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Hitzige Debatte um Dresdner Ski-Weltcup

Das Event am Elbufer dieses Wochenende ruft verärgerte Reaktionen bei vielen Dresdnern hervor. Organisatoren und Stadtmarketing verteidigen den Cup.

Wird dieses Jahr trotz Lockdown stattfinden: Der Ski-Weltcup am Dresdner Elbufer.
Wird dieses Jahr trotz Lockdown stattfinden: Der Ski-Weltcup am Dresdner Elbufer. © xcitepress/Christian Essler

Dresden. Die Bagger und Planierraupen haben über Nacht ganze Arbeit geleistet. Mehrere tausend Kubikmeter Kunstschnee wurden von einem Hangar am Dresdner Flughafen ans Elbufer vor dem Narrenhäusel-Biergarten transportiert und hier aufbereitet.

Rund um das Areal ist es einsam, ein kühler Wind pfeift, die Sonne wirft Licht auf einige Arbeiter, die Werbebanner am Loipenzaun befestigen. Auf der Augustusbrücke sind nur wenige Menschen unterwegs. Was sie davon halten, dass mitten im Lockdown ein Ski-Weltcup am Dresdner Elbufer stattfindet?

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"Andere reißen sich ein Bein aus"

Die Meinungen sind gemischt. "Ich finde das lächerlich", sagt eine junge Mutter mit blonden Haaren, die einen Zweier-Kinderwagen vor sich her schiebt. Sie verstehe nicht, warum der Weltcup gerade jetzt sein müsse. "Andere reißen sich zurzeit ein Bein aus, um die Dinge in den Griff zu bekommen."

Ein junger Mann mit schwarzem Mantel und zwei großen Hunden hat mehr Verständnis. "Fußball findet auch statt. Das sind Profi-Sportler, die müssen auch Geld verdienen."

Eine ältere Dame mit Jutebeutel um die Schulter ist mit ihrem Enkel unterwegs. Sie zückt ihr Smartphone und fotografiert den Elbblick durch die Masche des Bauzauns, der die Aussichtsplattform umgibt. "Das ist doch in Ordnung. Warum muss den alles schließen?", kommentiert sie den Weltcup-Aufbau. Wichtig sei für sie, dass "alle sich vorsehen und Abstand halten".

Nützt der Ski-Weltcup den Corona-Demonstranten?

Manche SZ-Leser sind da anderer Meinung. In den vergangenen Wochen haben die Redaktion vermehrt Briefe von Menschen erreicht, die wütend sind. Viele kritisieren, hier herrsche Doppelmoral: Einerseits Lockdown und Umweltschutz, andererseits eine riesige Sportveranstaltung mit künstlichem Schnee.

"Ich frage mich, für was wir ab dem kommenden Jahr fünf Cent Steuern auf viele Produkte für die Umwelt zahlen, dann aber, bei Plusgraden auf Kunstschnee das Gras dezimiert wird", schreibt ein Leser.

Hurra, der Schnee ist da: Bagger laden am Mittwochabend mehrere tausend Kubikmeter Kunstschnee am Dresdner Elbufer ab. Viele Bürger sehen darin eine Umweltsünde.
Hurra, der Schnee ist da: Bagger laden am Mittwochabend mehrere tausend Kubikmeter Kunstschnee am Dresdner Elbufer ab. Viele Bürger sehen darin eine Umweltsünde. © ronaldbonss.com

Ein anderer, der in der Gastronomie tätig ist, schreibt: "Mir ist es äußerst unverständlich, wie ein Ski-Weltcup in Dresden durchgezogen wird. Ich nehme an, dass da finanzielle Interessen des Herrn Kindermann im Vordergrund stehen." Anders sei das nicht zu erklären.

Eine weitere Leserin empfindet die Veranstaltung als "respektlos gegenüber denen, die schon seit Wochen per Corona-Schutz-Verordnung ihren 'Lebensunterhalt' nicht verdienen dürfen." Der Ski-Weltcup, er spalte in dieser schwierigen Zeit die Gesellschaft immer mehr und gebe auch den "Querdenkern" immer mehr "Futter" für ihre Aktionen. Sie sei selbst eine begeisterte Ski-Langläuferin, doch die Veranstaltung sei "ein aufgeblasenes künstliches Spektakel", die Tal-Lage mache Dresden ungeeignet für den Sport.

Skandinavische Mannschaften haben schon abgesagt

Auch was das Klima angeht, gibt es Bedenken. Es sei "ein Hohn, von Umweltschutz und Klimawandel zu sprechen und gleichzeitig im schneearmen Dresden einen Ski-Weltcup zu veranstalten", heißt es in einer Zuschrift. Den Schnee herzustellen benötige viel Energie, ebenso wie der Transport zum Elbufer.

Es sind keine gänzlich neuen Vorwürfe, die hier auf Veranstalter René Kindermann einprasseln. Bereits seit der ersten Auflage vor zwei Jahren polarisiert die Veranstaltung die Stadtgesellschaft.

Mit Raupen wurde der Kunstschnee verteilt.
Mit Raupen wurde der Kunstschnee verteilt. © Christian Juppe

Doch dieses Jahr verschärft sich der Sportwettbewerb zum Politikum in der sowieso schon angespannten Corona-Stimmung. Dass sich mehrere skandinavische Mannschaften entschlossen haben, nicht am Weltcup in Dresden teilzunehmen, befeuert die Debatte zusätzlich.

Kindermann selbst, so sagt er im aktuellen Corona-Podcast der SZ, habe nie darüber nachgedacht, die Veranstaltung abzusagen. Er argumentiert mit einem ausgereiften Hygiene-Konzept - und damit, dass Spitzensport ein großer Wirtschaftsfaktor für die Stadt sei.

Krisen seien "ein Katalysator für Veränderungen, weil Sachen ganz schnell gehen", sagt Kindermann. Zu seinem Verdienst als Veranstalter bemerkt er, dass der Weltcup wie im vergangenen Jahr wohl wieder auf eine schwarze Null hinauslaufen werde.

Stadtmarketing: "Es hilft der Tourismus-Branche"

Auch Corinne Miseer, Geschäftsführerin des Dresdner Stadtmarketings, sieht den Ski-Weltcup vorwiegend positiv. "Was jedem einzelnen von uns nützt, ist der Effekt aus der weltweiten Medienberichterstattung. Schöne Bilder, beispielsweise von den Wettkämpfen vor unserer Stadtsilhouette werden in China ebenso zu sehen sein wie in den USA oder in den skandinavischen Ländern und Deutschland", sagt Miseer.

Dies sei eine "enorme Werbung für die Stadt" und mache Dresden als Reiseziel bekannt. Miseer fordert von den Bürgern "sportlichen Geist". Der Tourismus an der Elbe sei eine der wichtigsten Branchen der Stadt und durch Corona stark betroffen. "Umso wichtiger ist in diesen Zeiten, positiv wirkende Bilder der Stadt in die Welt zu transportieren", sagt Miseer.

Riesige Buchstaben drücken die Liebe zur Stadt als Kulisse des Ski-Weltcups aus.
Riesige Buchstaben drücken die Liebe zur Stadt als Kulisse des Ski-Weltcups aus. © Christian Juppe

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