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Spektakuläre Kunstinstallation in der Frauenkirche Dresden

Eine sieben Meter große Erdkugel rotiert über den Köpfen der Besucher. Sie soll für den menschengemachten Klimawandel sensibilisieren.

Von Bernd Klempnow
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Vom 4. bis zum 26. März 2023 ist in der Frauenkirche Dresden die Installation "Gaia" zu sehen.
Vom 4. bis zum 26. März 2023 ist in der Frauenkirche Dresden die Installation "Gaia" zu sehen. © SZ/Veit Hengst

Dresden. Der Blaue Planet – erst seit 1968 kennt man dieses Bild der kleinen, von Wasser dominierten Erdkugel in den Tiefen des Weltalls. Astronauten der US-amerikanischen Apollo-Mission hatten es 1968 aufgenommen. Eine Abbildung des Blauen Planeten ist ab diesem Sonnabend auf eindrückliche Weise in der Dresdner Frauenkirche zu erleben – in einer spektakulären Kunstinstallation.

Ein sieben Meter großer Ballon, der die Erdoberfläche zeigt, schwebt in gut drei Metern Höhe im Kirchenschiff. Die 3D-Kugel ist innen beleuchtet und rotiert langsam im blau beleuchteten Raum – sich diesem Bild zu entziehen, geht faktisch nicht.

Genau das hat der britische Künstler Luke Jerram mit seinem als „Gaia“ – in der griechischen Mythologie die Personifizierung der Erde – bezeichneten Objekt vor. Denn er hat eine Botschaft: „Gaia“ soll still und erhaben für einen neuen Respekt vor der Natur werben. „Ich hoffe, dass die Menschen die Erde als wunderschönen, kostbaren, aber zerbrechlichen Ort wahrnehmen, als ein dringend zu bewahrendes Ökosystem, als unsere einzige Heimat.“

Kann zu bestimmten Tagen auch von den Emporen entdeckt werden. Die "Gaia"-Kunst.
Kann zu bestimmten Tagen auch von den Emporen entdeckt werden. Die "Gaia"-Kunst. © dpa/Robert Michael

Für drei Wochen ist das 2018 erstmals öffentlich und seitdem weltweit präsentierte Kunstprojekt im Rahmen der Offenen Kirche nun in Dresden zu erleben. Der Grund: „Wir leben in einer nie da gewesenen Ballung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen. Über all diese Erschütterungen wölbt sich der Klimawandel – die Mega-Krise unserer Zeit. Das müssen und wollen wir mit der Präsentation von ,Gaia’ ins Bewusstsein rücken“, so Frauenkirchenpfarrer Markus Engelhardt am Freitag bei der Vorstellung des Projekts. Erstmals habe sich die Stiftung Frauenkirche für eine derartig aufwendige Kunstaktion entschieden. „Die Tatsache, dass wir in den Hauptraum ein so großes Exponat einbringen, das die Raumwirkung so unübersehbar prägt, zeigt die Bedeutung, die wir dem Thema beimessen und wofür wir arbeiten: die Bewahrung der Schöpfung.“

Es gibt ein Rahmenprogramm mit Partnern wie dem sächsischen Umweltministerium. Sein Titel lautet „Achtung zerbrechlich!“. Es bietet bis zum 26. März Angebote für Kinder und Familien ebenso wie für Fans moderner Musik und für an aktueller Forschung Interessierte mit Thementagen zu Natur, Umwelt und Energiewende. Entsprechend grüßt Wolfram Günther als zuständiger Minister, der in dem Vorhaben eine besondere Chance sehe, um Interesse zu schüren und Motivation zu stiften: „Gerade wir in den Industrieländern haben eine riesige Verantwortung – für künftige Generationen, für unsere Umwelt. Es ist an uns, die globale Erwärmung zu stoppen und die Folgen der Klimakrise zu bewältigen. Projekte wie ,Gaia’ sind hervorragende Gelegenheiten, um ins Gespräch und von da aus ins Handeln zu kommen.“

Alles eine Frage der Perspektive: Der britische Künstler Luke Jerram am Freitag unter seinem sieben Meter großen Kunstprojekt „Gaia“.
Alles eine Frage der Perspektive: Der britische Künstler Luke Jerram am Freitag unter seinem sieben Meter großen Kunstprojekt „Gaia“. © SZ/Veit Hengst

Vier spezielle Abendöffnungen im dann illuminierten und klangerfüllten Kirchenraum eröffnen zusätzliche Perspektiven. Dann sind auch die Emporen offen. Das sei dem empfohlen, der Dresden und Sachsen erkennen möchte. Das kann man nur von der ersten Empore aus.

Lohnenswert ist auch die Ausstellung in der Unterkirche zum ökologischen Hand- und Fußabdruck. Auch sie fordert zum Nachdenken und Mitmachen auf. Was könne jeder beitragen, dass der Blaue Planet kein „grauer“ wird? Aspekte sind, welche erstaunliche Rolle dabei die Ernährung, die Mobilität, die Wohnsituation und der Konsum spielen.

Warum beeindruckt „Gaia“ so? Der 40 Kilogramm schwere, unter der Decke schwebende und von einem Gebläse permanent gefüllte Ballon bietet die einmalige Möglichkeit, die Erde so zu sehen, wie es sonst nur aus dem All möglich ist. Luke Jerram hat ihn anhand der originalen Nasa-Bilder detailgetreu geschaffen. Wie so oft in seinen Skulpturen vom kleinsten Bakterium bis zum riesigen Planeten nutzt er die Wirkung von Maßstäben. So ist „Gaia“ 1,8 Millionen mal kleiner als die Erde und dreht sich 360-mal schneller. Knapp vier Minuten dauert eine Runde.

Was Fliegerkosmonaut Siegmund Jähn empfand?

Die authentische, dreidimensionale Installation kann einen sogenannten Overview-Effekt erzielen. Damit ist eine Bewusstseinsveränderung, ein Wandel der eigenen Wahrnehmung gemeint, die Kosmonauten wie Astronauten angesichts des einzigartigen Anblicks des Planeten hatten. Ein Gefühl großer Ehrfurcht und gleichzeitig ein Verständnis für die Verbundenheit allen Lebens. Fliegerkosmonaut Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, sprach von „einer unsagbaren Schönheit und Zartheit“. Ihm sei bei diesem Anblick klar geworden, dass es der Menschheit wichtigste Aufgabe sei, den kleinen und verwundbaren Planeten für zukünftige Generationen zu hüten und zu bewahren.

Der Schöpfer von „Gaia“, Luke Jerram, war am Freitag des Lobes vom Team der Frauenkirche und selbst beeindruckt von der Wirkung in dem Dresdner Gotteshaus. Er lege immer großen Wert darauf, dass Menschen seine Kunst weltweit an wechselnden, immer öffentlichen Orten erleben können. Der Eintritt solle stets frei sein, damit Kultur allen zugänglich sei. So war „Gaia“ bereits in Australien, Asien, Europa und Amerika in Gebäuden, an Plätzen und in der freien Natur zu sehen. Erstmals lädt nun sein Wanderexponat des Blauen Planeten in einem protestantischen Gotteshaus zu einem Perspektivwechsel ein.

Abendstunden mit „Gaia“

  • Das Kunstprojekt „Gaia“ ist vom 4. bis 26. März zu den Zeiten der Offenen Kirche zu erleben.
  • Besonders eindrucksvoll ist „Gaia“ in den Abendstunden – in der abgedunkelten Frauenkirche. Den Gästen wird der Zugang zu den Emporen ermöglicht, sodass ein umfassendes Raumerlebnis entsteht. Die Frauenkirche öffnet hierfür zusätzlich an vier Abenden – mehr dazu unter www.frauenkirche-dresden.de
  • Während der gesamten Dauer von „Gaia“ gibt es in der Unterkirche eine Ausstellung zum ökologischen Hand- und Fußabdruck.