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Prozess gegen Crystalsüchtige in Dresden

Mit elf nahm sie das erste Mal Crystal. Jetzt steht die 27-jährige Frau vor ihrer ersten Therapie. Doch vorher hatte die Justiz Klärungsbedarf. Wieder einmal.

Nach jahrelanger Obdachlosigkeit steht eine 27-jährige Crystal-Süchtige steht jetzt vor ihrer ersten Entzugstherapie. Zuvor jedoch hatte sie einen Termin am Amtsgericht Dresden.
Nach jahrelanger Obdachlosigkeit steht eine 27-jährige Crystal-Süchtige steht jetzt vor ihrer ersten Entzugstherapie. Zuvor jedoch hatte sie einen Termin am Amtsgericht Dresden. © Symbolfoto: Sebastian Schultz

Dresden. Ehe der Prozess beginnt, muss Richter Thomas Hentschel die vielen Anklagen sortieren. Es ist ein halbes Dutzend, alle aus dem letzten halben Jahr, alle gegen die Angeklagte. Reihenweise Bagatelldelikte und eine Körperverletzung.

Vor dem Amtsgericht Dresden sitzt an diesem Freitag eine 27-jährige Dresdnerin, deren Geschichte ihr so nicht anzusehen ist. Als sie zum ersten Mal Drogen genommen habe, sei sie elf Jahre alt gewesen, wird sie später berichten. Und dann gleich Crystal, eine der härtesten Substanzen.

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Die Angeklagte ist offen, beeilt sich sichtbar, die Fragen des Richters, der Staatsanwältin und ihres Verteidigers Hendrik Klee zu beantworten. Man muss ihr nicht mit vielen Fragen die letzten Reste Erinnerung aus der Nase ziehen, wie das oft bei langjährigen Crystal-Abhängigen der Fall ist.

Sechsfach vorbestraft

Die 27-Jährige hat Mittlere Reife, schafft dann aber die Fachoberschule nicht. Sie lernt in einer Anwaltskanzlei, muss auch diese Ausbildung abbrechen. Man ahnt, auch diese Misserfolge hängen mit der Droge zusammen. Ähnlich wie die Obdachlosigkeit – sieben Jahre – und der Ärger mit Polizei und Justiz, es gibt sechs Einträge in ihrem Vorstrafenregister: 2016 Diebstahl, 2017 Schwarzfahren, 2018 Schwarzfahren, Drogen, Diebstahl, Hehlerei.

Nach vier Geldstrafen gab es 2019 die erste Freiheitsstrafe wegen Diebstahls in drei Fällen, sechs Monate auf Bewährung. Und weil sie danach einmal mit illegalen LaBomba-Böllern erwischt wurde, bekam sie im Februar 2020 noch eine weitere Geldstrafe aufgebrummt - 20 Tagessätze zu je 5 Euro. Schon die Tagessatzhöhe von 5 Euro zeigt, dass die junge Frau ganz unten gewesen sein muss.

Die aktuellen Taten fanden 2019 und 2020 statt. Sie wurde in einer leer stehenden Lagerhalle erwischt, wo sie übernachten wollte – Hausfriedensbruch. Sie wurde sie mit 0,05 Gramm Crystal erwischt und fünfmal ohne Fahrschein in Straßenbahnen. Alles Taten, die mit der Entdeckung verwirklicht waren. Die Angeklagte gesteht alles umfassend.

Im Keller am Handy gespielt

Bleibt die Körperverletzung. Diese Sache unterscheidet sich doch um einiges von den anderen Vorwürfen. Die 27-Jährige hat im Februar 2020 in der Hepkestraße einen Mann in den Oberarm gebissen. Sie habe mit ihrem Freund an dem späten Sonntagabend Sperrmüll gesucht, Metall, das sich zu Geld machen lässt. Um sich aufzuwärmen, sei sie in einen offenen Hauseingang gegangen. Eine angeblich zufällige Gelegenheit. Die Frau sei hineingegangen, während ihr Freund weiter nach verwertbaren Materialien suchte.

Eine Frau in einer Erdgeschosswohnung des Mehrfamilienhauses hatte jedoch gegen 22.30n Uhr ein Geräusch gehört und als sie deswegen aus dem Küchenfenster sah, fielen ihr zwei Radfahrer aus, die ins Treppenhaus gegangen waren. Einer sei wieder herausgekommen. Die Frau rief ihren Mann. Der 35-Jährigen alarmierte einen weiteren Nachbarn (38) an und zu dritt begaben sie sich auf Einbrecherjagd, wie es sich gehört. Die Frau hatte auch die Polizei gerufen. Sicher ist sicher.

Im Keller entdeckte das Trio die Einbrecherin in einem leeren Verschlag. Sie spielte an ihrem Handy. Es gab einen kleinen Disput, die 27-jährige ergriff die Flucht und konnte weglaufen. Allerdings hatte der 35-jährige die Störerin eingeholt, es gab ein Gerangel, und die Frau ging zu Boden. Der Mann setzte sich auf sie. Irgendwann in dieser Umklammerung muss die Angeklagte zugebissen haben. Sie dachte, in die Hand - der 35-Jährige jedoch sprach vom Oberarm.

Freund bietet sich als Gefangener an

Die beiden Bewohner aus dem Haus erinnern sich noch, dass die Angeklagte ihren Freund herbeigerufen habe, der ihnen dann angeboten habe, sie sollen ihn der Polizei übergeben, doch seine Freundin laufen lassen. Sie werde per Haftbefehl gesucht. Doch die Männer ließen nicht mit sich verhandeln. Sie übergaben die Angeklagte der Polizei. So kam die Frau nach Chemnitz, um eine nicht vollständig beglichene Geldstrafe im Frauengefängnis abzusitzen.

Hinweise, dass die Frau in dem Haus nach Wertsachen suchte, gab es offenbar nicht. Das wundert den 35-jährigen Zeugen, denn die elf bis 15 Grad Außentemperatur an jenem Februarabend seien seiner Meinung nach zu hoch gewesen, um sich aufwärmen zu müssen. Es seien schon mehrfach Sachen aus dem Treppenhaus verschwunden.

Doch die Angaben der 27-Jährigen waren nicht zu widerlegen. Eine Spurensicherung der Polizei hatte nichts erbracht, möglicherweise hatte die Haustür tatsächlich offen gestanden. Dafür hatten sich andere Angaben der der Frau auch nicht belegen lassen. Angeblich sei einer der beiden Männer mit einem Totschläger bewaffnet gewesen, den er jedoch nicht eingesetzt habe. Beide Zeugen bestreiten, einen solchen Schlagstock bei sich gehabt zu haben.

Letzte Chance

Das Gericht beeindruckt die Angeklagte mit einer Zusage für eine Entgiftung an der Uniklinik. Der nächste freie Platz sei ihrer. Danach sei eine Therapie geplant. Eine Bewährungshelferin sagt, wenn die Frau bei ihr im Büro ist, sei sie „hoch motiviert“, „sie will ihr Leben verändern“. Doch sie lebe mit einem Crystal-Abhängigen zusammen. Als Paar sei es schwierig, von der Droge loszukommen. Das seien zwei Welten.

Zu der Suchtberatung, die sie der Angeklagten empfohlen habe, sei sie nicht gegangen, sagt die Justiz-Angestellte. Das liege an dem Projekt der Uni-Klinik, so die Betroffene.

Richter Hentschel verurteilt die Angeklagte zu sechs Monaten Haft auf Bewährung – und der Auflage, die Therapie ernst zu nehmen. Er folgt damit dem Antrag der Staatsanwältin. Verteidiger Klee hatte sich für eine weitere Geldstrafe ausgesprochen. Doch auch ihm muss klar gewesen sein, dass seine Mandantin unter Bewährung stand und schon deshalb froh sein kann, erneut eine Bewährung bekommen zu haben.

Richter Hentschel begründet die Bewährung mit der neuen Situation und der Hoffnung, dass es mit dem Entzug und der Therapie klappt. Die Therapie ist auch eine Bewährungsauflage - bei einem Verstoß droht das Gefängnis. Die Angeklagte dürfe sich jetzt wirklich nichts mehr leisten, sagte Hentschel: "Ein halbes Gramm Crystal - und ihnen kann keiner mehr helfen."

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