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Dresden: Baumfällungen kurz vor der Schonzeit

Seit 1. März gilt ein neues Naturschutzgesetz, nachdem Bäume nicht mehr ohne Genehmigung gefällt werden dürfen. Vorher wurde zur Säge gegriffen.

Diese Birke im Dresdner Süden war der Lebensraum vieler Vogelarten. Im Februar, als noch Schnee lag, musste sie weichen.
Diese Birke im Dresdner Süden war der Lebensraum vieler Vogelarten. Im Februar, als noch Schnee lag, musste sie weichen. © Foto: privat

Dresden. Die Motorsägen waren in den vergangenen Wochen in fast jedem Dresdner Stadtteil zu hören. Kein Wunder, Bäume und Hecken durften nur noch bis Ende Februar beschnitten werden, um Vögel später nicht bei der Brut zu stören.

Doch dieses Datum war für einige Dresdner auch Anlass, sich noch schnell von ganzen Bäumen zu trennen. Denn ab 1. März gilt in Sachsen ein neues Naturschutzgesetz, nach dem Garten- und Grundstücksbesitzer Bäume mit einem Stammumfang von bis zu einem Meter nicht mehr ohne Genehmigung fällen dürfen.

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Bislang war das relativ unkompliziert möglich, nachdem 2010 in Sachsen ein Gesetz geändert wurde. Obstbäume, Nadelgehölze, Birken, Pappeln und Weiden durften sogar ohne Größenbeschränkung entfernt werden.

Auch die Wohnungsgenossenschaft Süd (WGS) hat noch im Februar auf dem Räcknitzer Weg 15 und an der Ecke Heinrich-Greif-Straße/Zellescher Weg/Paradiesstraße eine Birke und Kiefer fällen lassen, beides große, stattliche Bäume. SZ-Leser haben beobachtet, dass die Birke Anflugort diverser Vogelarten und Insekten war, zum Beispiel von Steinkauz und Schwebfliegen. "Auf dem gefällten Haufen sitzen nunmehr irritierte Blau-, Kohlmeisen und Baumläufer - ein Jammer", schreiben sie in einem Brief an die SZ.

Schwarzkiefer war eine "Gefahrenquelle"

Nach Auskunft der WGS war die Birke durch die anhaltende Hitze im Sommer der vergangenen Jahre stark geschädigt. Für sie sollen im Frühjahr 2021 im Bereich Räcknitzer Weg 9 - 25 mehrere neue Blühsträucher gepflanzt werden.

Die Kiefer am Zelleschen Weg sollte zunächst gar nicht fallen, da sie bei der routinemäßigen Kontrolle vom Boden aus keine größeren, erkennbaren Mängel aufwies, sagt WGS-Sprecherin Dana Jacob. Doch ein Baumkletterer habe einen Pilzbefall sowie einen Riss im oberen Kronenbereich festgestellt. Hinzu kam ein Riss im Stamm.

"Aufgrund der Schneelast konnte der seitlich abstehende Kronenteil das Gewicht einfach nicht mehr tragen. Außerdem wurde an einem bereits abgebrochenen Ast ein stärkerer Befall durch Borkenkäfer festgestellt", so Jacob weiter. Da der Großteil der Krone oberhalb des angebrochenen Bereiches war und dieser über den Hauszugängen lag, musste gehandelt und die Gefahrenquelle beseitigt werden, sagt die Sprecherin. Am Ende musste die Schwarzkiefer weichen.

Dresdner reagieren emotional auf Fällungen

Viele Dresdner sehen es mit Wehmut, wenn Bäume gefällt werden müssen. Keiner weiß das besser als Jörg Lange, Abteilungsleiter im städtischen Grünflächenamt, bei dem viele besorgte Anrufe eingehen, wenn in der Stadt ein großer Baum fällt. Das war vor allem der Fall, als voriges und dieses Jahr im Waldpark massiv abgesägt wurde. Betroffen waren dort aber abgestorbene und geschädigte Bäume.

Wie viele Bäume auf Dresdner Privatgrundstücken gefällt wurden, ist nicht exakt zu beziffern, denn die Stadt kennt nur die Zahlen, in denen ein Antrag gestellt wurde, die Bäume also einen großen Stammumfang hatten. Danach wurde 2020 die Fällung von rund 1.480 Bäumen genehmigt, gleichzeitig eine Ersatzpflanzung von rund 1.250 Bäumen beauflagt.

Ob diese Anzahl auch gefallen ist, kontrolliert das Amt nicht. Auch nicht, ob alle Ersatzpflanzungen bereits durchgeführt worden sind. Auch deshalb, weil jahreszeitlich bedingt ein größerer Zeitraum für Ersatzpflanzungen zu gewähren ist, schreibt eine Stadtsprecherin.

BUND: willkürliche Baumfällungen ohne Ersatzpflanzungen

Dass gerade noch im Februar viele Bäume fallen mussten, hat jedoch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) registriert. "Gerade jetzt kommen immer wieder Menschen auf uns zu und berichten von völlig unnötigen Baumfällarbeiten. Das lässt uns vermuten, dass hier noch schnell einige Fällarbeiten übers Knie gebrochen werden, bevor es einer Genehmigung bedarf und die Baumschonzeit einsetzt", sagte Felix Eckardt im Februar, der Vorsitzende des BUND in Sachsen.

Seine Organisation hat sich jahrelang für eine Novellierung des Gesetzes mit Petitionen, Aktionen und Anhörungen stark gemacht. Maßgeblich war auch eine Umfrage von 2014, in der 72 sächsische Gemeinden zu Baumfällarbeiten befragt wurden. Das erschreckende Ergebnis waren willkürliche Baumfällungen, die undokumentiert und ohne Ersatzpflanzungen blieben. In der Folge verringerte sich das Stadtgrün in den Kommunen und wurde artenärmer.

Auch die große Kiefer wurde im Innenhof von Heinrich-Greif-Straße und der Ecke Zellescher Weg/Paradiesstraße gefällt.
Auch die große Kiefer wurde im Innenhof von Heinrich-Greif-Straße und der Ecke Zellescher Weg/Paradiesstraße gefällt. © privat

Auswirkungen auf das Stadtklima

Müssen große Bäume gefällt werden, hat das vielfältige Auswirkungen, unter anderem auf das Stadtklima. Bäume bilden Sauerstoff, binden Staub, filtern sogar Schadstoffe aus der Luft und tragen zum Lärmschutz bei. Durch ihr Wurzelsystem tragen sie auch zum besseren Wasserabfluss bei. Ihr Schatten ist vor allem in heißen Sommern in der Innenstadt besonders wohltuend und senkt die Temperatur. Zudem bilden sie den Lebensraum für Vögel, Insekten und kleine Säugetiere wie Eichhörnchen.

Junge Bäume können dies erst viele Jahre später wieder bieten. Zumal heute oft kleinkronige Sorten nachgepflanzt werden, die niemals die Größe eines Altbestandbaumes erreichen werden. Oder als Ersatz lediglich Sträucher wie im Falle der Birken auf dem Räcknitzer Weg.

Befreiung für unzumutbare Härte

Inzwischen gilt das neue Naturschutzgesetz. Danach sind Laub- und Nadelbäume ab einem Stammumfang von 30 Zentimetern, gemessen in einem Meter Höhe, geschützt. Daneben Nussbäume und Straßenobstbäume von dieser Größe sowie Obstbäume ab einem Stammumfang von 60 Zentimetern.

Auch für das Roden von Großsträuchern und mehrstämmigen Kleinbäumen wie Rhododendron, Eibe oder Haselnuss mit einem Ast oder einer Gesamtbasis ab 30 Zentimeter Umfang oder einer Höhe von fünf Metern muss ein Antrag gestellt werden. Für den Schutzstatus spielt es übrigens keine Rolle, ob es sich um Wildaufwuchs oder gepflanztes Gehölz handelt.

Ein Baum darf nur dann gefällt werden, wenn zum Beispiel eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht droht, die anders nicht beseitigt werden kann, oder Bauvorhaben. Eine Befreiung wird erteilt, wenn es sich um eine unzumutbare Härte für den Antragssteller handelt, zum Beispiel wenn der Erhalt des Baumes zu einer unverhältnismäßigen Nutzungseinschränkung des Grundstücks führt.

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Weitere Informationen unter https://www.dresden.de/de/rathaus/dienstleistungen/baumfaellung_d115.php

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