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Dresdens Fenster nach Syrien

Nach 25 Jahren Restaurierung ist das Dresdner Damaskuszimmer nun empfangsbereit. Tee gibt es auch.

Von Birgit Grimm
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Fertig restauriert, aber nicht als Raum rekonstruiert: Ausstellungsansicht des Dresdner Damaskuszimmers im Japanisches Palais
Fertig restauriert, aber nicht als Raum rekonstruiert: Ausstellungsansicht des Dresdner Damaskuszimmers im Japanisches Palais © Oliver Killig

Wie leicht sagt man dahin: „Schön, dass du da bist.“ Und man meint einen lieben Menschen, der nach langer Zeit wieder einmal zu Besuch kommt. Aber absolute Gastfreundschaft bedeutet etwas anderes: Einen Fremden ankommen zu lassen in meinem Zuhause, ohne dass ich ihn nach dem Namen frage oder von ihm eine Gegenleistung erwarte. So etwas gibt es nicht? Vielleicht ja doch: Willkommen im Dresdner Damaskuszimmer!

Es wurde 1997 in einem beklagenswerten Zustand aus dem Depot des Dresdner Völkerkundemuseums geholt, wo es seit über 100 Jahren gelagert war: 113 Einzelteile, von denen damals niemand so genau wusste, wie sie zusammengehören und welche Bedeutung sie haben. Verstaubt, verschmutzt, Vogeldreck und Zeitungen klebten an den Brettern. Der ersten vorsichtigen Reinigung folgte ein aufregendes Messen und Rechnen, Puzzeln und Forschen, bis die damalige Direktorin des Völkerkundemuseums, Annegret Nippa, sich sicher sein konnte, welchen Schatz das Japanische Palais beherbergt: Ein komplettes Empfangszimmer, das um 1810 in einem Damaszener Stadtpalast eingerichtet, 1899 vom Kunstsammler Karl Ernst von Osthaus gekauft und 1930 nach Dresden geschenkt worden war. Vier Wände, eine Decke, Eingangstür, zwei Holzgitterfenster, Wandschränke, verkleidete Regalnischen und eine Rahmenkonstruktion, mit der die Vertäfelung mit bis zu 15 Zentimeter langen Nägeln an der Wand befestigt war. Die damals frisch diplomierte Restauratorin Anke Scharrahs kniete sich in die Forschung. Inzwischen hat sie diverse syrische Empfangszimmer restauriert wie im Metropolitan Museum New York und im Museum für Islamische Kunst in Doha. Zurzeit arbeitet sie am Aleppozimmer im Berliner Pergamonmuseum. Auch in Privathäusern in Damaskus, Potsdam und London war ihre Expertise gefragt.

Blumen und Früchte als Dekor

Spiegelnde Details
Spiegelnde Details © SAE Sächsische Zeitung

Die Restaurierung in Dresden erfolgte in Etappen, immer dann, wenn wieder Geld aufgetrieben werden konnte. Viele Mäzene und Stiftungen waren daran beteiligt, und viele Dresdnerinnen und Dresdner verfolgten über Jahre gespannt die Arbeiten. Sie nahmen in Augenschein, wenn Paneele oder Schranktüren fertig restauriert waren, wenn Blumengebinde und Stadtansichten, exotische Früchte und Landschaften, Ornamente und arabische Schriftzüge wieder in ihrer originalen Farbigkeit hervorleuchteten.

Vielleicht werden einige Fans des Damaskuszimmers nun enttäuscht sein, weil sie einen vollständigen Raum erwarten wie einem Damaszener Altstadthaus. Dieses Erlebnis kann vorerst nur digital geboten werden, wenn man eine VR-Brille aufsetzt. Das reale, originale Damaskuszimmer bleibt ein museales Objekt auf einer metallischen Konstruktion. Zum einen reagiert das Museumsteam unter Leitung von Leontine Meijer-van Mensch auf die Debatte um die kulturelle Aneignung, indem sie kein „So-könnte-es-gewesen-Sein“ mit Teppichen und Sitzkissen oder Geschirr oder Büchern in den Schränken und Regalnischen inszeniert. Zum anderen hat es einen praktischen Grund: Der Ausstellungsraum im Japanischen Palais ist zu niedrig, um die Vertäfelung vollständig aufzubauen. Deshalb wurde eine Wand zusammen mit der Decke um 90 Grad gedreht und die Decke tiefer gehängt.

Eine Wand und die Decke wurden "ausgeklappt und tiefergelegt", weil der Raum im Japanischen Palais nicht hoch genug ist.
Eine Wand und die Decke wurden "ausgeklappt und tiefergelegt", weil der Raum im Japanischen Palais nicht hoch genug ist. © Oliver Killig

Vorteile hat diese Präsentation allerdings auch: Man kommt den Vertäfelungen sehr nahe, kann die wunderbaren Dekore detailliert betrachten, kann auch die Rückseiten der Bretter und deren Konstruktion inspizieren. „Im Dresdner Damaskuszimmer sind alle Teile der Vertäfelung erhalten, das ist einzigartig“, sagt Leontine Meijer-van Mensch. Und dass man das alles unmittelbar anschauen kann, ist wohl auch eher selten. Zum Beispiel wird das Aleppozimmer in Berlin hinter einer Glaswand ausgestellt und darf nicht betreten werden. „Dieses Zimmer lebt nur, wenn es genutzt wird“, ist sich die Museumschefin sicher.

Ein offener Ort des Austauschs

Das neue Empfangszimmer im Japanischen Palais in Dresden: Ankommen, Schuhe aus, Socken an, hinsetzen, Tee trinken...
Das neue Empfangszimmer im Japanischen Palais in Dresden: Ankommen, Schuhe aus, Socken an, hinsetzen, Tee trinken... © Oliver Killig

Nutzen sollen es die Museumsbesucherinnen und -besucher nicht nur, indem sie es bewundern. Der Empfangsraum der neuen Ausstellung – und derzeit auch des Dresdner Völkerkundemuseums – ist in Rot gehalten. Flache Sitzbänke mit Kissen. Schuhe aus, Socken an, Tee steht bereit, und schon können die Gedanken gen Damaskus wandern. Hier kann man gemütlich sitzen, miteinander reden und einander zuhören. Oder lesen, das Bücherregal ist gut gefüllt.

Porträts, die die syrische Künstlerin Rania I. Kataf fotografierte, und die Geschichten dieser Menschen bringen Damaszener Flair ins Japanische Palais. „Dieses Zimmer fühlt sich für mich wie ein Stück von mir oder wie ein Stück von meinem Land an. Deshalb fühle ich mich damit so verbunden“, sagt die Künstlerin. Wie Gastfreundschaft anderswo in der Welt gelebt wird, davon erzählen Objekte aus der Sammlung des Völkerkundemuseums im dritten Raum der Ausstellung. Wie sie aussehen, klingen, riechen, schmecken und sich anfühlen kann, all das kann im Japanischen Palais erlebt werden. Das immer noch auf seine Sanierung wartende Haus mausert sich mit dieser Ausstellung zu einem Ort des Austauschs und der Begegnungen, in dem die Staatlichen Kunstsammlungen von ihren Gästen auch wissen wollen, wie Museen sich präsentieren müssen, um bedingungslos gastfreundlich zu sein.

Das Dresdner Damaskuszimmer im Japanischen Palais, Palaisplatz 11, geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.