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"Uhrenindustrie ist Teil unserer Identität"

Glashüttes Bürgermeister Markus Dreßler (CDU) über Steuerausfälle, Investitionsvorhaben und die Debatten im Stadtrat.

2020 hat der Bau der Trinkwasserleitungen in Johnsbach begonnen. Auch für Glashüttes Bürgermeister Markus Dreßler ist das ein Erfolg.
2020 hat der Bau der Trinkwasserleitungen in Johnsbach begonnen. Auch für Glashüttes Bürgermeister Markus Dreßler ist das ein Erfolg. © Egbert Kamprath

Herr Dreßler, wie lief das Jahr 2020 aus Ihrer Sicht?

Anders und überraschend. Wir haben Anfang 2020 nicht ansatzweise daran denken können, welche besonderen Herausforderungen das Jahr bringen wird. Wir haben versucht, die sich dynamisch veränderten Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit Corona immer wieder angemessen umzusetzen. Im Fokus standen dabei die Kindereinrichtungen und es war insbesondere für die Leiterinnen und Erzieherinnen immer wieder ein Kraftakt. Aber auch für Rathaus, Bauhof, Feuerwehr, Schulen, Turnhallen, Gemeinschaftshäuser und Veranstaltungen galt es regelmäßig zu reagieren, zu entscheiden und immer wieder auch viele Fragen zu beantworten.

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Ihr größter Erfolg 2020?

Besonders freut mich, dass in diesem Jahr mit dem Bau der Trinkwassernetze in Dittersdorf und Johnsbach begonnen wurde. Ein Thema, das die Stadt und die Einwohner in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder bewegt hat und nun gelöst ist. Gefreut habe ich mich, dass wir mit einem Preisgeld von 150.000 Euro die Idee „Glashütte Neustadt“ untersuchen können und sich hier viele Studenten der TU Dresden für das Thema interessieren. Auf die Ideen und Impulse bin ich gespannt. Gefordert hat mich auch in diesem Jahr die Glashütte-Verordnung, mit der wir die Herkunftsbezeichnung Glashütte bei der Uhrenherstellung schützen möchten. Wir sind nach dem Bundesratsbeschluss drangeblieben, haben weiter viele Gespräche geführt und sind mittlerweile sehr zuversichtlich, dass die Verordnung im ersten Halbjahr 2021 in Kraft treten wird. Dies wird den Uhrenstandort Glashütte stärken.

Auffällig ist, dass es bei neuen Projekten weiterhin zu größeren Diskussionen kommt. Wie erklären Sie sich das?

Die vergangenen 20 bis 25 Jahre waren von Bevölkerungsrückgang und einem „Verlustgefühl“ geprägt. Das hinterlässt Spuren. So fehlen potentielle Arbeitskräfte, Mitglieder in Vereinen und Feuerwehren und natürlich fehlen die 1.300 Einwohner auch finanziell. Aktuell erkenne ich die Chance, dass wir den Bevölkerungsrückgang stoppen und umkehren können. Daher versuchen wir auch mit mutigen Ideen, wie dem Projekt „Neustadt Glashütte“ oder dem Standortmarketing unter dem Motto „Dresdens Weltklasse Provinz“ Impulse zu setzen. Solche mutigen Ideen sorgen dann natürlich für Fragen und Diskussionen. Aber es braucht diese Projekte, auch als Signal, dass wir den Kopf nicht in den Sand stecken, zuversichtlich in die Zukunft schauen und bereit für neue Einwohner sind.

Corona hat einige Firmen in Schwierigkeiten gebracht. Spiegelt sich das in den Finanzen der Stadt wider?

Natürlich sind wir als Kommune, die sich vor allem aus Gewerbesteuern finanziert, besonders stark betroffen. Wir haben in diesem Jahr 5,6 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen geplant. Jetzt zum Jahresschluss rechnen wir mit 3 Millionen. 2021 hoffen wir auf 3,8 Millionen Euro.

Kann die Stadt Glashütte auf Zuschüsse vom Freistaat hoffen?

Der Freistaat Sachsen und der Bund haben für die Kommunen Mittel für den Ausgleich der Steuerausfälle bereitgestellt. 2020 haben wir bereits über 800.000 Euro vom Freistaat erhalten. Wie hoch der Zuschuss des Bundes sein wird, ist noch offen. Auch 2021 und 2022 rechnen wir mit Unterstützung des Freistaats. Aber diese Zuschüsse decken nur einen Teil der Einnahmeausfälle und wir müssen schauen, wie wir Ausgaben und Einnahmen in Balance halten. Ohne die Rücklagen, die wir in den vergangenen Jahren für solche schwierigen Zeiten angelegt haben, wäre die Handlungsfähigkeit der Stadt spätestens 2021 gefährdet und wir müssten deutlich stärker kürzen und Steuern erhöhen. In dem Sinne ist es rückblickend sicher richtig gewesen, dass ich mich auch gegen manche Kritik aus dem Stadtrat immer wieder dafür eingesetzt habe, dass wir nicht jeden Wunsch erfüllen und nicht jede Investition umsetzen können.

Was heißt das für die Vorhaben, die die Stadt in Planung hat?

Gemeinsam haben wir in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von größeren, kostenintensiven Vorhaben angeschoben. Dazu gehören zum Beispiel die Sanierung der Glashütter Kita, der Bau des Dorfgemeinschaftshauses in Oberfrauendorf, der Mehrgenerationen-Spielplatz in Schlottwitz, das Bauhofprojekt, die Sanierung der Ortsdurchfahrten Johnsbach, Reinhardtsgrimma und Hirschbach und zuletzt der Neubau des Kindergartens in Reinhardtsgrimma. Um diese Vorhaben umsetzen zu können, werden wir in den kommenden fünf bis zehn Jahren unsere Kraft auf eben diese Projekte konzentrieren müssen.

Ich vermisse in der Aufzählung das Goldene Glas. Das sollte nach dem Willen des Stadtrates gekauft werden, um es zu einem Vereinshaus umzubauen. Wieso fehlt es in der Aufzählung?

Der Stadtrat hat bisher beschlossen, das Vorkaufsrecht zu sichern und die Kosten für den gewünschten Umbau und die Umnutzung zu einem Gemeinschaftshaus zu ermitteln. Auf der Grundlage der Ergebnisse wird der Stadtrat über den Kauf entscheiden. Abzuwägen wird sein, ob der Bedarf an zusätzlichen öffentlichen Räumen in einem Verhältnis zu den zu erwartenden Kosten steht. Unstrittig ist, dass wir ein großes Interesse daran haben, dass das Gebäude nicht verfällt. Aber natürlich wünsche ich mir hier vor allem eine private Lösung, am besten mit einer Gaststätte. Vor einigen Jahren gab es hier bereits eine Idee und Verhandlungen.

Die Diskussionen zu diesem Thema dürften im Stadtrat nicht leicht werden. Offensichtlich ist, dass es derzeit von einigen Stadträten generell Vorbehalte gegenüber Vorlagen der Verwaltung gibt. Wie erklären Sie sich das?

Tatsächlich sind im Stadtrat aktuell zwei Lager erkennbar. Es gibt die Stadträte, die der Verwaltung hinreichend vertrauen und gemeinsam mit der Verwaltung konstruktiv die Aufgaben lösen wollen. Und es gibt die Stadträte vor allem der AfD und der Wählervereinigung Zeitlos, die grundsätzlich misstrauisch erscheinen und die immer wieder auch mit sachlichen Argumenten nicht zu überzeugen sind. Die Diskussionen erscheinen dann hin und wieder wenig zielführend.

Hinter vorgehaltener Hand wird Ihnen vorgeworfen, dass Sie sich zu sehr für die Interessen der Uhrenindustrie einsetzen und die der Bürger zu wenig in Blick haben. Kennen Sie die Vorwürfe?

Ja, die kenne ich. Aber, was wäre ich für ein Bürgermeister, wenn ich mich nicht mit ganzer Kraft auch um die Belange der Uhrenindustrie kümmern würde? Das ist unser wichtigster Industriezweig, das ist teilweise unsere Identität als Stadt. Die Firmen sichern Arbeitsplätze, beleben die Stadt und ermöglichen mit ihren Steuern all das, was wir für die Bürger anbieten dürfen. Und die Uhrenhersteller sind sehr darauf bedacht, die Belange der Einwohner zu berücksichtigen.

Was wünschen Sie sich für 2021?

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Ich wünsche mir vor allem, dass wir die Pandemie überwinden. Außerdem hoffe ich, dass die Freude und der Stolz über das, was in unserem Land und in unserer Stadt funktioniert, die Stimmung und die Diskussionen stärker prägen.

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