merken
PLUS Feuilleton

Aber beim Urknall war er selbst nicht dabei

80-50-30: Der Dresdner Kabarettist und SZ-Kolumnist Wolfgang Schaller feiert vor illustrem Publikum gleich mehrere Jubiläen.

Ein Abend mit Grammophon: Kabarettist Wolfgang Schaller bei seiner Jubiläumslesung am Sonntag in der Herkuleskeule.
Ein Abend mit Grammophon: Kabarettist Wolfgang Schaller bei seiner Jubiläumslesung am Sonntag in der Herkuleskeule. © Arvid Müller

Manchmal wird es selbst einem wie Wolfgang Schaller zu viel. Dann ruft er den Kollegen Steimle an. „Mensch Uwe, was haste denn da wieder gesagt!“ Auch mit Lisa Eckharts Pointen tut er sich manchmal schwer. Mit Dieter Nuhr sowieso. Na und? Satire muss wehtun, muss anecken, stören und verstören. „Sonst ist es Wellness“, sagt Schaller, der immer mal wieder als „Urgestein des Kabaretts“ bezeichnet wird. Er, der sich selbst eine „Humor-Allergie“ attestiert, nimmt das durchaus mit Genugtuung zur Kenntnis, weist jedoch darauf hin, dass er beim Urknall selbst nicht zugegen war.

Es ist nicht nur ein Jubiläum, das Wolfgang Schaller in diesem stillgelegten Jahr feiert. 80, 50, 30 sind seine aktuellen Maße. 80 Jahre alt ist er im April geworden. 50 Jahre lang ist er inzwischen als Autor an der Dresdner Herkuleskeule tätig. Und seit 30 Jahren schreibt er seine Kolumnen für die Sächsische Zeitung. Genug zu feiern also, würde dieses Virus nicht auch im Kabarett keinen Spaß verstehen.

Familien aufgepasst
Familien aufgepasst

Hier finden Sie alle Ergebnisse des Familienkompass 2020.

Variationen fremder Gedanken

Inzwischen muss man zum Lachen aber nicht mehr ins Homeoffice gehen und im Keller des Kulturpalasts schwingt wieder die Keule. Also wurde am Sonntagabend nachgeholt, was im April ausfallen musste – allerdings im Corona-Format und nicht als Gala, für die ihm Frank Schöbel eigentlich einen Auftritt geschenkt hatte. Was blieb, war eine „Lesung mit Grammophon mit Hilfestellung hilfreicher Helfer aus dem Ensemble“. 

Ein großartig aufgelegter Schaller trug aus neueren und älteren und aus ganz alten Texten vor. Von vor 89, von nach 89 und von 89. Er kann sich diese Rückschau erlauben, denn er hat eine Vergangenheit. Dass sein Publikum meist aus seiner eigenen Altersklasse stammt, ist dabei von Vorteil: „Die haben die Pointen oft am nächsten Tag vergessen.“ Vielleicht heißt Schallers jüngstes Buch auch deshalb: „Eh ichs vergesse.“

Es ging also um Gott (an den er nicht glaubt) und die Welt (an der er oft verzweifelt) und um Visionen (an denen er trotz allem festhält). Wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, hat Helmut Schmidt mal gesagt. Aber auch kluge Männer sagen mal dumme Sätze. Schallers Weisheit geht anders: „Wir haben keine Visionen mehr, vielleicht sollten wir mal zum Arzt gehen.“

Gern zitiert er andere Geister, die auch schon klug gedacht haben. Noch lieber variiert er deren Gedanken. „Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt, aber es hat nicht gewonnen“, sagte mal Baggerführer Gundermann. Schaller, der gern zugibt, sich oft genug geirrt zu haben, bekennt: „Ich setze gern aufs falsche Pferd, solange es für mehr Gerechtigkeit läuft.“

"Ist es Glück oder dumm?"

Foto- und Filmsequenzen erinnerten an seinen Werdegang, an Ehrungen, Preise und an Mitstreiter wie Hildebrandt, Ensikat und Schneyer. Auch im Publikum saßen am Sonntag illustre Kollegen und Kumpane aus all den Jahren. Man sah neben anderen Wolfgang Stumph und Gunter Emmerlich, Wolfgang Berghofer sogar. Auch alle vier Schaller-Kinder waren anwesend, was selten genug vorkommt. 

Zusammen mit seiner Frau Birgit, die es schon 36 Jahre mit ihm aushält, überreichte der Jubilar schließlich dem Herkuleskeulen-Ensemble noch den „Ehrenpreis Inspiration“. Den hatte das Dresdner Kabarett neulich bei der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises 2020 bekommen.

Inspirieren will Wolfgang Schaller auch noch als Achtziger, auch als Kolumnist der SZ. Er kann ja gar nicht anders. Und sang zum Schluss sein Kabarettistenbekenntnis: Warum kann ich's nicht lassen, ist es Glück oder dumm? Ich weiß nicht, warum.“

Mehr zum Thema Feuilleton