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Arbeiten Gastro-Beschäftigte in Dresden zum Hungerlohn?

Die Arbeitnehmer im Gastro-Gewerbe verdienen in Dresden laut einer Analyse weit unterdurchschnittlich. Doch der Schein trügt.

Von Juliane Just
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Servicekräfte, Köche und Hotelangestellte verdienen in Dresden laut einer Analyse weit weniger als ihre Kollegen anderswo in Deutschland.
Servicekräfte, Köche und Hotelangestellte verdienen in Dresden laut einer Analyse weit weniger als ihre Kollegen anderswo in Deutschland. © Archiv/Christoph Schmidt/dpa

Dresden. Sie arbeiten oft, wenn andere freihaben. Im Gastro-Gewerbe und der Hotellerie ticken die Uhren meist anders, verlagern sich die Arbeitszeiten in die Nachtstunden. Trotzdem kommen Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte mit ihrem Gehalt nicht über die Runden. Das zumindest betont die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und bezieht sich auf eine Analyse der Hans-Böckler-Stiftung. Warum verdienen die Servicekräfte in Dresden so schlecht? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von welchem Verdienst geht die Gewerkschaft für die Branche aus?

Die Hans-Böckler-Stiftung hat Zahlen der Agentur für Arbeit ausgewertet. Demnach sollen Beschäftigte aus dem Gastgewerbe, die eine Vollzeitstelle haben, in Dresden auf ein mittleres Monatseinkommen von 1.882 Euro brutto kommen. Die Gewerkschaft NGG rechnet vor, dass Hotel- und Gastro-Beschäftigte damit 42 Prozent weniger verdienten als der Branchendurchschnitt.

Wird in Dresden wirklich so wenig Gehalt gezahlt?

"Insgesamt gibt es in Ostdeutschland ein niedrigeres Lohnniveau", sagt Olaf Klenkle, Landesbezirkssekretär der NGG in der Region Ost. Der Lohnunterschied zwischen Ost und West ist ein übliches Gefälle. Doch die Zahlen, die die Gewerkschaft herausgegeben hat, werfen auch Fragen auf. Warum sollte gerade in der sächsischen Landeshauptstadt so ein Hungerlohn gezahlt werden?

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband stellt die Zahlen infrage. "Jeder, der derzeit Fachkräfte braucht, muss sie auch entsprechend bezahlen. Die Löhne liegen momentan deutlich höher", betont Axel Klein als Hauptgeschäftsführer für Sachsen.

Auch Grit Löst, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Dresden, hält entgegen: "Das mittlere Einkommen ist in allen Branchen in Dresden auf einem überdurchschnittlichen Niveau."

Auf welchen Zahlen und Erkenntnissen beruht die Analyse?

Die Hans-Böckler-Stiftung hat Bruttogehälter mehrerer Branchen in den einzelnen Bundesländern ins Verhältnis gesetzt. Entscheidend ist zum einen die Zeit der Analyse. Es handelt sich um Daten von Ende 2020. Durch die Corona-Pandemie, also die damit einhergehenden Einschränkungen und zwei Lockdowns, mussten viele Arbeitgeber in der Gastronomie ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. In der Auswertung könnte das die ohnehin recht niedrigen Löhne weiter nach unten gedrückt haben. Zum Vergleich: Eine weitere Analyse der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass eine Fachkraft Ende 2018 auf ein mittleres Einkommen von 2.463 Euro brutto gekommen ist.

Zum anderen lohnt sich ein Blick darauf, wie die herangezogenen Zahlen ins Verhältnis gesetzt wurden. Das mittlere Monatseinkommen liegt bei einer Vollzeitstelle im Gastgewerbe Ende 2020 bei 1.882 Euro. Die Zahl, die die NGG hinzuzieht, ist das mittlere Einkommen von allen Branchen. Darunter sind unter anderem auch die gut verdienenden Sektoren Finanz- und Sicherheitsdienstleistungen oder auch verarbeitendes Gewerbe, die auf mehr als 4.000 Euro Bruttolohn kommen.

Setzt man dies ins Verhältnis, kommt ein Gefälle von 42 Prozent heraus. Zieht man jedoch ausschließlich die Zahlen des Gastro-Gewerbes heran, verdienen die Beschäftigten bundesweit durchschnittlich 1.957 Euro. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis, betrüge das Gefälle im Vergleich zu Dresden nur vier Prozent. Ein Blick auf die Nachbarbundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen zeigt, dass die Kollegen dort noch weniger verdienen. Der Vergleich zwischen dem Gastro- und Hotelgewerbe und beispielsweise dem stark verdienenden Bergbau-Sektor hinkt.

Warum werden die Zahlen so interpretiert?

"Das Schema, nach dem die NGG hier vorgeht, ist nicht neu. Hier werden bewusst Tarifverhandlungen vorangetrieben", sagt Dehoga-Geschäftsführer Axel Klein. Die Gewerkschaft NGG kündigt im gleichen Atemzug mit den Hungerlohn-Auswertungen an, die derzeitigen Tarifverträge bis Ende des Jahres kündigen zu wollen und sich mit den Arbeitnehmern an einen Tisch setzen zu wollen. Ein Blick auf die derzeit geltenden Tarifverträge zeigt: Auch dort sind die Löhne ähnlich niedrig angesetzt. Das liege jedoch an den Arbeitgebern, so die NGG.

Die Gewerkschaft NGG fordert für den neu auszuhandelnden Tarifvertrag 13 Euro Stundenlohn im Gastro-Gewerbe und eine Erhöhung des Lohns je nach Arbeitsjahren. "Über eine Mindestlohn-Diskussion sind wir längst hinaus. Wir sind keine Ausbeuter", so Dehoga-Chef Axel Klein. Der derzeitige Mindestlohn liegt bei 9,60 Euro.

In einem sind sich jedoch alle einig: Die Mitarbeiter der Gastro-Branche verdienen Anerkennung und Wertschätzung, die sich beim Gehalt widerspiegelt. "Sie waren diejenigen, die während der Krise die Stange gehalten haben und die jetzt am Mann stehen, um alles wieder zum Laufen zu bringen", so Olaf Klenkle von der NGG.