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"Ein weiterer Lockdown ist politisch nicht durchsetzbar"

Bürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) ist für Dresdens Kultur und Tourismus zuständig. Wie sich beides durch Corona verändert und eine weitere Krise.

Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) blickt von ihrem Interims-Büro auf die Kreuzkirche.
Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) blickt von ihrem Interims-Büro auf die Kreuzkirche. © René Meinig

Dresden. Die Auswahl der aktuellen Dresdner Stadtschreiberin sorgte kurz vor ihrem Antritt für Wirbel. Kathrin Schmidt hatte auf einer rechten Plattform das Impfen als "Menschenversuch" bezeichnet. Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) erlebte einen "Shitstorm", wie sie sagt. Warum sie zu dem Stipendium für Schmidt steht, was der Fall für die Meinungsfreiheit bedeutet und wie Dresden sich nach Corona aufstellen will, erklärt die Bürgermeisterin im SZ-Interview.

Frau Klepsch, im Zusammenhang mit der neuen Stadtschreiberin Kathrin Schmidt haben Sie von einem Shitstorm gesprochen. Was ist genau passiert?

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Das Beispiel hat gelehrt, dass das analoge Leben und das in den sozialen Netzwerken eine sehr unterschiedliche Dynamik hat. Es war seit einem dreiviertel Jahr bekannt, dass Frau Schmidt Dresdens Stadtschreiberin wird. Mit der Recherche der Sächsischen Zeitung und der Veröffentlichung gab es einen Shitstorm gegen ein Jurymitglied, mich und auf dem Social-Media-Kanal der Stadt. Bei Twitter und Facebook reagieren die Leute viel direkter als die Stadtgemeinschaft vor Ort. So wie es der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen geschrieben hat in "Die große Gereiztheit". In den sozialen Medien befinden sich einige in einer permanenten Gereiztheit.

Was meinen Sie genau?

Es gab sofort die Unterstellung, wir – die Stadt und die Jury – würden einer Corona-Leugnerin und damit Frau mit einer rechten Weltanschauung eine Bühne bieten. Frau Schmidt hat einen kritischen Artikel über das Impfen auf einer rechten Plattform veröffentlicht. Die Debatte über den Artikel muss man führen, aber differenziert und qualifiziert ist so etwas in sozialen Netzwerken nicht möglich.

Wurden Sie persönlich beleidigt?

Ich hefte so etwas nicht ab.

Geben Sie Frau Schmidt diese Bühne?

Da muss man trennen: Frau Schmidt hat sich als Schriftstellerin mit einem literarischen Werk um das Stipendium in Dresden beworben. Die Jury nimmt keine Gesinnungsprüfung der Bewerber vor. Es gibt einen Unterschied zwischen der renommierten Autorin, die mehrere Literaturpreise gewonnen hat, und der Frau, die ihre Meinung zum Impfen veröffentlicht hat. Wir müssen uns mit den fragwürdigen Thesen in dem Artikel auseinandersetzen, nicht mit der Autorin.

Ist in Dresden die Meinungsfreiheit in Gefahr?

Eindeutig nicht. Das ist ja das Paradoxon. Das konnte man auch bei den Anti-Corona-Demos in Berlin gerade sehen. Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht und wird gelebt. Aber jede geäußerte Meinung muss Widerspruch aushalten. Am Sonntag haben Personen demonstriert, trotz des Verbots. Die Demos waren aber nicht aufgrund der dort transportierten Meinung untersagt. Das zu behaupten, ist die Umkehrung von Tatsachen. Die Verbote gab es, weil wegen Corona die Abstände nicht eingehalten werden konnten.

Hätte Dresden das Stipendium Frau Schmidt entziehen sollen?

Das Stipendium ist eine Kooperation zwischen zwei Partnern, Kulturstiftung der Ostsächsischen Sparkasse Dresden und Kulturamt der Stadt, und wird durch eine unabhängige Jury vergeben. Wenn die Stadt Dresden die Entziehung des Stipendiums befürworten würde, hätte es schwerwiegende Gründe geben müssen – entweder weil die Autorin sich inhaltlich jenseits der Verfassung geäußert hat oder wenn die Veröffentlichung strafrechtlich relevant wäre. Beides trifft aktuell nicht zu. Die Jury, die Kulturstiftung der Sparkasse und die Kulturverwaltung waren sich einig, dass das Stipendium nicht aberkannt wird.

Wie bewerten Sie das persönlich?

Für mich war von Anfang an klar, dass eine Aberkennung falsch wäre. Ich habe aber mit mir gerungen, ob ich zur Antrittslesung gehe.

Weshalb?

Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass ich diese Auffassungen zu Corona und dem Impfen teile. Als zuständige Bürgermeisterin ist die Anwesenheit aber auch ein Ausdruck von Wertschätzung für das Amt der Stadtschreiberin. Ich habe mich entschieden, zur Antrittslesung zu gehen und im Grußwort eine kritische Einordnung angesichts der 1.000 Corona-Toten allein in unserer Stadt und der Überlastung der Krankenhäuser vorzunehmen.

Sie arbeiten gerade an einer Nachhaltigkeitsstrategie für die Kultur. Werden Bühnenbilder künftig mehrfach verwendet?

Alle müssen etwas beitragen, zu Klimaschutz und weniger Ressourcenverbrauch. Deshalb kommt auch im Bereich Kultur alles auf den Prüfstand: wie wir Kunst produzieren, Energie sparen, Mobilität organisieren und auch Gebäude ertüchtigen können. Das Kulturamt konnte beim Rat für nachhaltige Entwicklung erfolgreich 50.000 Euro für die Erarbeitung einer Nachhaltigkeitsstrategie für Kulturbetriebe einwerben. Der Prozess ist in diesem Jahr unter dem Titel "Culture for Future" gestartet. Das Publikum und die Kulturbetriebe können aber davon ausgehen, dass wir für jede Theaterinszenierung und Ausstellung im Museum auch in Zukunft die Räume neu inszenieren. Dabei jedoch vorhandene Materialien zu nutzen ist ein Teilaspekt. In den Technischen Sammlungen gibt es beispielsweise gerade die Sonderausstellung "Wolke 8" zum Klimaschutz. Die Ausstellungsmöbel wurden aus alten Büromöbeln der Stadtverwaltung gebaut.

Was ist da noch zu erwarten und was soll das bringen?

Wir sind noch mitten im Prozess. Es geht beispielsweise auch um den ökologischen Fußabdruck. Es macht schon einen Unterschied, ob vom Publikum und den Kulturbetrieben alle mit dem eigenen Auto anreisen oder mit Bus und Bahn. Auch bei den Reisen der Ensembles kann mehr verbunden werden. Wenn ein Orchester ins Ausland fliegt, kann es beispielsweise länger bleiben und mehrere Gastspiele geben, statt jede Reise einzeln anzutreten. Gleiches gilt für Gastensembles wie in Hellerau oder bei den Musikfestspielen. Wenn sie zu uns kommen, können sie in mehreren Städten in Deutschland spielen. Die Theater im Kraftwerk Mitte wurden jetzt auf Öko-Strom umgestellt.

Wie stark wirkt sich Corona auf Kultur und Tourismus aus?

Es gibt enorme Einnahmeausfälle bei Veranstaltern, Übernachtungsbetrieben, Gastronomie und Dienstleistern. Bei Übernachtungen und Ankünften hatten wir 2021 ein Minus von rund 70 Prozent zu verzeichnen. Für die städtischen Kulturbetriebe wird für 2021 infolge der Schließungen und verringerten Platzkapazitäten ein Minus von 8 Millionen Euro Einnahmen bei verringerten Ausgaben von 3,8 Millionen Euro prognostiziert. Der größte Einnahmeausfall ist, wenn wir den Kulturpalast nicht an private Dritte vermieten können.

Droht ein erneuter Lockdown?

Ein weiterer Lockdown ist politisch nicht durchsetzbar, weil es dann existenzgefährdend für viele Betriebe wird. Eine Insolvenzwelle ist bisher ausgeblieben, weil es umfangreiche staatliche Hilfen gab und sich viele mit Kurzarbeit beholfen haben. Das ist endlich. Entscheidend, um das zu verhindern, wird sein, wie hoch der Anteil an Geimpften im Herbst sein wird.

Wie sollte Dresden sich dann am besten vermarkten?

Nicht nur als bekannte Kulturstadt, sondern als Destination für das ganze Jahr, eingebettet in eine wunderbare Naturlandschaft. Diesen Vorteil müssen wir stärker ausspielen und betonen, dass man hier Aktivurlaub mit Wandern, Paddeln und Radfahren erleben kann. Wir wollen in diesem Jahr vor allem Gäste aus dem deutschsprachigen Raum nach Dresden locken. Aber anders als 2020 haben wir in diesem Jahr wieder mehr Konkurrenz, weil Auslandsreisen wieder möglich sind.

Und das bei fehlenden Fachkräften in Hotels und Gastronomie?

Das ist ein ernsthaftes Problem. Viele Hotels könnten bei Volllast aktuell die Nachfrage nicht bedienen. Wir müssen alle gemeinsam für ein positives Image der Stadt sorgen und es attraktiv machen, dass Fachkräfte auch aus dem Ausland nach Dresden ziehen.

In die "Pegida"-Stadt?

Versammlungsrecht ist Versammlungsrecht. Wir müssen für Wirtschaft und Wissenschaft Rahmenbedingungen schaffen, dass Leute gerne nach Dresden kommen. Dazu arbeiten wir gerade an einer neuen Tourismusstrategie. Wir bekommen natürlich auch extern gespiegelt, dass wir am Image der Stadt arbeiten müssen. Dafür werden gerade die Instrumentarien erarbeitet.

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