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Als in Dipps ganze vierzehn Autos fuhren

Ein Dokument im Internet gibt Einblick in die Frühzeit der Motorisierung im Osterzgebirge. Warum Ärzte, Kaufleute und Techniker ganz vorne mitgefahren sind.

Autos faszinieren die Menschen seit ihrer Erfindung. Hier fuhr bei der 2. Elbflorenz-Rallye ein schönes Auto mit, das aus der Frühzeit dieser Technik stammt.
Autos faszinieren die Menschen seit ihrer Erfindung. Hier fuhr bei der 2. Elbflorenz-Rallye ein schönes Auto mit, das aus der Frühzeit dieser Technik stammt. © Egbert Kamprath

Im Jahre 1909 war die Automobilwelt noch übersichtlich. Es war gerade erst 25 Jahre her, dass der erste Motorwagen von Carl Benz gefahren war. In der damaligen Stadt Dippoldiswalde waren ganze 14 Kraftfahrzeuge registriert. In ganz Deutschland war es noch möglich, ein komplettes Automobil-Adressbuch zu drucken.

Der erste Autobesitzer in der Stadt war ein Kaufmann

Dieses Werk mit 1.220 Seiten gibt auch einen interessanten Einblick in die Anfänge der Auto- und Motorradzeit im Osterzgebirge. Ein Exemplar steht in der Bibliothek der Technischen Universität Braunschweig, die es digitalisiert und ins Internet gestellt hat.

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Der erste Autobesitzer in Dippoldiswalde war demnach der Kaufmann Max Ruffani, der einen Kraftwagen besaß. Denn damals haben die Behörden unterschieden nach Wagen zu Berufszwecken, Wagen zu Geschäftszwecken, Krafträdern, Kraftwagen, Lastwagen, Vorführwagen, Taxis sowie „Wagen für Luxus-, Vergnügungs- und Sportzwecke“. Ein solcher Luxuswagen findet sich aber in der gesamten Kreishauptmannschaft Dresden keiner. Bei den ersten Autos, die angemeldet wurden haben die Behörden in der Kreishauptmannschaft Dresden diese Typen noch nicht unterschieden.

Dippser Baumeister Fritsch fuhr auf die Baustellen

Interessant sind die Berufsangaben zum jeweiligen Besitzer. So sind verschiedene Gruppen von frühen Auto- und Motorradbesitzern in der Region erkennbar. Zum einen sind es Geschäftsleute, die für ihr Unternehmen mobil sein mussten. Es ist kein Zufall, dass ein Kaufmann das erste Auto in Dippoldiswalde angemeldet hatte. In Kesselsdorf besaß der Viehhändler Theodor Ferch schon früh ein Fahrzeug, in Dorfhain der Handelsfleischer Oswald Otto Werner und in Schmiedeberg der Drogist Alfred Hermann und der Kaufmann Otto Krönert. Der Dippoldiswalder Baumeister Ludwig Fritsch, der einige prominente Bauten in der Stadt errichtet hat, besaß schon ein Motorrad, um schneller voranzukommen. Andere sind damals noch hoch zu Ross auf ihre Baustellen geritten oder mit dem Fahrrad gefahren.

Der Schlossherr von Reinhardtsgrimma, Generalmajor Senfft von Pilsach, war einer der ersten Autobesitzer in Dipps und Umgebung. Dieses Foto entstand in den 1930er-Jahren, als er sein Auto an die Feuerwehr übergab.
Der Schlossherr von Reinhardtsgrimma, Generalmajor Senfft von Pilsach, war einer der ersten Autobesitzer in Dipps und Umgebung. Dieses Foto entstand in den 1930er-Jahren, als er sein Auto an die Feuerwehr übergab. © Egbert Kamprath
Dieses Buch verzeichnet auf 1.220 Seiten sämtliche zugelassenen Autos im Deutschland des Jahres 1909.
Dieses Buch verzeichnet auf 1.220 Seiten sämtliche zugelassenen Autos im Deutschland des Jahres 1909. © Screenshot: SZ

Manche Gutsbesitzer legten sich auch schon zeitig ein Fahrzeug zu. Pergler von Perglas, der Rittergutsbesitzer von Berreuth, und Oberst Senfft von Pilsach, Rittergutsbesitzer in Reinhardtsgrimma sind unter den Automobilisten registriert. Andere Schlossherren standen der neuen Fortbewegungstechnik offenbar weniger aufgeschlossen gegenüber.

Techniker waren vorne dabei

In Reichstädt auf dem Schloss war beispielsweise kein Fahrzeug registriert. In dem Dorf war ein Maschinenschlosser R. Reichel mit seinem Motorrad der einzige Besitzer eines motorisierten Fortbewegungsmittels. Er gehört zu einer speziellen Gruppe, den technisch Interessierten. Davon gab es vor allem in Schmiedeberg mehrere. Dort überrascht es ja nicht, dass die Fabrikbesitzer Ernst Walther mit einem Kraftwagen oder Ernst Otto Nitzsche mit einem Kraftrad in dem Adressbuch stehen. Billig waren die Fahrzeuge damals ja nicht.

Anders sieht es aus beim Eisendreher Joseph Illner in Schmiedeberg, einem Maschinenbauer Johannes Porsche, einem Maschinenschlosser August Langer oder dem Schmiedegesellen Max Willy Schönert in Dippoldiswalde. Sie waren von Berufs wegen eher nicht auf Mobilität angewiesen. Aber diese neue Technik hat sie wohl fasziniert. Wahrscheinlich konnten sie auch Ersatzteile selbst anfertigen und Reparaturen ausführen, sodass ihre Motorräder im Unterhalt nicht so teuer waren.

Der Lokomotivführer Otto Müller in Tharandt dürfte auch in diese Gruppe zählen. Ob sich das bei dem Müllerschüler Franz Keller in Dippoldiswalde auch sagen lässt, ist offen. Vielleicht stammte er auch einfach nur aus reichem Hause. So war auch ein Forststudent in Tharandt namens Karl Küchenmeister schon mit dem Motorrad unterwegs.

Ärzte und Tierärzte mussten mobil sein

Anders war die Situation bei Ärzten und Tierärzten. Bei ihnen kam es darauf an, schnell von Haus zu Haus zu kommen, um ihre Patienten zu erreichen. So waren die Tierärzte in Höckendorf und Wilsdruff motorisiert. In Dipps fuhr der praktische Arzt Dr. Voigt mit dem Motorrad zu seinen Hausbesuchen, ebenso wie sein Höckendorfer Kollege Dr. Fischer. Der Bannewitzer Arzt Dr. Schlobach und der Colmnitzer Dr. Grobe waren mit einem Kraftwagen unterwegs. Ob der Dippser Konrad Emil Schwarz auch zu den Medizinern zählte, geht aus der Abkürzung seines Berufs „Zahnkünstl.“ nicht zuverlässig hervor, ist aber möglich.

Der Viehkastrierer kam auf dem Motorrad

Bauern waren im Osterzgebirge noch nicht motorisiert, jedoch einige Dienstleister, die mehrere Höfe erreichen mussten. So hatte der Schmiedemeister Julius Müller in Reinholdshain einen Kraftwagen und der Oberschweizer Christian Liechti in Goppeln ein Motorrad. Ein Schweizer war ein Melker. So wie der Name klingt, kann es durchaus sein, dass er aus der Schweiz stammte. In Lommatzsch gab es zwei „Viehkastrierer“, die ebenfalls mit dem Motorrad zu ihren Kunden unterwegs waren.

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Ein Blick über das Osterzgebirge hinaus nach Dresden zeigt andere interessante Automobilisten wie den Inhaber des Zirkusses "Stosch-Sarrasani" oder die Radeberger Exportbierbrauerei, auf die ebenfalls ein Kraftwagen angemeldet war.

Die Faszination, welche die Fahrzeuge damals schon ausgeübt hatten, hält bis heute an. Das lässt sich bei den häufigen Oldtimerveranstaltungen in der Region immer wieder miterleben.

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