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Überreste erinnern an Sprungschanzen

Die Zeiten, als Skispringer in Geising, Altenberg oder Sebnitz, von Zuschauern angefeuert wurden, liegen lange zurück.

Autor Jens Jahn auf der Suche nach Relikten ehemaliger Schanzen. Hier am Ternickel in Freital.
Autor Jens Jahn auf der Suche nach Relikten ehemaliger Schanzen. Hier am Ternickel in Freital. © Jürgen Schwarz

Wenn am kommenden Wochenende mit dem Skifliegen im slowenischen Springer-Mekka Planica die Wintersaison der Granerud, Geiger und Co. ad acta gelegt wird, kommen bei so manchem Skisprungfan aus dem Landkreis Erinnerungen an alte Tage auf. Die Zeiten, als Skispringer auf den Schanzenanlagen in Geising, Altenberg oder Sebnitz, angefeuert von oftmals mehreren Tausend Zuschauern, um Bestweiten kämpften, liegen lange zurück.

Mit der Wendezeit endete das Skispringen in unserer Region. „Biathlon, Bob und Rodeln bekamen den Vorzug“, erinnert sich der langjährige Stützpunkttrainer Wolfgang Strauß aus Altenberg. „Viele Schanzen in unserer Gegend hätten erneuert werden müssen. Es gab mittlerweile neue Normen für einen Schanzenbau.

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Zu DDR-Zeiten wurde dieser Sport stark gefördert. Übungsleiter bekamen frei für Trainings- und Wettkampfeinsätze. Oft fuhr ein betriebseigener Bus uns Sportler, der ortsansässige Handwerksbetrieb half bei Reparaturen. Mit der Wende hörte das auf“, erinnert sich Oliver Böhme, der als letzter Springer aus dem Osterzgebirge den Sprung an die Sportschule in Klingenthal geschafft hatte.

Rund 30 Jahre später erinnern nur noch Überreste von Schanzentischen und Anlaufgerüsten, Fotos in den Vereins- und Ortschroniken sowie einige Hinweistafeln an die Orte ehemaliger Sprunglaufaktivitäten. An der einzigartigen Parkschanze in Frauenstein gibt es an der Burg solch eine Tafel. „Warum man allerdings die Lücke in der Burgmauer, die einst den Anlauf der Schanze darstellte, geschlossen hat, ist mir ein Rätsel. Damit ist jegliche Vorstellung an diese Anlage verlorengegangen“, kritisiert Böhme. Im Schlossmuseum Lauenstein existiert ein Foto der einstigen Sprungschanze im Ort, die 1957 mit dem Hochwasser der Müritz ihr Ende fand.

Bei den traditionell sehr gut besuchten Lauensteiner Wintersportfesten wurde in den Folgejahren eine Schneeschanze dafür errichtet. Ein aufmerksamer SZ-Leser brachte eine, dem Autor völlig unbekannte Sprungschanze ins Gespräch. „In Dorfhain am Seerenteich wurde in den fünfziger Jahren von Sportfreunden aus dem Ort eine kleine Sprungschanze mit einem Holzanlauf errichtet. Mit dem Ausbau der Bahnstrecke musste diese später wieder abgetragen werden“, schreibt er.

Skispringen im Wembley-Stadion

Bevor in unserer Region die ersten, damals noch Sprunghügel genannten, Schanzen aus dem Boden wuchsen, war man im Mutterland des Skispringens schon aktiv. In Norwegen am Huseby-Hügel in der Hauptstadt Oslo sprang 1879 ein gewisser Olav Haugann mit 20 Metern am weitesten. Das Interesse für das Skispringen wuchs in Norwegen bis hin zum Volkssport. So gab es in den zwanziger Jahren in Christiania, wie Oslo damals noch hieß, nicht nur die berühmten Holmenkollen-Rennen, sondern auf unzähligen Sprunghügeln im weiten Rund der Metropole, trugen die streikenden Metallarbeiter genauso wie Bahnmitarbeiter oder Bauleute ihre eigenen Meisterschaften aus. Nicht wenige Schulen in Norwegen hatten auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg ihre eigene Schanze, Skispringen stand auf dem Stundenplan. Weit über 100 Sprungschanzen soll es einst allein in Oslo gegeben haben.

Überall in der Welt verbreiteten die Norweger das Skispringen. Nicht selten gab es bei Sprungläufen in Österreich, der Schweiz oder in Deutschland norwegische Sieger. Studenten gründeten Skiclubs, wie den Skiclub Norweger Annaberg. In Amerika sorgten Norweger mit spektakulären Sprüngen über Häuser oder Autobusse für Aufsehen. In mehreren Großstädten wie Los Angeles oder Chicago wurden auf den Football-Feldern Schanzen errichtet. Der Schnee wurde meilenweit herangekarrt. So auch im Londoner Wembley-Stadion, in dem 1961 eine temporäre riesige Holzschanze errichtet wurde, auf der ein Norweger namens Torgeir Brandtzäg mit 34,4 Metern Schanzenrekord flog. Die Turmhöhe betrug reichlich 14 Meter. Den Schnee brachten die Norweger per Kühlschiff aus ihrer Heimat mit.

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Norwegische Walfänger bauten sich ebenfalls eine Sprungschanze, in Grytviken auf der Insel Südgeorgia, einem zu den Sandwichinseln gehörenden britischen Archipel im Südatlantik. Es war die südlichste Sprungschanze, die nördlichste gab es auf der Insel Svalbard in Longyearbyen, die bis 1995 noch genutzt wurde. Norwegische Skienthusiasten bauten Sprungschanzen in Neuseeland, Algerien und Marokko. Ende der neunziger Jahre belebte ein Dunstan Odeke die norwegischen Schanzen bei regionalen Wettkämpfen. Der mutige Mann war ein Student aus Uganda. Island trug noch bis 1995 nationale Titelkämpfe aus. Springer aus Australien, Spanien, Dänemark, Großbritannien oder den Niederlanden brachten es sogar bis zu Einsätzen bei internationalen Meisterschaften.

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