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