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Betrüger lädt Familie auf Kreuzfahrten ein

Jahrelang hat ein Angeklagter aus Dresden mit gefälschten Arztrechnungen seine Rente aufgestockt. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft.

Andreas E. (l.), hier mit seinem Verteidiger Andreas Gumprich, hat zu Prozessauftakt gestanden, seine Krankenversicherung um mehr als 670.000 Euro erleichtert zu haben.
Andreas E. (l.), hier mit seinem Verteidiger Andreas Gumprich, hat zu Prozessauftakt gestanden, seine Krankenversicherung um mehr als 670.000 Euro erleichtert zu haben. © SZ/Alexander Schneider

Dresden. Auf den ersten Blick ist Andreas E. ein klassischer Betrüger. Mit einfachen Tricks ergaunerte er fast 700.000 Euro, die er gediegen auszugeben wusste. Er leistete sich schicke Wohnungen, finanzierte einen Audi A6, verreiste gern mit seinen damaligen Partnerinnen oder der ganzen Familie. Überliefert sind alleine vier Kreuzfahrten mit Kind und Kegel, die alleine einen knapp sechsstelligen Betrag gekostet haben dürften.

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Bezahlt hat das alles, natürlich ohne etwas davon zu ahnen, die Württembergische Krankenversicherung, bei der Unternehmer Andreas E. schon in den 90er-Jahren privat versichert war, als es ihm noch gut ging – und an die er weiter seine monatlichen Beträge überwies, als er längst schwerkrank und alles, was er erarbeitet hatte, verloren war. Vielleicht erklärt das die Kaltschnäuzigkeit, mit der E. Monat für Monat Rechnungen fälschte und der arglosen Versicherung neben seinen zig echten Arzt- und Behandlungskosten einreichte.

Tragik auf den zweiten Blick

Denn auf den zweiten Blick hatte E. möglicherweise nie erwartet, dass sein falsches Spiel so lange funktionieren würde. Seit November sitzt der Mann in Untersuchungshaft. Am Montag hat sein Prozess vor dem Landgericht Dresden begonnen, wo der 60-Jährige ohne Umschweife alle Vorwürfe einräumte. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Betrug und Urkundenfälschung in 59 Fällen vor.

Zwischen Ende 2015 und Mitte 2020 soll er der Kasse monatlich Rechnungen über nicht stattgefundene Behandlungen untergejubelt haben, die sich auf einen Betrag von 693.409 Euro aufsummieren. 677.054,56 Euro wurden ausgezahlt. Frühere Taten, E. soll ab 2012 Rechnungen gefälscht haben, sind nach Angaben der Justiz bereits verjährt.

Andreas E. hatte eine eigene Straßenbaufirma und 35 Angestellte, die Geschäfte liefen glänzend. Er habe eine Eigentumswohnung und bald auch ein Wohnhaus in Malter gekauft, sagte er. Im Jahr 2000 sei er mit Bauchschmerzen zum Arzt – und schon am nächsten Tag operiert worden. Er habe Jahre in Kliniken verbracht, leide an einer aggressiven Form einer chronischen Darmentzündung, sei oft operiert worden.

Die Medikamente verursachten weitere Krankheiten und neue Operationen. Er habe alles verkaufen müssen: "Firma weg, Haus weg, Eigentumswohnung weg", sagte er. Zunächst sei er in eine kleine Zweiraumwohnung in Striesen gezogen, mit seinem Sohn, der bei ihm habe bleiben wollen und ihn gepflegt habe. Seine Familie habe er glauben lassen, das Geld sei von der Firma.

"Nach mir die Sintflut?"

"Mir wurde gesagt, ich solle die Zeit genießen. Viel hätte ich nicht mehr“, sagte E. und muss dann zustimmen, als der Vorsitzende Richter Thomas Mrodzinsky ihn fragte, ob der nach dem Motto "nach mir die Sintflut" gelebt habe. Einen hilflosen Eindruck machte E.s Antwort auf die Frage, warum er selbst dann weitergemacht habe, als er mit einer Entdeckung habe rechnen müssen. Der Angeklagte reagierte mit einer Gegenfrage: "Weil man es schon acht Jahre gemacht hat?"

E.s Verteidiger Andreas Gumprich wundert, dass der Schwindel überhaupt so lange funktioniert habe. Die Fälschungen seien leicht erkennbar. So war es keine Überraschung, dass das Gericht in einer Sitzungspause Kontakt zu der Krankenkasse aufnahm, um sie zu fragen, ob die Rechnungen dort maschinell geprüft werden. Nein, hat man ihm geantwortet, alle Rechnungen würden von Menschen geprüft. Tragisch sei, so Gumprich, dass die Familie, die gerne mit verreiste, sich jetzt von E. abgewandt habe.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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