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Heimatgefühle am Ufa-Palast

Saxofonist Timur Valitov will von Dresden aus die Jazzwelt aufmischen. Und ein paar Klassiker auf diesem Trip mitnehmen.

Timur Valitov stammt aus dem russischen Ufa und studiert jetzt an der Dresdner Musikhochschule Jazz. Ein Stipendium von saechsische.de erleichtert ihm derzeit das coronabedingte Leben ohne Auftritte.
Timur Valitov stammt aus dem russischen Ufa und studiert jetzt an der Dresdner Musikhochschule Jazz. Ein Stipendium von saechsische.de erleichtert ihm derzeit das coronabedingte Leben ohne Auftritte. © Marga Inga

Die Fremde kann sehr vertraut wirken. So hat es zumindest Timur Valitov empfunden, als er vor zwei Jahren fürs Saxofon-Studium an der hiesigen Musikhochschule nach Dresden kam. „Es gibt russische Restaurants, russische Läden und dann wohne ich auch noch in der St. Petersburger Straße mit Blick auf den Ufa-Palast.“ Wobei er bei Letzterem weniger die Filmfirma im Sinn hat als vielmehr seine ursprüngliche Heimat.

Valitov stammt aus Ufa, einer russischen Stadt kurz vorm Ural, die immerhin weit über eine Million Einwohner hat. Da wirkt für ihn Dresden nicht nur eher beschaulich, sondern vor allem fast schon verkehrsberuhigt. „Hier sind die Straßen weniger breit als zu Hause, nicht so vollgestopft mit Autos. Dafür fahren mehr Busse und Bahnen, man kann sehr gut überall hinlaufen.“ Sein jungenhafter Charme ist unbedingt authentisch, ebenso seine offensichtlich unbremsbare gute Laune. Strahlend ergänzt er: „Die Dresdner sind viel freundlicher als die meisten Russen und auch freundlicher als die Berliner.“

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Stipendium statt kellnern

In die deutsche Hauptstadt war er zunächst gezogen, um sein Deutsch zu verbessern und um vielleicht dort zu studieren. Dann bekam er jedoch eine Zusage aus Dresden. Damit war das Kapitel Berlin abgehakt. Bereits in St. Petersburg hatte der 1994 geborene Musiker Saxofon studiert, das setzt er nun hier fort. Weil sein Talent und sein Engagement für die Ausbildung außergewöhnlich sind, wurde ihm das erstmals vergebene Stipendium von saechsische.de zuerkannt. Für Valitov gerade jetzt ein Segen. „Durch Corona kann ich ja nirgends live spielen, nur schlecht Unterricht geben und somit kaum etwas verdienen.“ Lachend versichert er: „Ich habe bislang noch nie nebenbei kellnern müssen, sondern immer mit der Musik gerade genug zum Überleben verdient.“

Angefangen hat er als Pianist und mit Fixierung auf Klassik. „Bis mir meine Lehrerin Platten von John Coltrane und Billie Holiday mitbrachte – das hat mein Leben auf den Kopf gestellt.“ Valitov, dessen Eltern mit Musik wenig, mit Jazz gar nichts anfangen könnten, ließ die klassische Klavierausbildung fahren und stieg auf Saxofon um. Wobei er selbst nicht zwischen E- und U-Musik trennt. Mit seiner Band etwa, die er nach seinem ersten Jahr in Dresden gründete, schlägt er eine Brücke zwischen den Genres, versucht speziell Kompositionen russischer Komponisten in Jazz zu übersetzen.

Rachmaninow gegen die Trauer

Dafür würde er gerade sehr viel Musik hören, einer der wenigen Vorteile des Lockdowns. „Aber ich spiele nie etwas nach. Mein erklärtes Ziel ist es, nicht jemand zu sein, von dem man sagt, dass er wie dieser oder jener Star klingt. Ich will der sein, den man aus Tausend anderen raushört.“ Tatsächlich guckt Timur Valitov jetzt sehr ernst. Wenn es um die Musik und um seine Karriere geht, kennt er halt keinen Spaß. Wenn er anschließend die Bedeutung, die Musik generell für sein Leben hat, erklärt, lässt er die blauen Augen sofort wieder über einem breiten Lächeln leuchten. „Wenn ich traurig bin, höre ich immer das zweite Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow, bin ich glücklich, höre ich einfach alles, was gerade verfügbar ist.“

"Wir spielen besser als jemals zuvor"

Am häufigsten jedoch macht er selbst Musik. Denn der junge Mann mit der eher schlaksigen Statur bekennt: „Ja, ich bin ehrgeizig.“ Also übt er täglich, an manchen Tagen bis zu acht Stunden. Nicht nur Saxofon, sondern ebenso am Klavier. Das ist ihm nach wie vor ein wichtiges Mittel, seine eigene Musik zu entwickeln. Die würde er sehr gerne bald veröffentlichen; das erste Album könnte – wenn nicht auch da die Pandemie alles blockiert – im Sommer erscheinen.

Das Timur Valitov Quartett steht jedenfalls bereit, die Jazzwelt aufzumischen. Ein Duo zusammen mit dem Pianisten Victor Möhmel hat Valitov obendrein ins Leben gerufen, auch da ist es nicht mehr weit bis zum ersten Album. „Ohne direktes Zusammenspiel ist es allerdings schwer, voranzukommen“, sagt Valitov. „Jazz ist nun mal in erster Linie Kommunikation unter den Musikern.“ Ein Optimist wie er sieht dennoch nie schwarz. „So ausgehungert, wie wir alle jetzt sind, werden wir – sobald es geht – besser spielen als jemals zuvor.“

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