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Alexej Nawalny bekommt posthum Dresdner Friedenspreis

Der russische Regimekritiker Alexej Nawalny ist am Sonntag postum mit dem Friedenspreis Dresden geehrt worden. Seine Witwe nahm die Ehrung entgegen und verriet, was sie mit dem Preisgeld vorhat.

Von Uwe Peter
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Julia Nawalnaja, Witwe des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, nahm am Sonntag im Schauspielhaus den Internationalen Friedenspreis Dresden entgegen.
Julia Nawalnaja, Witwe des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, nahm am Sonntag im Schauspielhaus den Internationalen Friedenspreis Dresden entgegen. © Jürgen Lösel

„Hallo, hier spricht Alexej Nawalny.“ Mit diesen Worten, mit denen der Putin-Kritiker die meisten seiner Videos einleitete, begrüßte er seine Zuschauer einst auch von der Radeberger Straße in Dresden.

Aufgenommen an jenem Ort also, wo einst der Mann tätig war, der für Nawalnys Tod verantwortlich ist: Wladimir Putin – damals ein kleiner Agent in der Filiale des sowjetischen Geheimdienstes KGB, heute Präsident Russlands. Als eines der prominentesten Opfer von Putins Regime wurde Nawalny am Sonntag postum in Dresden geehrt.

„Wir haben jetzt das dritte Jahr Krieg inmitten Europas, weil die Welt zu lange die Augen verschlossen hat vor dem, was Putin tat“, sagte Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja bei ihrer Dankesrede auf der Bühne im Dresdner Schauspielhaus. In einem so schönen Saal wie hier sei es leicht zu sagen, wir sind gegen den Krieg. „In Russland ist das anders: Dort kann man für solche Worte jahrelang ins Gefängnis kommen“, ergänzte sie.

Julia Nawalnaja im Dresdner Schauspielhaus neben dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP, l) und Alt-Bundespräsident Joachim Gauck
Julia Nawalnaja im Dresdner Schauspielhaus neben dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP, l) und Alt-Bundespräsident Joachim Gauck © Jürgen Lösel

Einer der letzten Prozesse gegen ihren Mann habe nicht zufällig am Tag der Überfalls Russlands auf die Ukraine in einem Straflager begonnen, unter Ausschluss jedweder Öffentlichkeit – und in der Hoffnung, im internationalen Nachrichtenhagel über den Krieg würden Nawalnys erneute Verurteilung und seine Erwiderungsworte ungehört bleiben. Aber auch hier irrte das System Putin. Alexej habe den höchsten Preis bezahlt, um gehört zu werden. Aber er sei nicht der Erste gewesen, sagte Nawalnaja und erinnerte an Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Der war – am Vorabend einer im Jahr 2015 von ihm und Alexej Nawalny geplanten und organisierten Anti-Kriegs-Demonstration – in Moskau auf offener Straße erschossen worden.

Bei der Preisverleihung waren viele Prominente und Politiker aus Bund, Land und Stadt anwesend. Die berührende Laudatio hielt Alt-Bundespräsident Joachim Gauck, der sagte, er sei auch persönlich dankbar für diesen Preis an Alexej Nawalny, der der Welt gezeigt habe, dass es auch ein anderes Russland geben kann. Seine Ehrung könne nur eine Geste sein, aber eine Geste für all jene, die weltweit versuchen, die Menschenwürde zu verteidigen – so wie das unter anderem die Ukrainer heute tun.

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hielt die Laudatio
Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hielt die Laudatio © Jürgen Lösel

Auch Gauck erinnerte an andere russische Oppositionelle wie Ilja Jaschin oder Wladimir Kara-Musa, die allein wegen ihres offenen Eintretens gegen den Angriffskrieg Russlands die nächsten Jahrzehnte in Straflagern verbringen müssen und denen damit das gleiche Schicksal wie Nawalny droht. Auch deshalb sei es so wichtig, dass sich heute 140 frühere Mitarbeiter Nawalnys vom litauischen Vilnius aus regelmäßig an ihre Landsleute in Russland wenden.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erinnerte sich, dass er bei seinem letzten Moskau-Besuch in Absprache mit der damaligen Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit dem deutschen Botschafter in klaren Worten die sofortige Freilassung Nawalnys gefordert habe. Vergeblich, wie man weiß. Kretschmer ging in diesem Zusammenhang auch auf die angeblich „besondere Beziehung Putins zu Dresden“ ein: Dresden sei heute ein Ort der Demokratie, deswegen „haben wir hier mit solchen Menschen nichts zu tun“, betonte Kretschmer.

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hielt im Schauspielhaus eine Rede.
Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hielt im Schauspielhaus eine Rede. © Jürgen Lösel

Der 1932 in Dresden geborene FDP-Politiker Gerhart Baum, Mitglied der Initiative Friedenspreis Dresden, hatte zuvor daran erinnert, dass Freiheit und Menschenwürde auch in anderen Teilen Europas und auch hier in Deutschland gefährdet seien. Angesichts dieses Preises für einen Mann, der dafür mit seinem Leben bezahlte, müssten „auch wir uns fragen, was wir selbst bereit sind zu tun für Demokratie und Freiheit in unserem Land“.

In diesem Jahr wurde die Auszeichnung erstmals vom Verein Initiative Friedenspreis Dresden vergeben, der sich derzeit neu organisiert. Gefördert wird die Auszeichnung von der Klaus-Tschira-Stiftung. Zu den seit 2010 Geehrten gehörte auch der letzte sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow. Das Preisgeld von 10.000 Euro war während der Veranstaltung durch Joachim Gauck verdoppelt worden.

Alexej habe den höchsten Preis bezahlt, um gehört zu werden, sagte Julia Nawalnaja
Alexej habe den höchsten Preis bezahlt, um gehört zu werden, sagte Julia Nawalnaja © Jürgen Lösel

Julia Nawalnaja will mit dem Geld die Familien von zwei jungen Frauen unterstützen, die für das Team ihres Mannes gearbeitet hatten und dafür in Russland inzwischen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Sie stehen auch stellvertretend für viele Russen, die sich der Repression durch Putins Terrorregime mehr oder weniger offen entgegenstellen.

Die Zehntausenden Menschen, die trotz harter Strafandrohungen im März zur Beisetzung Alexej Nawalnys in Moskau kamen, um Abschied zu nehmen, sind ein Zeichen, dass es auch noch ein normales, vernünftig denkendes und friedliebendes Russland gibt.