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"Ich hatte hier schon Gänsehautmomente"

Der Dresdner Gastronom René Kuhnt war auf der Suche nach ländlicher Ruhe und findet am Rand der Stadt etwas völlig Überraschendes.

Unter der alten Linde im Garten sitzt René Kuhnt am liebsten - und seit Pfingsten ist das auch für seine Gäste ein Lieblingsplatz.
Unter der alten Linde im Garten sitzt René Kuhnt am liebsten - und seit Pfingsten ist das auch für seine Gäste ein Lieblingsplatz. © Marion Doering

Dresden. Der Busfahrer geht auf die Bremsen. Hält mitten auf der Straße, lässt die Fensterscheibe herunter und ruft über den Gartenzaun: "Ist schon geöffnet?" Dann grüßt er lachend und kündigt sein Kommen fürs Wochenende an.

Der Zaun riecht noch nach frischem Holz. Er umgibt Holztische und Stühle, die um eine große Linde im Gras stehen. Seit René Kuhnt das Grundstück gekauft hat, verändert sich hier mit jedem neuen Tag etwas. Der ehemalige "Gasthof zur Silbertalsperre Rennersdorf" hatte leer gestanden, seit seine letzte Bewohnerin mit über 90 Jahren gestorben war. Seit rund drei Monaten absolviert der Dresdner Gastronom dort von morgens bis mittags sein Frühsportprogramm, wie er es nennt.

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Graben, schachten, hacken, abreißen, neu bauen, freilegen, verputzen, malern, schleifen, ölen - alles macht der 52-Jährige selbst. "Nur für Spezialarbeiten wie Elektrik hole ich Handwerker." René Kuhnt ist Gastwirt, Restaurator, Innenarchitekt, Künstler, Designer und Hobbyhistoriker in einer Person.

Im Erdgeschoss des ehemaligen Gasthofes zur Silbertalsperre Rennersdorf hat René Kuhnt schon in liebevoller Handarbeit altes Mauerwerk freigelegt und konserviert, neue Fenster eingebaut und Boden verlegt. Eine richtige Gaststube will er aber nicht betreib
Im Erdgeschoss des ehemaligen Gasthofes zur Silbertalsperre Rennersdorf hat René Kuhnt schon in liebevoller Handarbeit altes Mauerwerk freigelegt und konserviert, neue Fenster eingebaut und Boden verlegt. Eine richtige Gaststube will er aber nicht betreib © Marion Doering

Das Grundstück an der Rennersdorfer Hauptstraße hat schon viele Generationen beherbergt. Mitte des 19. Jahrhunderts bebaut, stehen dort zwei aus grobem Sandstein gemauerte Gebäude. "Das kleine war mal ein Armenhaus, das große eine Wirtschaft mit Tanzsaal und Gästezimmern", weiß Kuhnt.

Der Saal in der oberen Etage wurde irgendwann in mehrere kleine Zimmer unterteilt, in denen die Arbeiter, die ab 1928 das Staubecken Oberwartha bauten, untergebracht waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg quartierte die Gemeinde dort Geflüchtete aus Schlesien ein. "Eine davon hat den alten Gasthof später gekauft und bis zum Schluss darin gelebt", erzählt René Kuhnt. Ihre Erben verkauften schließlich Haus und Hof.

"Eigentlich hatte ich ein Häuschen im Ländlichen gesucht, in dem ich mir ein Atelier und eine kleine Wohnung einrichten kann, um hin und wieder Ruhe vom Trubel der Stadt und vom Job zu haben", erzählt Kuhnt. Er ist als ruheloser Geist, hingebungsvoller Gastgeber und Betreiber des Bistros T1 und der Kulturwirtschaft auf dem Gelände des Kulturkraftwerkes Mitte bekannt.

Alte Bauernregel: Schwalben bringen Glück. Deshalb lässt René Kuhnt auch sie bei sich einkehren und freut sich über ihren Gesang. Wie sie gekommen sind, fliegen sie auch wieder ins Freie.
Alte Bauernregel: Schwalben bringen Glück. Deshalb lässt René Kuhnt auch sie bei sich einkehren und freut sich über ihren Gesang. Wie sie gekommen sind, fliegen sie auch wieder ins Freie. © Marion Doering

Als er das alte Ensemble aus Haupthaus mit Scheune und dem ehemaligen Armenhaus fand, merkte er schnell, dass es mehr hergibt, als nur Rückzugsort zu sein. So entstand die Idee, Mietswohnungen darin unterzubringen. Doch es kam anders: "Mir wurde immer mehr bewusst, dass das hier mal eine Gastwirtschaft war." Sogar als Konsum wurde das Haus genutzt. Schließlich entdeckte René Kuhnt, was sich hinter den kleinen Kemenaten des Obergeschosses verbarg: der Tanzsaal. Da reifte rasch der neue Plan.

Jetzt stehen im Garten mit der großen alten Linde besagte Tische und Stühle. Um den Baumstamm hat René Kuhnt eine Bank gebaut, so wie sich das für eine richtige Dorflinde gehört. Am Zaun stoppt nicht nur der Busfahrer der Linie 91, sondern auch die halbe Rennersdorfer Einwohnerschaft, sogar die beiden Ziegen Flax und Krümel haben den Neuankömmling schon begrüßt.

Am Pfingstsonnabend hat Kuhnt seinen Ausschank mit Freisitz das erste mal geöffnet. "Die Schlange am Fenster, durch das ich Getränke und kleine Speisen verkaufe, stand durch den halben Garten", erzählt er begeistert. "Ich hatte hier schon Gänsehauterlebnisse!" Ein betagter Nachbar kam vorbei, um zu erzählen, dass er die Linde einst gepflanzt hat. Ein anderer erzählte, seine Oma sei zum ersten Mal nach Jahren nach 20 Uhr nach Hause gekommen, weil sie sich verplaudert habe. Die Freude über den neuen Treffpunkt ist riesengroß.

Auf einem historischen Foto aus DDR-Zeiten ist das Anwesen an der Rennersdorfer Hauptstraße mit dunkel gedecktem, ehemaligen Armenhaus und Scheune am Haupthaus zu sehen.
Auf einem historischen Foto aus DDR-Zeiten ist das Anwesen an der Rennersdorfer Hauptstraße mit dunkel gedecktem, ehemaligen Armenhaus und Scheune am Haupthaus zu sehen. © Marion Doering

"Ein Anwohner hat mir gesagt: Mach bloß nicht wieder zu. Wir finden dich!", erzählt René Kuhnt lachend. Wie könnte er? Natürlich hängt seine kleine Freiluftwirtschaft, die künftig an Wochenenden mit gutem Wetter ab 11 Uhr geöffnet sein wird, davon ab, wie viel Anklang sie auf Dauer findet. Doch der Wirt ist zuversichtlich: "Hier kommen viele Ausflügler vorbei, im Sommer auch die Badegäste vom Stausee." Der sei so nah, dass er selbst in Schlappen und Bademantel zum Schwimmen gehen könne.

Außerdem haben sich ganz besondere Glücksbringer bei René Kuhnt eingefunden: ein Schwalbenpaar, das regelmäßig durch die neue Tür zum Erdgeschoss hereinfliegt, sich auf dem Rahmen eines großen Wandspiegels niederlässt und tschilpt, als wollten auch die beiden den Neuen herzlich willkommen heißen. "Bauern sagen, Schwalben bedeuten Gutes. Deshalb dürfen sie hereinkommen, wann immer ich hier bin." Wie selbstverständlich fliegen sie nach ihrem Konzert wieder durch die Tür hinaus in den Garten.

Vielleicht wird René Kuhnt die gesuchte Abgeschiedenheit an diesem Fleckchen Erde nicht finden. Dafür umso mehr Dankbarkeit und Herzlichkeit. Hoffnungsfroher kann dieser besondere Sommer gar nicht beginnen. Wenn genügend Gäste es ihm danken, schreibt der alte Gasthof sein nächstes 150-jähriges Kapitel. Und innere Ruhe durchflutet René Kuhnt schon, wenn er nur auf die herrliche Linde blickt - kreative innere Ruhe.

Blick in den früheren Tanzsaal. René Kuhnt hat die Wände der kleinen Kemenaten herausgerissen und den großen Raum wieder freigelegt. An den Wänden kommen alte Malereien zum Vorschein.
Blick in den früheren Tanzsaal. René Kuhnt hat die Wände der kleinen Kemenaten herausgerissen und den großen Raum wieder freigelegt. An den Wänden kommen alte Malereien zum Vorschein. © Marion Doering

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