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Dresdner "Ajax"-Premiere untersucht 3.000 Jahre Krieg

Wie er sich im Kopf einnistet, auch wenn er ganz woanders tobt, erkundet die Uraufführung von „Ajax“ am Dresdner Staatsschauspiel.

Von Marcel Pochanke
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Ajax (Oliver Simon) verkörpert den Krieg auch als ein Scheitern von falscher Männlichkeit, wodurch die Mutter (Christine Hoppe) ihren Kampf um die Familie ebenso verliert.
Ajax (Oliver Simon) verkörpert den Krieg auch als ein Scheitern von falscher Männlichkeit, wodurch die Mutter (Christine Hoppe) ihren Kampf um die Familie ebenso verliert. © SSD

Bis heute ist höchst umstritten, ob es sich beim Trojanischen Krieg ganz und gar um eine antike Fiktion handelt oder ob es die griechische Belagerung mehr als 1.000 Jahre vor Beginn der Zeitrechnung wirklich gab. Gesichert ist die Wirkung der Heldenlegenden um Odysseus, den Weitgereisten, Achilles mit der verwundbaren Ferse oder den mächtigen Ajax, der sich nach einem peinlichen Irrtum ins eigene Schwert stürzte. Letzterer ist hierzulande weniger bekannt. Als Auftragswerk für das Staatsschauspiel Dresden nahm sich der Thüringer Autor Thomas Freyer des Stoffes an. Freyers Texte verweben verschiedene Perspektiven auf historische und aktuelle Ereignisse oft zu Panoramen, die zwischen den großen Zusammenhängen und kleinen, privaten Erlebnissen ganz kurze Wege nehmen. Sie sind eindringlich, manchmal komisch überspitzt und meist erschütternd. Das gilt auch für „Ajax“.

Jener Held ist hier nicht nur der griechische Recke, der ehrbar mit dem großen Hektor ringt, gegen Odysseus den Streit um die Rüstung des Achilles verliert und dann im rachedurstigen Blutrausch eine Schafherde abschlachtet, die er im Wahn für Odysseus und seine Krieger hält. Ajax ist auch der Vater eines Sohnes und das Oberhaupt einer Familie, von denen er sich entfremdet, weil er nur dieses sieht und kann: Krieg.

Das „Nein“ der Frauen verhallt oft

Ein zweiter Vater, einer aus der heutigen Zeit, kommt in Freyers Entwurf zu diesem Ajax hinzu. Er heißt Michael und trägt keine Rüstung wie der Grieche, sondern braune Biedermeierkleidung. Auch in seinem Kopf bestimmt der Krieg das Bewusstsein. Schon am Beginn redet er über wenig anderes mit seiner Frau (Chistine Hoppe). „Aber was heißt das hier für uns, Michael? Troja ist weit weg“, beschwört sie ihn, sich um sie und alltägliche Notwendigkeiten wie Kochen oder Abwaschen oder wenigstens den gemeinsamen Sohn zu kümmern. Er verbringt seine Zeit jedoch im Internet, legt Vorräte an, baut schließlich einen Bunker.

Davon sehen wir als Zuschauer nichts. Keine Requisiten, Bilder oder gar Videos. Allein die Sprache, Gesten, Schattenspiele und das sich ändernde Erscheinungsbild der Handelnden (Kostüme: Katja Strohschneider) erzeugen die Geschichte. Raffiniert schiebt Regisseur Jan Gehler die Ebenen ineinander. Bühnenbildnerin Sabrina Rox hat als Kulisse einen monumentalen halbtransparenten Vorhang erdacht, der zwei Spielräume abgrenzt. Getrennt sind hier aber nicht zwingend die antike und die heutige Familie. Diese begegnen einander durchaus, aber sie begreifen kaum, wie ähnlich ich ihre Schicksale sind.

Dem wahnwitzigen Vater den Rücken kehren

Getrennt wird indes Michael von seiner Frau, die ihn aus dem Haus wirft: „Aber du hast einfach nicht mehr aufgehört mit deiner kleinen dummen, dummen Klugheit. Was bist du für ein Häufchen geworden, Michael. Was bist du für ein Mann?“ Doch er fühlt sich ohnehin im Bunker wohler. Man ruft einander durch die Gardine Dinge zu. Er wolle nur das Beste für die Familie, sie werde es, wenn es so weit sei, verstehen. Längst ist auch der Sohn (Jakob Fließ) fort. Beschämt durch den Vater, über den der Ort inzwischen so lacht wie die Griechen über Ajax, der sich mit Schafen eine Schlacht lieferte, haust er in einer verwahrlosten Wohnung. Die Familie zerfällt, so wie es auch der griechischen widerfährt. Trotz der Tragik schallten immer wieder Lachen und Raunen durch den Saal des Kleinen Hauses in Dresden bei der begeistert aufgenommenen Premiere am Sonnabend. Text und Regie flechten scharfe Ironie und spannende Wechsel in die Aufführung ein, die oft fesselnd und überraschend auch als Theatererlebnis überzeugen.

Das Ensemble agiert stimmig und kraftvoll. Gefeiert wurde bei der Premiere vor allem Oliver Simon, der in der Hauptrolle sowohl den antiken Ajax als auch dessen aktuellen Wiedergänger Michael verkörpert. Ob auf der kampfeslustigen Suche nach Odysseus oder beim Kampf um die Achtung seiner Gattin – schnell ist im raschen Wechselspiel zu verstehen, was ihn treibt. Christine Hoppe und Fanny Staffa als Ajax’ Gemahlin sind die Frauen, die nicht vorgeben, die Welt zu hinterfragen, sondern es tatsächlich tun. Stark hallt ihr „Nein.“ Nicht immer findet es Gehör. Schon gar nicht bei Ajax’ Sohn Eurysakes (Kriemhild Hamann), der seinen Vater in der Kriegslust übertrifft. Dass der heutige Sohn einen anderen Weg geht und dem wahnwitzigen Vater die kalte Schulter zeigt – ist es ein Hoffnungszeichen? Oder nur Resignation?

„Ajax“ ist reich an Momenten, die Debatten und Diskussionen anstoßen können. Thomas Freyer mag damit ein Text gelungen sein, der anders als viele zeitgenössische Auftragsdramen öfter und anhaltender auf den Bühnen des Landes zu sehen ist. Denn dieses Troja kann, so schildert es auch der Autor, man heute natürlich in der Ukraine sehen. Doch auch viele andere und wohl leider auch kommende gewaltvolle Konflikte spiegeln sich hier wider. Teukros (Holger Hübner), der Halbbruder von Ajax, kennt auch nur den Krieg und kommt doch ins Hadern. Auf dem Bühnenrand sitzend grübelt er: „Krieg ist ein nie enden wollender, tiefer Schlaf.“ Ein stiller Satz, der lange nachhallt.

Wieder am: 7. und 18. 11. sowie am 1. 12., Kartentel. 0351 4913555